01.08.2020 03:07

Kranke auf jedem 3. Flug

So gross ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug wirklich

Fliegen in Zeiten des Coronavirus ist laut Luftfahrtkonzernen kein Problem. Eine neue Berechnung zeigt nun auf, wie hoch das Ansteckungsrisiko wirklich ist.

von
Barbara Scherer
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Fliegen in Corona-Zeiten ist nicht unbedenklich.

Fliegen in Corona-Zeiten ist nicht unbedenklich.

KEYSTONE
Denn die Passagiere müssen eng beieinandersitzen.

Denn die Passagiere müssen eng beieinandersitzen.

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Wie hoch das Ansteckungsrisiko auf einem Flug wirklich ist, hat jetzt ein deutscher Professor berechnet.

Wie hoch das Ansteckungsrisiko auf einem Flug wirklich ist, hat jetzt ein deutscher Professor berechnet.

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Darum gehts

  • Die Flugzeugindustrie behauptet, die Ansteckungsgefahr beim Fliegen sei sehr gering.
  • Wie hoch sie wirklich ist, hat ein deutscher Professor ausgerechnet.
  • 20 Minuten hat die Formel auf die Schweiz angewendet.

Fliegen in Zeiten von Corona ist nicht ganz unbedenklich – schliesslich kann der Abstand von 1,50 Metern im eng bestuhlten Flugzeug nicht eingehalten werden. Wie hoch die Chancen sind, sich während eines Fluges anzustecken, hat nun Dieter Scholz, Professor für Flugzeugbau in Deutschland, für «Focus» ausgerechnet.

20 Minuten hat die Berechnung auf die Schweiz angepasst. Dabei zeigt sich, dass sich durchschnittlich auf jedem dritten Flug eine kranke Person befindet. