29.07.2020 08:11

41’350 Franken weg

So fies lief der Camper-Betrug ab

Die Müllers* wollten für die Ferien einen Camper im Internet kaufen. Das Fahrzeug kam nie an. Dafür ist das gesamte Ersparte der Familie weg. Die Chronologie eines Ferien-Albtraums.

von
Dominic Benz

Vera Müller erzählt, wie sie auf die Betrüger hereingefallen ist.

20M

Darum gehts

  • Die Familie Müller wollte im Netz einen Camper kaufen.
  • Insgesamt zahlte sie 41’350 Franken.
  • Der Camper kam aber nie an – und das Geld ist verloren.
  • 20 Minuten zeichnet den Ablauf des Betrugs nach.

Es ist ein langersehnter Traum der Familie Müller: die Sommerferien im eigenen Camper zu verbringen. Doch daraus wird vorerst nichts. Die Familie mit ihrem 6-jährigen Sohn ging Betrügern auf den Leim – und verlor insgesamt 41’350 Franken. Wie konnte das geschehen? 20 Minuten sprach mit der Mutter der betrogenen Familie und zeichnet anhand des Mail-Verkehrs die Ereignisse chronologisch nach:

21. Juni 2020
Familie Müller findet auf der Verkaufsplattform Autoscout24 das Angebot für einen Camper. Vera Müller tritt mit dem Verkäufer in Kontakt und bekundet ihr Interesse am Fahrzeug.

24. Juni 2020
Der Verkäufer meldet sich. Beim Camper handle es sich um einen vierjährigen braunen Mercedes-Benz Marco Polo 250 mit 48’900 Kilometern. Verkaufspreis: 41’000 Franken.

5. Juli 2020
Vera Müller fragt nach dem Zustand des Autos und dem Verkaufsgrund. Der Verkäufer sendet weitere Details über das Auto und viele Bilder. Er selber wohne mit seiner Frau im nordspanischen Ort Getxo. Sie seien vor kurzem nach seiner Pensionierung aus der Schweiz dorthin gezogen. Der Import eines Autos von der Schweiz nach Spanien sei teuer, daher wollten sie den Camper verkaufen.

8. Juli 2020
Die Müllers sind am Kauf interessiert. Daraufhin macht der Verkäufer einen Vorschlag für die Auslieferung und Bezahlung des Autos. Die Transportkosten von 700 Franken würde man fairerweise teilen. Der Preis für das Auto beläuft sich damit auf 41’350 Franken. Der Verkäufer verlangt unter anderem eine Kopie des Reisepasses, um den Kaufvertrag aufsetzen zu können. Der Familie gibt er fünf Tage Zeit, um das Auto nach Erhalt eingehend zu testen. Er verlange das Geld nicht im Voraus. Die Transportfirma werde aber eine Kaution verlangen, die auf ein Sperrkonto des Unternehmens hinterlegt werde. Zudem sendet der Verkäufer ein Kopie seiner ID.

9. Juli 2020
Vera Müller ist einverstanden. Sie sendet ihre Adresse und ihre ID. «Wir freuen uns sehr auf das Auto und lassen unseren kleinen Traum wahr werden», schreibt sie.

10. Juli 2020
Der Verkäufer teilt mit, dass er den Lieferprozess bei der Firma gestartet habe.

13. Juli 2020Die Transportfirma meldet sich am Montag telefonisch bei Vera Müller. Sie müsse sofort die Hälfte der Kaufsumme als Depot auf das Sperrkonto einzahlen. Der Camper sei bereits unterwegs in die Schweiz und komme am Samstag bei der Familie an. Die Müllers zahlen 20’675 Franken ein und erhalten eine Bestätigung für ihre Zahlung per Mail.

16. Juli 2020
Die Transportfirma fordert die zweite Hälfte der Summe ein. Der Familie wird das langsam unheimlich. Der Mann von Vera Müller schreibt dem Verkäufer. «Ich muss zugeben, dass mir das seltsam erscheint. Ich habe noch nie eine Vorauszahlung geleistet, ohne die Ware erhalten zu haben.» Er werde daher erst wieder zahlen, wenn das Auto angekommen sei.

Der Verkäufer versucht die Müllers zu beruhigen. Es gebe keinen Anlass zur Sorge. Die Firma arbeite sehr professionell. Sie werde das Geld erst bei einem Kauf vom Sperrkonto auslösen. Er selber sei 69 Jahre alt, seine Frau 66. «Wir sind eine seriöse Familie, die bloss das Auto verkaufen will und sonst nichts.» Er beteuert wiederholt, dass die Familie ihr Geld zurückerhalten würde, falls man das Auto nicht kaufen möchte. «Bitte senden Sie uns ein Foto, wenn das Auto am Samstag bei Ihnen ankommt», so der Verkäufer.

