Wulffs Drohanrufe: «So etwas Irres ist mir noch nie vorgekommen»
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Wulffs Drohanrufe«So etwas Irres ist mir noch nie vorgekommen»

Drohungen und Beeinflussungsversuche: Der deutsche Bundespräsident Wulff erzürnt die Presselandschaft. Die Medien finden dafür deutliche Worte.

von
ske

Er ist der höchste Deutsche und übernimmt vor allem repräsentative Aufgaben: Bundespräsident Christian Wulff. Nachdem er im Jahr 2010 das Amt übernommen hatte, agierte er unauffällig, zurückhaltend und diskret. Vor wenigen Wochen hat sich das geändert. Wulff geriet wegen eines Hauskredits in die Kritik. Doch dass die deutsche Presse ihm jetzt die Fähigkeit abspricht, als Bundespräsident zu walten, liegt an einem Anruf, den Wulff getätigt hat.

Wegen eines kritischen Artikels hat Christian Wulff offenbar der «Bild»-Zeitung gedroht. Auf den Anrufbeantworter des «Bild»-Chefredaktors Kai Diekmann habe er von «Krieg» und strafrechtlichen Konsequenzen gesprochen. Die deutsche Presse findet hierfür scharfe Worte. Stefan Aust, der ehemalige Chefredaktor des «Spiegels», reagiert ganz besonders schockiert: Die versuchte Einflussnahme auf die Presse durch Bundespräsident Christian Wulff mache ihn fassungslos. Der Anruf bei «Bild»-Chefredakteur Kai Diekmann sei so etwas wie ein «politisches Selbstmordkommando», sagte Aust dem Rundfunksender WDR 2. Dass jemand Drohungen auf einer Mailbox hinterlasse, habe er noch nicht erlebt. «So etwas Irres, ehrlich gesagt, ist mir noch nie vorgekommen», sagte Aust weiter.

Bundespräsident Wulff als nicht haltbar

«Die Welt» hält einen Bundespräsidenten, der sich in dürren Worten zur Pressefreiheit bekenne, diese dann aber in entscheidenden Momenten mit Füssen trete, für deplatziert in einer offenen Gesellschaft. «Politiker, auch Bundespräsidenten, müssen und sollten keine Heiligen sein, sie können in ihrem vorpräsidialen Leben auch richtige Böcke geschossen haben, aber sie müssen aus solchen Fehlern lernen und eine Art erstrittene Integrität erlangen, die ihr künftiges Handeln prägt.»

Zeit Online hält einen Bundespräsidenten, der Medien zu erpressen versucht, für nicht haltbar. «Er schädigt das Ansehen der gesamten politischen Klasse.» Ungewöhnlich und erstaunlich sei das Ausmass an politischer Instinktlosigkeit und Skrupellosigkeit, das Christian Wulff an den Tag gelegt habe.

Die «Frankfurter Rundschau» würde es Wulff verzeihen, dass er kurz vor Veröffentlichung eines Artikels über seine Darlehensverträge auf die Mailbox des «Bild»-Chefredaktors gesprochen habe. «Aber die Drohungen selbst, sein Versuch, die Arbeit einer Zeitung durch Druck auf die Führung des Hauses zu unterbinden, ist unentschuldbar. Rechtlichkeit meint Redlichkeit. Von der aber versteht Wulff nichts.»

Seiner Rolle nicht gewachsen

Die «Süddeutsche Zeitung» ist der Meinung, Wulff sei der Rolle des Bundespräsidenten nicht gewachsen. «Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu gross. Die Sicherungen, die bei einem Präsidenten im Falle einer – politischen wie privaten – Krise funktionieren sollten, funktionieren bei ihm nicht.»

Spiegel Online setzt den Fokus derweil mehr auf die bisherige «Zusammenarbeit» zwischen Christian Wulff und der «Bild»-Zeitung. «Der sonderbare Vorgang markiert das Ende einer Symbiose, die lange bestens funktioniert hat.»

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