Aktualisiert 01.02.2020 08:53

Atlantic Challenge

Schweizer Ruderin hat dank ABBA gute Laune

Gabi Schenkel ist schon fast 2000 Seemeilen gerudert und noch immer nicht am Ziel. Wie sie mitten auf dem Ozean mit der Einsamkeit umgeht.

von
Marcel Rohner

Einsamkeit kann einen aufwühlen. Sie kann nachdenklich machen. Oder kreativ. Gabi Schenkel erlebt in diesen Tagen jede dieser Phasen – und wohl viele mehr – immer wieder. Denn viel einsamer als an ihrem Aufenthaltsort ist es kaum irgendwo. Sie ist mitten auf dem Atlantik, irgendwo zwischen Afrika und Südamerika. In einem Ruderboot. Und vor allem: ganz alleine.

Und so singt und tanzt sie. ABBA zum Beispiel, «Dancing Queen». Oder «I Got The Power» von Snap, ein bisschen trashig darf es sein, es hört ja sowieso niemand, wie sie die Lieder von ihrem kargen Zuhause aus in die Wellen trällert. Zum Teil aber, da ist sie eben emotional aufgewühlt, zum Beispiel, als das Display an ihrem Boot anzeigt, dass sie nur noch 999,9 Meilen absolvieren muss. Und es gibt Tage, da ist sie nachdenklich, wie an Weihnachten, als sie ihre Liebsten grüsste.

16 Stunden täglich rudern

All das teilt Schenkel auf ihrer Website, sie hält ihre Sponsoren und Unterstützer so auf dem Laufenden. Die 43-Jährige nimmt an der Talisker Whisky Atlantic Challenge teil, einem der härtesten Ruderrennen der Welt. Fast 5000 Kilometer muss sie auf dem Weg von der Kanareninsel La Gomera bis zum Ziel auf der Karibikinsel Antigua hinter sich bringen. Sie rudert dafür 16 Stunden täglich, sie kocht selbst mit einem Gaskocher, ein Entsalzer macht das Meerwasser trinkbar. Das Boot, es heisst Miss Universe, ist mit einer Schlafkabine ausgestattet.

Schenkel liegt auf Rang 33 von 35 zur Regatta gestarteten Booten. Das mag brutal klingen, ist aber eine beachtliche Leistung. Von den 35 Teilnehmern rudern nur sieben Solo, sechs davon sind Männer, Statur Kleiderschrank, die siebte ist Schenkel. Die restlichen 28 Boote sind von zwei, drei, vier oder gar fünf Personen besetzt. Einige davon haben es schon ins Ziel geschafft, am 12. Dezember legten alle ab. Es war das letzte Mal, dass sie Land sahen.

Ein Schweizer musste aufgeben

Schenkel wird noch lange nicht im English Harbour von Antigua einlaufen. Der Race Tracker der Organisatoren rechnet vor, dass die Zürcherin Ende Februar ankommen wird, nach genau 77 Tagen, 54 Minuten und 24 Sekunden auf See. Ihren Geburtstag feierte sie auf dem Atlantik, am 26. Januar wurde sie 43. Das Ziel war einmal, zu diesem Zeitpunkt bereits in der Karibik zu sein.

Allerdings hatte es letzte Priorität. In erster Linie will Schenkel gesund in Antigua ankommen, dazu möchte sie so viel Spass wie möglich haben, so sagte sie es einige Tage vor dem Abflug in Richtung Kanaren. Der Anfang war hart, die meisten Teilnehmer litten unter Seekrankheit. Bei einem zweiten Schweizer Team war es so schlimm, dass Dominic Schaub vom Duo Atventures aufgeben musste. Florian Ramp rudert nun alleine weiter, liegt auf Rang 29.

Delfine und Schildkröten begleiteten sie

Auch Schenkel hatte Mühe mit den Wellen, erzählte bei ihrem ersten Update, sie sei in eine Waschmaschine geraten, so fest habe es gerüttelt. Dazu war sie kurz vor dem Start krank geworden, was sie zusätzlich schwächte. Die ersten Tage verliefen etwas schleppend, dafür berichtete sie, dass sie von Delfinen und Schildkröten begleitet wurde. «Ich habe realisiert, dass ich dies für solche Momente tue.»

Nun ist Schenkel wieder im Rennen, sie profitierte zwischendurch vom guten Wetter. Und sie hat sich zum Ziel gesetzt, täglich so viele Meilen zu rudern, wie sie nun Jahre auf dem Buckel hat. Es gibt Tage, da erreicht sie auch 53, das sind gut 100 Kilometer. Und wenn sie einmal weniger schafft, dann ist es wohl, weil sie das Rudern unterbricht, aufsteht, und vor einem imposanten Sonnenuntergang Abba singt.

Fehler gefunden?Jetzt melden.