Obamas Strategie: So gewinnt er das «Chicken Game»
Aktualisiert

Obamas StrategieSo gewinnt er das «Chicken Game»

Obama weiss, was er tut: Indem er sich auf keine Verhandlungen einlässt, treibt der US-Präsident die Republikaner in die Niederlage - wie einst James Dean im Film.

von
Martin Suter
New York

Barack Obamas Vorbild könnte der Filmheld Jim Stark sein. Gespielt vom legendären James Dean im Film «Rebels Without a Cause» von 1955 rast der 17-jährige Teenager in einem unvergesslichen Wettrennen auf eine Klippe zu, neben ihm das Auto seines Nebenbuhlers. Aber während sich der Rivale mit dem Hemdsärmel am Türgriff verheddert, kann Stark die Autotür im letzten Moment öffnen. Er rollt aus dem rasenden Wagen und rettet sich in letzter Sekunde - der Gegenspieler stürzt mitsamt Auto in den Tod.

Wie die Szene in dem Film folgt die Auseinandersetzung zwischen dem US-Präsidenten und seinen republikanischen Widersachern den Regeln der Spieltheorie. Im Feiglingsspiel, auch «Chicken Game» genannt, gewinnt die Seite mit den stärkeren Nerven, jene also, die den Konflikt bis zuletzt aushält. Wer einknickt, bleibt auf der Strecke.

Bewusste Strategie des Präsidenten

Einen Unterschied gibt es aber zwischen Kino und Wirklichkeit. Der deutsche Titel des Films heisst: «… denn sie wissen nicht, was sie tun». Aber Obama weiss genau, was er tut. Er verfolgt eine Strategie, die er sich schon vor einiger Zeit ausgedacht hat. Im Sommer 2011 kam es zu einem ähnlichen «Showdown» wie dem heutigen. Auch damals ging es um die Erhöhung des Schuldenplafonds, und auch damals währte die Mutprobe bis zum letzten Moment. Das «Chicken Game» fügte vor zwei Jahren beiden Seiten politischen Schaden zu, wenn er auch für die Republikaner grösser war. Vor allem aber schädigte es die ganze Volkswirtschaft: In der Folge stufte Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit der USA herab.

Das sollte nicht mehr passieren, schwor sich Obama nach jener Auseinandersetzung. Angeblich rief er wenig später seine wichtigsten Mitarbeiter ins Oval Office und erklärte ihnen, er werde künftig nie mehr über etwas für das ganze Land so Fundamentales mit den politischen Gegnern verhandeln. «Das ist schlecht für die Demokratie; es ist schlecht für die Präsidentschaft», sagte Obama laut «New York Times».

Ziel: Republikaner dämonisieren

Der Präsident wies seine Minister und Berater an, den Grundsatz «keine Verhandlungen» bei jeder Gelegenheit zu verbreiten und sogar «mit der Körpersprache» auszudrücken. Wie die «New York Post» berichtet, soll die Beraterin Valerie Jarrett die neue Strategie konkretisiert haben. Die Zeitung zitiert den Buchautor Ed Klein mit der Behauptung, die langjährige Familienfreundin aus Chicago sei auf die Idee gekommen, mit dem Budgetstreit liessen sich die Republikaner nachhaltig dämonisieren. Jarrett habe vorgeschlagen, die Gegenseite mit Wörtern wie «Terroristen» zu brandmarken und von «Geiselnahme» oder «Lösegeld» zu sprechen.

Ob das stimmt oder nicht: Obama hilft, dass er sich strategisch mit seinen Parteifreunden einig weiss. Am Dienstagabend zitierte er die demokratischen Parteiführer ins Weisse Haus und beriet mit ihnen das weitere Vorgehen. Dabei machte der Präsident, wie zumeist, einen völlig entspannten Eindruck.

Zerstrittenheit schwächt

Umgekehrt muss sich John Boehner, der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, mit einer tief gespaltenen Partei herumschlagen. Am Dienstag versuchte er, einen Kompromiss zu schmieden, bei dem seine Partei zumindest das Gesicht hätte wahren können - erfolglos. Als sich mächtige konservative Organisationen gegen den Vermittlungsvorschlag aussprachen, legte sich die konservative Tea-Party-Fraktion quer und verunmöglichte eine Abstimmung.

Nun sieht es danach aus, als müssten Boehner und die Republikaner eine Kröte schlucken, die vom Senat noch ausgebrütet werden muss. Es sieht ganz so aus, dass Obamas Gegner mit praktisch allen ihren Revisionsideen abblitzen, nicht nur mit jenen zur Gesundheitsreform. Kommt es so weit, könnte Obama seine Maximalforderung mit minimalen Abstrichen durchsetzen und einen politischen Grosserfolg verbuchen.

Wenn alles gut kommt, lacht am Schluss derjenige am besten, der die Nerven behält – und sich nicht verheddert: wie James Dean im Film, so Barack Obama in der Politik.

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