Schweizer Dschihadist: So gefährlich ist die Koran-Aktion «Lies!»

Aktualisiert

Schweizer DschihadistSo gefährlich ist die Koran-Aktion «Lies!»

Wie der Thurgauer A.A.* verteilten viele Syrien-Dschihadisten Korane für die Aktion «Lies!». Politiker fordern ein Verbot der Organisation.

von
Pascal Michel
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In diesem Gebäude in Arbon lebte A. A. bis im Herbst 2014 in einer Parterrewohnung - gemeinsam mit seiner schwangeren Frau, einer deutschen Konvertitin.

In diesem Gebäude in Arbon lebte A. A. bis im Herbst 2014 in einer Parterrewohnung - gemeinsam mit seiner schwangeren Frau, einer deutschen Konvertitin.

20 Minuten/Jeroen Heijers
Die Wohnung wurde von der Polizei durchsucht. An der Tür sind noch Überreste des Polizeisiegels erkennbar.

Die Wohnung wurde von der Polizei durchsucht. An der Tür sind noch Überreste des Polizeisiegels erkennbar.

20 Minuten/Jeroen Heijers
Dschihadist A. A. (22), fotografiert bei einer Koran-Verteilaktion in Zürich-Oerlikon im Jahr 2013.

Dschihadist A. A. (22), fotografiert bei einer Koran-Verteilaktion in Zürich-Oerlikon im Jahr 2013.

SRF

Bevor der Thurgauer Logistikfachmann A.A.* in den «Heiligen Krieg» nach Syrien zog, verteilte er für die Stiftung «Lies! – die wahre Religion» Korane in Schweizer Städten. Er ist damit nicht allein. Gemäss einer Studie des deutschen Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes war jeder fünfte der 378 deutschen Dschihad-Reisenden am «Lies!»-Projekt beteiligt.

Auch der Wuppertaler Ahmet C., wie A.A. türkischer Abstammung, verteilte Korane, bevor er sich der Terrormiliz Islamischen Staat (IS) anschloss. Letzten Juli sprengte er sich mit einer Autobombe in die Luft und riss 54 Menschen mit in den Tod. Für den deutschen Islamismus-Experten Jan Buschbom ist die Verbindung zu «Lies!» kein Zufall. «Diese Aktionen sind ein wichtiger Bestandteil salafistischer Propaganda», sagte er zur «Welt».

«Freundliche Bärtige in Jeans und T-Shirt»

Gemässigte Muslime sind alarmiert. Die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, Saïda Keller-Messahli, hält die Organisation für «sehr gefährlich». Die Koran-Verteiler präsentierten sich als Pop-Islamisten und als harmlose, freundliche Bärtige in Jeans und T-Shirt. «Jedoch predigen sie eine von ihnen idealisierte Form des Islams der Frühzeit, als Voraussetzung für den von ihnen erstrebten Gottesstaat», sagt Keller-Messahli. Diese Ideologie lege den Boden für den Dschihadismus.

Sie sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den Verteil-Aktionen und der Radikalisierung: «Die Militanz der Salafisten an Ständen, auf Internetseiten und als Prediger in Moscheen ist die Hauptursache dafür, dass Dutzende Schweizer in Syrien und im Irak für terroristische Gruppen kämpfen.»

Gegründet wurde «Lies!» vom deutschen Salafisten Ibrahim Abou-Nagie, der mit dem umstrittenen Prediger Pierre Vogel verbandelt ist. Ziel der Aktion ist es, dass «jedem Haushalt in Deutschland ein kostenfreies Exemplar des Korans zur Verfügung gestellt wird». Auf mehrmalige Anfrage reagierte «Lies!»-Chef Abou-Nagie nicht – stattdessen veröffentlichte der Verein die Fragen von 20 Minuten auf Facebook. Die Organisation hatte auch für den Mittwoch Koranverteilungen in Zürich, Bern und Aarau angekündigt. Der nächste Info-Stand ist für nächsten Samstag um 9.00 Uhr auf der Pestalozzi-Wiese in Zürich geplant.

Reimann will «Lies!» verbieten

Rechte Politiker fordern nun ein Verbot des Vereins. «Gegen solche Organisationen muss man vorgehen, beispielsweise indem man ihnen die Bewilligung für solche Stände entzieht», sagt SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Man solle die Fälle sammeln, in denen über diese Organisation Personen für den Dschihad rekrutiert würden. «So hätte man auch rechtlich eine Handhabe gegen sie. Wichtig ist, dass die Schweiz nicht zur Drehscheibe für terroristische Aktionen wird.»

Extremismusexperte Samuel Althof widerspricht: «Ein Verbot von Koran-Verteilaktionen ist verfehlt, da es am Grundrecht der Religionsfreiheit ritzt.» Auch aus Präventionsperspektive mache ein Verbot keinen Sinn, da der Prozess der Radikalisierung bereits viel früher beginne. «Oft sind die Gründe für die Radikalisierung in der Familiengeschichte oder in einer sehr starken persönlichen Verunsicherung zu suchen.»

Auch der Nachrichtendienst des Bundes hält fest, «dass Koranverteilungen keine Bedrohung der inneren oder äusseren Sicherheit darstellen». Solange keine konkreten Gewaltbezüge feststellbar seien, bearbeite der NDB deshalb Koranverteilungen nicht.

*Name der Redaktion bekannt

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