Aktualisiert 26.02.2014 10:26

«Positive Reaktionen»So erlebten Schwule ihre RS

Laut einer Studie ist die Schweizer Armee ziemlich homophob. Viele Schwule berichten jedoch von guten RS-Erfahrungen – nur «feminine Homos» hätten es schwer.

von
Simon Hehli
Schweizer Infanteristen üben im Feld. Die Schweizer Armee ist laut einer Studie homophob – doch viele Schwule haben während des Dienstes keine Diskriminierungen wegen ihrer sexuellen Ausrichtung erlebt.

Schweizer Infanteristen üben im Feld. Die Schweizer Armee ist laut einer Studie homophob – doch viele Schwule haben während des Dienstes keine Diskriminierungen wegen ihrer sexuellen Ausrichtung erlebt.

Wie schwulenfeindlich ist die Schweizer Armee? Bei dieser Frage gehen die Meinungen bei Schwulenvertretern weit auseinander. Der Verband Pink Cross und SP-Politiker Alan David Sangines sind sich einig: Homosexuelle Soldaten haben es schwer. Beat Steinmann, Präsident des Vereins Schwuler Offiziere, widerspricht: Die Schweiz nehme weltweit eine Vorreiterrolle ein, was die Rechte von Homosexuellen in der Armee betrifft. Doch wie erleben es die Betroffenen selbst? 20 Minuten hat sich bei schwulen Soldaten umgehört.

Frank Neumann* erzählt, einige Zugkollegen hätten sich am Anfang der Rekrutenschule durch seine Homosexualität bedrängt gefühlt. «Aber nachdem ich sie persönlich darauf angesprochen habe, war es für sie kein Problem mehr.» Auch in der Unteroffiziersschule und bei einem Kosovo-Einsatz als Feldweibel habe er keine negativen Erfahrungen gemacht. Sprüche und Witze gegen Homosexuelle gebe es in allen Bereichen der Gesellschaft. «Doch das sind meistens unüberlegte Aussagen von Leuten, die gar nicht wissen, wovon sie reden.»

Zuerst Respekt – dann outen

Markus Meier* outete sich erst in der zwölften RS-Woche der ABC-Schutztruppe gegenüber seinen Kameraden – was sich als gute Strategie erwiesen hat: «Die anderen wussten da schon, dass ich genauso viel leisten kann wie sie. Und sie haben mich dementsprechend weiterhin respektiert.» Das sei besser, als bei der Vorstellung zu sagen: «Hallo, ich heisse Markus und bin schwul.»

Meier findet, Homosexuelle könnten sich zur Not auch mal 18 Wochen verstellen. «Unsere Sexualität leben wir nur ein paar Stunden pro Woche aus – den Rest der Zeit interessiert das eh niemanden.» Wer hingegen zu seiner Homosexualität stehe, dem helfe eine gewisse Selbstironie, so Meier. «Ich mache selbst auch Sprüche über Schwule, das entschärft das Tabu.»

«Marsch, Sport, Essen: Alles schwul»

Meier ist überzeugt, dass es Schwule in gewissen Truppengattungen, die sich besonders männlich geben, schwerer haben – etwa bei den Grenadieren. Ähnlich sieht das Pierre Haldimann*. «Bei den Panzertruppen wäre es mühsamer gewesen.» Haldimann hingegen war Koch. Und musste während 21 Wochen RS, die er im letzten halben Jahr absolvierte, keine einzige negative Bemerkung über sich ergehen lassen. «Ich habe mich bei meinen Gruppenkameraden geoutet – und alle haben darauf positiv reagiert.»

Jean-Claude Carreira engagiert sich bei der Jungen SVP und machte die Rekrutenschule als Übermittler. Seine sexuelle Ausrichtung hängte er während der RS nie an die grosse Glocke, doch wegen eines Artikels über seine kritische Haltung zur Gay Pride wusste am Schluss die ganze Einheit davon. «Ich wurde nie schwulenfeindlich angegangen», berichtet Carreira. Er regt sich vielmehr darüber auf, dass Personen, die gar nie Militärdienst geleistet hätten, beurteilen wollten, wie homophob die Armee ist. «Da sind einige ganz weit weg von der Realität.»

«Schwulenfeindliche Sprüche gibts überall»

Carreira betont, dass «feminine Schwule» sich dumme Sprüche anhören müssten – und deshalb für die Armee genauso ungeeignet seien wie zum Beispiel Fettleibige. Das ist für ihn aber nicht diskriminierend: «Die Übergewichtigen regen sich ja auch nicht auf, wenn sie nicht ins Militär dürfen.» Viele Schwule würden ihre Homosexualität gerade als Mittel benutzen, um vom Militärdienst wegzukommen, sagt der JSVP-Mann.

Marco da Costa* hat auf dieses Mittel verzichtet – und seine RS-Zeit als unausstehlich erlebt. Nicht wegen der Vorgesetzten, die seien super-kulant gewesen. Sondern wegen der Mitrekruten. «Sie sind dermassen homophob, dass sie alles, aber wirklich alles, als schwul bezeichnen: Der Marsch ist schwul, der Sport ist schwul, ja sogar das Essen ist schwul.» Offenbar hätten alle ein so grosses Problem mit ihrer eigenen Sexualität und ihrem Körper, dass sie alles als «schwul bezeichnen, was nicht in ihr Schema passt».

* Namen der Redaktion bekannt.

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