Eurovison: So gewinnt man den Song Contest garantiert!
Aktualisiert

EurovisonSo gewinnt man den Song Contest garantiert!

Es beschleicht einen vor dem ESC das Gefühl, die Schweiz habe ihn schon verloren. Dabei läge ein Grand-Prix-Gewinn locker drin. Wenn man nur ein paar einfache Regeln befolgen würde.

von
Oliver Baroni

Ganz nett macht sie sich, die Anna Rossinelli bei den Probeaufnahmen auf der grossen ESC-Bühne in Düsseldorf. Ein klein wenig ungelenk zwar, doch durchaus stylish im roten Pailletten-Kleid. Auch ihr Song «In Love for a While» hat diese angenehme Mitsumm-Qualität, die manchen Pop-Klassiker ausmacht. Ein klein wenig altmodisch vielleicht, ein bisschen «Old Eurovision» – aus der Zeit, in der Sandie Shaw und France Gall gewannen und der Ostblock mit seinen Leder-Bikini-Amazonen den Contest noch nicht dominierte.

Allerdings ist der seit einigen Jahren geäusserte Vorwurf, dass Osteuropa den ESC gekapert habe, so nicht richtig. In den letzten zehn Jahren ging nur knapp die Hälfte der Titel an ehemalige Ostblock-Länder. Wenn man dabei bedenkt, dass diese mehr als die Hälfte der Teilnehmer ausmachen, dann ist dies ein durchaus demokratisches Resultat. Und letztes Jahr gewann dann ein unscheinbares, ungelenkes Mädchen aus Deutschland.

Promo, Promo, Promo!

Allerdings ging Lena Meyer-Landruts Sieg 2010 ein Promo-Blitzkrieg sondergleichen voraus. Tag für Tag gab es in der deutschsprachigen Presse vermeintliche News von der Abiturientin mit dem seltsamen Englischakzent: Lenas «Satellite» brach Verkaufsrekorde; Lenas verlorener Vater sah seine Tochter erstmals am TV wieder; Lena hatte mal eine Nackt-Rolle. Und und und. Damit wurde ein Wirbel erzeugt, den auch die ausländische Presse nicht ignorieren konnte. Bald berichteten Medien weltweit über die «Lena-Mania». So gewinnt man den Song Contest!

La chanson de la Suisse à l'Eurovision

Derweil hatte man Mühe, den damaligen Schweizer Kandidaten Michael von der Heide auch nur ans Telefon zu bekommen. Der Mann, der mit seiner Goldjacke das Kunststück schaffte, «selbst für den ESC ein wenig zu schwul» zu sein («Popbitch»), war im Vorlauf des ESC so gut wie unsichtbar. Somit verschwand er – Goldjacke hin oder her – nach seinem Halbfinal wieder vom internationalen Parkett. Leider scheint auch Anna Rossinelli im Ausland kaum Aufsehen erregt zu haben.

Bring einen etablierten Star!

Doch es gab Jahre, in denen auch die Schweiz deftig die Promo-Trommel rührte. Mit DJ Bobo anno 2007 griff die Schweiz mit ihrem Kandidaten auf eine goldene ESC-Gewinn-Regel zurück: Schick einen etablierten Star an den Start. Das klappte 1965 für France Gall, 1990 für Toto Cotugno, 1988 für Céline Dion. Grossbritannien setzt heuer mit der Boy-Band Blue auf diesen Effekt. Gerade auch in Ost-Europa war der hüpfende Konditor aus Kölliken ein Megastar. Eine Topplatzierung war ihm sicher – so gewinnt man den Song Contest! Doch leider nein: «Vampires Are Alive» war schlichtweg ein zu schlechter Song.

Liebe gewinnt immer

Ausserdem hatte der Blutsauger-Song einen weiteren Fehler: Er enthielt kein einziges Mal das Wort 'love'. Statistisch gesehen ist 'Liebe' das meistbenutzte Wort aller ESC-Gewinnersongs. Die Bezeichnung für dieses menschlichste aller grossen Gefühle kommt auf um die 260 Nennungen in den Siegersongs seit Beginn des Contests. Damit liegt Anna Rossinelli schon mal gut im Rennen, hat sie doch mit «In Love for a While» Liebe schon im Titel. So gewinnt man den Contest!

Sex sells

Andererseits enthielten weder «Diggi-Loo Diggi-Ley» noch «Hard Rock Hallelujah» irgendwelche Liebes-Worte – und sie gewannen trotzdem. Langsam aber sicher erweisen sich die vermeintlich todsicheren Gewinnformeln als Hirngespinst. Eine weitere lautet: Sex sells. Eine schöne junge Dame, die mit nackter Haut nicht allzu sehr geizt – so gewinnt man den Song Contest! Jedes Jahr setzen etliche – vor allem osteuropäische – Teilnehmer auf dieses Konzept. Letztes Jahr bot zum Beispiel Kroatien ein Frauentrio mit viel Decolletée, viel Bein, viel blond … und wenig Punkten. Auch der Schweizer Vorstoss in diese Richtung anno 2005, die eingekaufte estnische Girl-Group Vanilla Ninja, erreichte nur den achten Platz in der Gesamtwertung – was allerdings für die zero-points-gewohnte Schweiz einen Erfolg darstellte.

Schwiegersöhne und Casting-Stars

Schliesslich scheitert das Sexy-Girl-Konzept am Zielpublikum des ESC, an den drei 'G's: Girlies, Grosis und Gays. Ihretwegen gewinnt am Ende etwa der süsse Geiger Alexander Rybak. Ein hübscher junger Mann, der einen netten Song singt. So gewinnt man den Song Contest! Ausser man heisst Paolo Meneguzzi. Schon wieder eine Regel, die nicht wirklich gilt!

Bleibt noch der Versuch, das brach liegende Talent etlicher Casting-Show-Abgänger zu bündeln. Maja Keuc gewann «Slovenia's Got Talent» und tritt heuer gesamteuropäisch für ihr Land an. Wie war das damals bei Piero Esteriore and the Musicstars? Autsch.

55-mal ESC und kein bisschen weiser

Nach gründlicher Analyse stellen wir fest: Nein, ein Patentrezept für den ESC-Gewinn gibt es nicht. Im Vorfeld kann sich niemand, keine Lena, keine Lordi, keine Rossinelli, in Sicherheit wähnen – auch wenn im Nachhinein alle Kommentatoren bei einem Schweizer Scheitern genaustens gewusst haben werden, was falsch gelaufen ist. Öfter als nicht siegt am Ende doch dieser eine, eingängige Popsong: «Waterloo», «Making Your Mind Up», «Love Shine a Light», «Satellite». Von da her wäre Rossinellis «In Love for a While» gar nicht chancenlos.

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