Aktualisiert 02.01.2012 10:04

Basel nach dem ManU-Coup

«So etwas passiert nur einmal»

Der Sieg des FCB über Manchester United war der sportliche Höhepunkt des Jahres. Führt Basel den Schweizer Klubfussball in neue Sphären? Kommentatoren-Legende Marcel Reif über das «Wunder von Basel».

von
Philipp Reich

Der FC Basel hat mit dem 2:1-Sieg gegen Manchester United und der Qualifikation für den CL-Achtelfinal Schweizer Fussballgeschichte geschrieben. Wie ist so etwas möglich?

Marcel Reif: Wenn an einem Abend alles zusammenpasst, man alles richtig macht und der Gegner etwas zu sicher ist, dann kann so etwas gelingen. In 50 Partien gegen Manchester United gewinnt der FCB vielleicht einmal. Das soll die Leistung der Basler aber keineswegs schmälern. Es war toll, was die Mannschaft an diesem Abend gezeigt hat.

Haben Sie das Spiel gesehen?

Ich habe es nicht kommentiert, mir aber später am TV angeschaut. Es hat mir gefallen, was ich gesehen habe. Das tut dem Schweizer Klubfussball sehr gut!

Wie wurde der Basler Erfolg im Ausland wahrgenommen?

Mit grossem Erstaunen – und grosser Anerkennung.

Schon im Hinspiel in Manchester haben die Basler nach einem 0:2-Rückstand noch einen Punkt mit nach Hause genommen. Der Heimsieg war also kein Zufall.

Offensichtlich nicht. Eigentlich hatte Basel keine Chance, in Manchester einen Punkt zu holen – und ein Heimsieg war quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Doch Basel war bereit und Manchester nicht.

Hat Manchester die Spiele gegen Basel auf die leichte Schulter genommen?

Manchester hat Basel als leichten Gruppengegner eingeschätzt. Sie haben nicht daran gedacht, dass man gegen den FCB Punkte liegen lassen könnte. Für Basel waren es hingegen Luxusspiele. Man konnte nur gewinnen und hatte nichts zu verlieren. Ich hätte dem FCB diese Leistung nicht zugetraut.

Im Achtelfinal trifft der FCB auf Bayern München. Trauen Sie Basel eine weitere Überraschung zu?

Nein. So etwas passiert nur einmal. Aber die Ausgangslage ist dieselbe wie gegen Manchester: Basel hat nichts zu verlieren, das macht es lustig. Theoretisch ist alles möglich. An einem Abend ist die grosse Überraschung natürlich einfacher zu schaffen, doch im Achtelfinal sind es zwei Spiele. Das macht das Ganze nicht leichter. Und der FC Bayern ist nach der Sensation gegen Manchester gewarnt. Basel sollte diese Partien einfach geniessen.

Wo liegen die Stärken der Basler?

In der Geschlossenheit. Der FCB ist als Mannschaft aufgetreten. Das hat mich beeindruckt. Und ich habe mich ziemlich in Xherdan Shaqiri verliebt. Er ist der mit Abstand spannendste Spieler in der Schweiz.

Shaqiri das zweifellos das grösste Talent im Schweizer Fussball. Soll er in Basel bleiben oder bereits den Sprung ins Ausland wagen? Auch Bayern soll ja interessiert sein…

Ich bin der Letzte, von dem er Ratschläge braucht. Aber wie er gegen Manchester aufgetreten ist, war klasse. Er hat gezeigt, dass er körperlich und mental weit ist. Er ist alt genug und hat die fussballerischen Qualitäten. Aber es muss für alle Seiten stimmen. Für Basel, für Shaqiri und für seinen neuen Klub.

Granit Xhaka ist ein weiterer junger Basler, der in der Nationalmannschaft spielt und heiss begehrt ist. Der HSV zeigt Interesse.

Mit ihm ist es das Gleiche wie mit Shaqiri: Er ist zu stark für den Schweizer Klubfussball. Das weckt Begehrlichkeiten. Thorsten Fink weiss wohl am besten, zu was Xhaka fähig ist. Beide Klubs hätten etwas von einem Transfer: Basel bekommt viel Geld und der HSV einen Top-Spieler.

Auch das nicht mehr ganz taufrische Sturmduo Marco Streller/Alex Frei zeigt Woche für Woche Top-Leistungen. Sind sie zu früh in die Schweiz zurückgekehrt?