Die Müllers bleiben dabei: Sie wollen die restlichen 20’675 Franken erst bei Erhalt des Autos zahlen, wie sie mitteilen. Der Verkäufer meldet sich daraufhin und schreibt, die Firma liefere nur, wenn die zweite Zahlung getätigt werde.

17. Juli 2020
Vera Müller telefoniert mehrere Male mit der Transportfirma. Diese sagt, man könne den Lieferprozess auch einfach stoppen. Das bereits bezahlte Geld würden die Müllers dann zurückerhalten. Die Familie gewinnt wieder Vertrauen – und zahlt den zweiten Teil der Summe ein.

18. Juli 2020
Heute Samstag soll der Camper geliefert werden. Doch weder von der Firma noch vom Fahrzeug ist weit und breit etwas zu sehen. Die Familie Müller wird klar: Das Auto kommt nicht, sie ist auf Betrüger hereingefallen, zu denen auch die vermeintliche Transportfirma gehört.

19. Juli 2020
Vera Müller meldet den Betrug bei der Polizei. «Wir benötigen dringend Ihre Hilfe im Fall von Cyberkriminalität», schreibt sie am Abend per Mail.

20. Juli 2020
Vera Müller versucht die Zahlung zu stoppen. Bei ihrer Bank ist die Transaktion noch in Bearbeitung. Doch das Geld kann nur noch zurückgeholt werden, wenn die Empfängerbank – also die Bank, bei der die Betrüger ein Konto eingerichtet haben – die Zahlung storniert.

24. Juli 2020
Die Empfängerbank meldet sich zu spät. Die Transaktion wurde mittlerweile ausgeführt. Die bezahlte Summe von 41’350 Franken ist bezahlt und damit verloren. Für die Familie Müller bricht eine Welt zusammen.

28. Juli 2020
In den nächsten Tagen steht eine Anhörung der Familie Müller bei der Polizei an. Die Rechtsschutzversicherung teilt Vera Müller mit, man könne wohl nichts machen. Die Geschädigte ist realistisch: «Das Geld werden wir wohl nicht wiedersehen», sagt sie zu 20 Minuten.

*Name der Redaktion bekannt

RECHTSEXPERTE

«Kriminelle lassen sich auch unter Druck setzen»

Angebote im Internet, häufig aus dem Ausland, die bezahlt, aber nicht geliefert werden, sind eine gängige Betrugsmasche, wie Rechtsanwalt Martin Steiger erklärt. Darum sollten Betroffene Strafanzeige erstatten. «So können die Behörden allenfalls weitere Fälle verhindern», sagt Steiger.

Betroffene wie die Familie Müller könnten das Geld vom Verkäufer zurückfordern. «Wie gross die Erfolgsaussichten sind, muss im Einzelfall beurteilt werden. Die Erfahrung zeigt, dass sich auch mutmassliche Kriminelle unter Druck setzen lassen.»

Vorauszahlungen setzen laut Steiger Vertrauen voraus, das in solchen Fällen aber fehlt. «Hat man erst einmal bezahlt, sitzt man am kürzeren Hebel.» Eine Alternative seien Onlineplattformen, die sicherstellen, dass Käufer das Gekaufte erhalten und der Verkäufer bezahlt wird. «Das Geld wird von solchen Plattformen erst ausbezahlt, wenn die Lieferung erfolgt ist. Ausserdem können solche Plattformen im Streitfall vermitteln.»

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355 Kommentare
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Rea List

30.07.2020, 14:45

Gegen Covid 19 wird es wohl in absehbarer Zukunft einen Impfstoff geben, gegen Naivität wohl kaum. Sorry, Familie Müller

Fritz

30.07.2020, 12:23

Wenn man ein Fahrzeug kaufen möchte, sollte man als erstes fahrausweiskopie verlangen, denn so weiss man anfangs schon, dass das Auto existiert. Denn Name und Besitzer mit Fahrgestellnummer sind im Voraus schon wichtig Wenn man das nicht bekommt sofort Hände weg

richtig lesen

30.07.2020, 12:12

Der Verkäufer ist ein nach Spanien ausgewanderter Schweizer, der wegen hohen Importkosten seinen Camper in der Schweiz gelassen hat und zum Verkauf angeboten hat (so stand es im E-Mail). So weit, so gut. Warum hat sich die Familie den Camper nicht angesehen und warum sollten 700.-- Lieferkosten bezahlt werden? Hätten doch den Camper selbst abholen können...... hey Leute, merkt ihr noch was, das Ganze ist doch nur eine Verarsche. Als nächstes kommt ein Spendenaufruf.