Resistente Bakterien: So gefährlich ist Ian Thorpes Infektion
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Resistente BakterienSo gefährlich ist Ian Thorpes Infektion

Der australische Schwimmstar hat sich womöglich mit mutierten Spitalkeimen infiziert. Die aggressiven Bakterien sind lebensgefährlich, da sie immun gegen Antibiotika sind.

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Der olympische Goldmedaillengewinner Ian Thorpe hat sich anscheinend in einem Spital in der Schweiz zwei schwerwiegende Infektionen eingefangen. Seine Schwimmkarriere sei damit beendet, sagt sein Manager. Sogar vom Verlust seines linken Armes war anfänglich die Rede. Der ehemalige Ausnahmesportler hatte sich Anfang des Jahres an der Schulter operieren lassen.

Womit Ian Thorpe sich angesteckt hat, wurde bislang nicht kommuniziert. Die australische Nachrichtenagentur AAP vermutet als Erreger Bakterien, die dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) ähnlich sind. Der Erreger mit dem komplizierten Namen ist den meisten Menschen als «Spitalkeim» bekannt. Kein Wunder, schliesslich wird es vor allem in Spitälern übertragen – von Mensch zu Mensch oder durch kontaminierte Gegenstände wie Katheter, Stethoskope oder Textilien.

Schwerwiegende Folgen

Doch auch ausserhalb von Spitälern tragen viele Menschen den Keim auf und in sich, auf der Haut oder auf den Schleimhäuten der oberen Atemwege. Meistens handelt sich um Personen, die zuvor im Spital behandelt wurden oder dort arbeiten. Sie können MRSA übertragen, ohne etwas davon zu wissen. Für gesunde Menschen sind die MRSA-Bakterien in der Regel harmlos. Doch ist die Immunabwehrsystem geschwächt oder gibt es Wunden, haben die Erreger leichtes Spiel. Das ist beispielsweise bei Diabetikern oder Dialyse-Patienten der Fall.

Allerdings gibt es nicht nur den klassischen MRSA-Keim. In den letzten Jahren ist das Bakterium mutiert. «Die neue Variante ist widerstandsfähiger, deutlich aggressiver und schlechter zu behandeln», sagt Andreas Widmer, Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Basel. Zudem sei sie schwerer zu identifizieren, weil die bisher gebräuchlichen Tests in erster Linie nach Anzeichen für den klassischen Typen suchten.

Hat Thorpe das Bakterium selbst mitgebracht?

Tückisch: Der sogenannte USA-300 befällt nicht nur alte und geschwächte, sondern vor allem junge und gesunde Menschen. Besonders häufig trifft es Sportler, denn die schwitzen stark und kommen ihren Mitspielern oft recht nahe. «Das treibt die Verbreitung voran», erklärt Widmer. So wie in der American-Football-Saison 2004/2005, als unter den Spielern eine Epidemie grassierte. Doch nicht immer führt ein Befall zu einer Infektion. «Es ist gut möglich, dass Thorpe die Bakterien schon lange auf sich trug und sie selbst mit ins Spital brachte, wo sie durch die Operation in den Körper gelangten», so der Experte.

Bei beiden Varianten sind eitrige, zum Teil offene Hautinfektionen, entzündete Organe oder Blutvergiftungen die Folge – an sich nichts, womit Ärzte nicht fertig werden. Doch das Bakterium hat gegen viele verschiedene Antibiotika und Breitbandpräparate Resistenzen aufgebaut. Dadurch wird es immer schwieriger, gegen die Infektion anzukommen. Finden Ärzte nicht rechtzeitig doch noch ein wirkendes Mittel, vermehren sich die Keime unkontrolliert und die Beschwerden werden immer schlimmer. Kurz: Die Erkrankung kann lebensgefährlich werden. Jährlich sterben in der Schweiz 2000 Patienten daran. Das sind pro Tag sechs Todesopfer.

Eklige Alternativen

Um in besonders schweren Fällen den Tod abzuwenden, griffen Ärzte in der Vergangenheit zu drastischen Massnahmen und amputierten den betroffenen Körperteile. Doch es gibt auch Alternativen. Diese bringen zwar einen gewissen Ekelfaktor mit sich, dafür behalten Betroffene all ihre Gliedmassen. Fliegenmaden beispielsweise fressen totes und krankes Gewebe. Damit verlieren die Bakterien ihren Nährboden. Auf diese Weise befreien sie die Wunden von resistenten Keimen. Dass das funktioniert, haben Forscher der Universität Manchester 2007 in einer Studie mit Diabetikern gezeigt: Nach wenigen Behandlungswochen waren keine Spuren mehr erkennbar.

Auch sogenannte Phagen können helfen. Dabei handelt es sich um Viren, die in Abwässern leben und Bakterien zerstören. Jede Art ist auf einen bestimmten Keim spezialisiert. Trifft eine Phage auf «ihren» Keim, heftet sie sich an dessen Zellwand und injiziert ihre DNS. Daraufhin wachsen im Bakterium neue Phagen. Und zwar so viele, bis es platzt. Dadurch werden weitere Phagen freigesetzt. Das geschieht so lange, bis alle Bakterien zerstört sind. Dann verschwinden auch die Viren. Weil ihnen der Wirt fehlt.

Um sich vor einer Ansteckung mit den MRSA-Bakterien zu schützen, sollten Menschen stets und überall auf Hygiene achten.

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