Frei hat die Rückkehr in die Schweiz gutgetan. Er ist ein prima Fussballer, braucht aber Vertrauen und Stabilität in seinem Umfeld. Das hat er in Basel. Bei Streller ist es ähnlich: Er konnte sich in der Bundesliga nie richtig durchsetzen. Beide sind nicht mehr die Jüngsten und sie sollen jetzt dort spielen, wo es ihnen Spass macht. Ich denke, es war der richtige Schritt.

Basels Erfolg haben zwei deutsche Trainer möglich gemacht: Thorsten Fink und Heiko Vogel. Wie bewerten Sie die Leistung der beiden?

Thorsten Fink habe ich über die vielen Jahre beim FC Bayern intensiv begleitet. Von Vogel weiss ich nicht viel, ausser was ich über ihn in den Medien gelesen habe. Wie er seine Mannschaft auf das Spiel gegen Manchester vorbereitet hat, war jedenfalls beeindruckend. Er hat sich als Cheftrainer bereits etabliert und hat sicher seine Qualitäten.

Sie wohnen in der Nähe von Zürich. Sehen Sie sich zwischendurch auch ein Super-League Spiel an?

Sagen Sie mir, wann das gehen soll! An den Wochenenden bin ich praktisch immer an einem Bundesliga-Spiel. Wenn ich dann einmal Zeit habe, spiele ich lieber selbst Fussball mit meinen Kindern.

Verfolgen die Schweizer Liga?

Ja klar. Ich schaue mir die Zusammenfassungen am Fernsehen an, lese Zeitungen. Ich informiere mich, so gut es geht.

Wie würden Sie das Niveau im europäischen Vergleich einordnen?

Drittklassig. Das ist nicht böse gemeint. An erster Stelle kommen die Primera División, die Premier League, die Serie A und die Bundesliga. Dahinter folgen die französische, holländische und portugiesische Liga. Erst dann kommt die Super League. Ich glaube, dass ist eine faire Einschätzung.

In der Champions League verdient Basel viel Geld. Ist die finanzielle Monopolstellung des FCB gefährlich für die Liga?

Dieses Problem haben praktisch alle Ligen. Auch in Deutschland ist das so: Erst kommt der FC Bayern, dann der grosse Rest. Die anderen Klubs müssen das als Ansporn sehen, ich mag das nicht beweinen. Es ist einfach so. Wenn der FCB in den kommenden Jahren nichts falsch macht, kann er einen Riesenvorsprung auf den Rest der Liga herausholen.

Was fehlt dem Schweizer Klubfussball zum internationalen Erfolg?

Es ist vor allem das Geld. Und die Schweiz ist ein kleines Land. Da hat man nur ein beschränktes Spielerreservoir. Das muss aber nicht schlecht sein. Immerhin können die Schweizer Talente schon mit 18 oder 19 in der höchsten Spielklasse des Landes spielen. Die Super League wird immer eine Ausbildungsliga bleiben. Damit muss man sich zufrieden geben.

Die Schweiz macht sonst in Sachen Fussball eher Negativschlagzeilen. Stichwort Bulat Tschagajew und Christian Constantin.

Beide Fälle sind ziemlich undurchsichtig und natürlich nicht schön für den Schweizer Klubfussball. Der Fall Xamax ist mittlerweile eine grosse Schmierenkomödie. Der Fall Sion ist etwas komplizierter: Da haben einige Herren zu spät erkannt, wie weit das führen kann. Das ist nicht gut. Ich möchte mich eigentlich nicht zu den Fällen äussern, allein schon wegen der komplizierten Rechtslage. Allerdings haben mich die Ausschreitungen beim Zürcher Derby viel mehr beschäftigt. Das war sehr traurig. Solche Schlagzeilen kann sich die Schweizer Liga nicht leisten.

Wie würden Sie das Gewaltproblem im Fussball angehen?

Wo immer möglich, sollte der Dialog mit den Ultras gesucht werden. Dabei muss man eine klare Linie vertreten. Wenn es keine Einigung gibt, muss gehandelt werden. Die Übeltäter müssen aus den Stadien entfernt werden. Wer ausserhalb des Stadions das Gesetz übertritt, wird ja auch bestraft.

«Torfall von Madrid» im Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund am 1. April 1998. Der Spielbeginn verzögerte sich um 76 Minuten, da ein Tor in sich zusammengesackt war und ersetzt werden musste. Die Wartezeit überbrückten die beiden mit Anekdoten und bildhaften Beschreibungen. «Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute», lautete das wohl berühmteste Zitat der unterhaltsamen Reportage.

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