Omikron-Mutante - So geht Transparenz – «vorbildliches Südafrika» tat das Gegenteil von China
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Omikron-MutanteSo geht Transparenz – «vorbildliches Südafrika» tat das Gegenteil von China

Innert einer Woche informierte Südafrika die Weltgesundheitsorganisation über die Entdeckung der gefährlichen Omikron-Virusvariante. Ein scharfer Kontrast zu Chinas Verhalten zum Ausbruch der Pandemie.

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Südafrika gehört bei der Virusforschung zur Weltklasse. Auf die Entdeckung der Omikron-Variante reagierte das Land vorbildlich (Symbolbild).

Südafrika gehört bei der Virusforschung zur Weltklasse. Auf die Entdeckung der Omikron-Variante reagierte das Land vorbildlich (Symbolbild).

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Das anerkannte nicht nur die Weltgesundheitsorganisation ... (im Bild: WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus)

Das anerkannte nicht nur die Weltgesundheitsorganisation ... (im Bild: WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus)

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… auch US-Aussenminister Anthony Blinken lobte am Dienstag «ausdrücklich die südafrikanischen Wissenschaftler für die schnelle Identifizierung der Omikron-Variante und die südafrikanische Regierung für die Transparenz  beim Teilen dieser Informationen».

… auch US-Aussenminister Anthony Blinken lobte am Dienstag «ausdrücklich die südafrikanischen Wissenschaftler für die schnelle Identifizierung der Omikron-Variante und die südafrikanische Regierung für die Transparenz beim Teilen dieser Informationen».

Getty Images via AFP

Darum gehts

  • Südafrika reagierte vorbildlich nach Entdeckung der Omikron-Variante.

  • Das weckt Erinnerungen an Chinas Vorgehen zu Ausbruch der Corona-Pandemie.

  • Dieses steht in einem scharfen Kontrast zur Transparenz der Afrikaner, mit Folgen für die ganze Welt.

Ein sprunghafter Anstieg bei den Covid-19-Fällen in Johannesburg, eine wiederkehrende Auffälligkeit bei den Testproben und Raquel Vianas mulmiges Gefühl – das war der Auftakt zur Entdeckung der Omikron-Variante, die in der Coronapandemie wieder weltweiten Alarm ausgelöst hat.

Als Viana, wissenschaftliche Leiterin eines der grössten privaten Testlabors Südafrikas, am Freitag, 19. November, die Gene von acht Coronavirus-Proben sequenzierte, wurde ihr Angst und Bange: Die untersuchten Proben wiesen alle zahlreiche Mutationen auf, insbesondere auf dem Spike-Protein, mit dem das Virus in menschliche Zellen eindringt.

«Es war furchteinflössend»

«Was ich da sah, schockierte mich. Ich fragte mich zunächst, ob ich einen Fehler gemacht hatte», erzählt Viana der Nachrichtenagentur Reuters. Gleichzeitig habe sie das schlechte Gefühl beschlichen, dass die Proben schwerwiegende Auswirkungen haben würden.

Sie rief ihren Kollegen am Nationalen Institut für übertragbare Krankheiten (NICD) in Johannesburg an: «Ich wusste nicht recht, wie ich es ihm beibringen sollte», sagt sie. Auch am NICD löste die «bizarre Mutation» Fassungslosigkeit aus. Über das Wochenende vom 20. und 21. November testeten die Genommediziner die von Viana eingesandten acht Proben erneut. Bis zum 23. November hatten sie 32 weitere Proben, auch aus Pretoria, getestet. «Dann war es klar», sagt einer von ihnen. «Es war furchteinflössend.»

«Vorbild für den Rest der Welt»

Südafrika gehört bei der Virusforschung zur Weltklasse. Jetzt bewährten sich seine «international vorbildliche Programme zur Genom-Überwachung des Coronavirus» (NZZ). Noch am gleichen Tag informierte das NICD-Team das Gesundheitsministerium und andere Laboratorien im Land. Am 24. November alarmierte Südafrika die Weltgesundheitsorganisation WHO. Rund eine Woche war vergangen, seit Raquel Vianas mulmiges Gefühl sich bemerkbar gemacht hatte.

