«Es ist eine gefährliche Sportart»: So erlebte der Schweizer Skispringer Deschwanden Tandes Horror-Sturz
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«Es ist eine gefährliche Sportart»So erlebte der Schweizer Skispringer Deschwanden Tandes Horror-Sturz

Beim Skifliegen in Planica stürzte Daniel-André Tande schwer. Die Videos und Bilder des Sturzes schockierten. Auch vor Ort war der Schweizer Skispringer Gregor Deschwanden. Mit uns spricht er.

von
Nils Hänggi

Hier ist er nochmals zu sehen: Der Horror-Sturz von Tande.

Quelle: MMC

Darum gehts

  • Daniel-André Tande (27) stürzte in Planica schwer.

  • Beim Probedurchgang verlor der Norweger kurz nach Absprung die Balance.

  • Vor Ort war auch der Schweizer Gregor Deschwanden.

  • Mit 20 Minuten spricht er darüber, wie er den Sturz erlebte.

Der brutale Sturz von Norwegens Top-Skispringer Daniel-André Tande wird das sportliche Geschehen beim Weltcup im slowenischen Planica weiter überschatten. Am Donnerstag war der 27-Jährige nach einem heftigen Aufprall im Probedurchgang «intubiert und mechanisch beatmet» worden, in Ljubljana befindet er sich nun im künstlichen Koma, um sein Gehirn zu entlasten.

Norwegens Nationalcoach Alexander Stöckl hat derweil grosse Hoffnung, dass Tande wieder vollständig gesund wird. Man gehe derzeit davon aus, dass keine Schäden zurückbleiben, so der Coach. «Die ersten Untersuchungen haben nichts Negatives ergeben.» Und: «Am Abend wird er wahrscheinlich aus dem Koma aufgeweckt werden.Dann sind natürlich weitere Tests notwendig.» Bisher wurden bei Tande ein Schlüsselbeinbruch und eine leichte Punktierung der Lunge diagnostiziert.

Die Skisprung-Welt kann also aufatmen. Dennoch: Mehrere Skispringer sind fassungslos nach dem Horrorsturz. Deutschlands Top-Athlet Karl Geiger, dessen dritter Platz zur Nebensache geriet, wirkt schwer geknickt und meint etwa: «Das ist tragisch. Das ist eine üble Geschichte.» In Planica ebenfalls vor Ort ist Gregor Deschwanden. 20 Minuten erreicht den Schweizer, der am Donnerstag bereits nach dem 1. Durchgang die Segel streichen musste und am Schluss 33. wurde, am Morgen danach.

«Es ist eine gefährliche Sportart»

«Den Sturz habe ich live nicht miterlebt. Gerade als er sprang, bin ich aus dem Stadion gelaufen», erzählt der 30-Jährige. Er habe sich bewusst keine Videos des Sturzes angeschaut, habe nur ein paar Bilder gesehen, verrät er weiter. «Die reichen mir auch. Ich weiss, wie solche Stürze ablaufen. Skifliegen ist eine solche Freude, es macht so Spass», so Deschwanden. Und: «Und dann passiert so ein Sturz, der einen in die Realität zurückholt. Der zeigt, dass es auch bei den besten Skispringern der Welt nicht viel braucht für einen Sturz. Es ist halt eine gefährliche Sportart.»

Auf die Frage, wie er damit umgehe, dass Stürze passieren könnten, meint er: «Ich versuche, sie auszublenden. Denn wenn ich den Fokus verliere, dann wird es auch für mich gefährlich.» Deschwanden gibt aber zu: «Im Moment, kurz bevor man springt, gibt es eine Phase. Eine Phase, in der der Kopf einen verarschen will. Einen verunsichern will.» Er sage sich dann nochmals alle wichtigen Punkte, die er im Sprung erfüllen müsse. «Das ist wichtig. Das Positive muss im Vordergrund sein. Denn wenn irgendeine Gehirnzelle findet, dich verunsichern zu müssen, dann musst du das ausblenden.»

Gregor Deschwanden lief gerade aus dem Stadion, als Tande stürzte. 

Gregor Deschwanden lief gerade aus dem Stadion, als Tande stürzte.

REUTERS

Der Sturz war nicht der erste Schicksalsschlag

Man merkt, Deschwanden hat einen Plan. Einen Plan, wie er trotz der Gefährlichkeit der Sportart, trotz des schweren Sturzes von Tande den Fokus behält. Und so denkt der 30-Jährige auch bereits an die nächsten Sprünge an diesem Wochenende. Er sagt: «Mein Ziel ist es, nochmals in die Punkteränge zu kommen. Und wenn möglich sogar einmal über meinen persönlichen Rekord hinauszuspringen, der ja bei 230 Metern liegt.»

Und Tande? Während an der Schanze am Freitag das nächste Einzel gesprungen wird, kann die Skisprung-Welt erstmals – wie erwähnt – aufatmen. Tande geht es den Umständen entsprechend gut, er überlebt. Es scheint so, dass der Norweger Glück im Unglück hatte. Wieder einmal. Denn: Der Sturz ist nicht das erste Schicksal in Tandes Leben.

Nach den Olympischen Spielen 2018 erkrankte er am Stevens-Johnson-Syndrom. Mit einer anscheinend harmlosen Entzündung im Mund begann es. Nur einen Tag später zeigte sich jedoch, dass es sich um eine lebensgefährliche und möglicherweise tödliche Hautkrankheit handelte. Gegenüber dem «Spiegel» sagte er: «Als ich wieder aufgewacht bin, konnte ich nicht mehr atmen. Für ein paar Sekunden habe ich gedacht, dass ich sterbe. Mein Mund war eine grosse Wunde, ich musste durch einen Schlauch ernährt werden.» Doch Tande kämpfte sich zurück, zurück an die Weltspitze.

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Am Donnerstagnachmittag stürzte Tande schwer. 

Am Donnerstagnachmittag stürzte Tande schwer.

REUTERS
Er prallte mit voller Wucht in den Schnee. 

Er prallte mit voller Wucht in den Schnee.

REUTERS
Der 27-Jährige musste laut ZDF noch vor Ort reanimiert werden. 

Der 27-Jährige musste laut ZDF noch vor Ort reanimiert werden.

AFP

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