Nicht nur die WHO anerkannte Südafrikas Effizienz und rasche Kommunikation angesichts der neuen Gefahr. US-Aussenminister Anthony Blinken lobte am Dienstag «ausdrücklich die südafrikanischen Wissenschaftler für die schnelle Identifizierung der Omikron-Variante und die südafrikanische Regierung für die Transparenz beim Teilen dieser Informationen». Das Vorgehen diene als «Vorbild für den Rest der Welt».

Starker Kontrast zu China

Der US-Aussenminister habe damit explizit China gemeint, heisst es nun in einigen Medien. Tatsächlich steht die Reaktion Kapstadts in starkem Kontrast zur Reaktion Pekings beim Ausbruch des Coronavirus vor zwei Jahren.

Wir erinnern uns: Nach dem Auftauchen des neuen Coronavirus spielte die chinesische Regierung die Pandemiebedrohung im Dezember 2019 gegen aussen über mehrere kritische Wochen herunter. Im Innern wurden gleichzeitig Ärzte und kritische Blogger und Blogerinnen zum Schweigen gebracht. China habe in dieser Zeit sogar vorsätzlich sein Gesundheitspersonal geopfert, wie «Foreign Policy» schreibt.

«Vertuschung ermöglichte weltweite Verbreitung des Coronavirus»

Bis zum 20. Januar verneinte Peking zudem, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar sei. Später gab man gegenüber der WHO nur einen Bruchteil der tatsächlichen Infektionszahlen bekannt: Die Rede war von gerade mal 16 Covid-19-Fällen, obwohl mehr als 400 Mitarbeitende des Gesundheitswesens Covid-Fälle im Land bestätigt hatten.

Angesichts dieser tiefen Zahlen habe die WHO zunächst darauf verzichtet, eine internationale gesundheitliche Notlage auszurufen, schreibt das US-Politikmagazin. Insgesamt habe die «kalkulierte Vertuschung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) die weltweite Verbreitung des Coronavirus ermöglicht».

Südafrika: Abgestraft für Transparenz?

Umso bitterer, dass Südafrika für seine Transparenz einen Preis zahlen muss: Zahlreiche Länder erlauben keine Flüge mehr, obwohl jetzt die für die Tourismusbranche entscheidende Sommersaison beginnt.

Man werde für sein korrektes Vorgehen von der internationalen Gemeinschaft abgestraft, klagt Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa. Er fordert, dass der Flugbann aufgehoben wird. Die Wut im Land ist gross – und richtete sich auch gegen die eigenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie sollten «einfach damit aufhören, nach neuen Mutationen zu suchen», hiess es etwa.

Die drohenden Einbussen «könnten dazu ermutigen, dass Länder die Dinge eher unter den Teppich kehren beziehungsweise nicht anschauen», befürchtet der Virologie Wolfgang Preiser von der Stellenbosch Universität bei Kapstadt. «Das ist die grosse Sorge. Die Dinge genau anzuschauen ist ein Investment. Viele könnten vielleicht den Schluss ziehen, dass es das nicht wert ist.»

Eigentlich wär «Xi» dran gewesen

Die neue Variante B.1.1.529 hat die WHO «Omikron» benannt – nach dem griechischen Alphabet, nach dem neue Mutanten bezeichnet werde. Allerdingss wären demnach die Buchstaben Ny und Xi an der Reihe gewesen. Die Weltgesundheitsorganisation begründet den Übersprung damit, dass Ny, auf Englisch Nu , zu sehr nach «new», «Neu», klinge und von daher missverständlich sei. «Xi wurde nicht verwendet, weil es ein verbreiteter Nachname ist». Allerdings kommt der Name Xi in China und Ländern mit Han-chinesischer Bevölkerung laut Tagesschau.de nicht sehr häufig vor. Entsprechend wird spekuliert: Hat die WHO bei ihrer Namensgebung ausgerechnet Rücksicht auf den chinesischen Staatschef Xi Jinping genommen?

(gux)

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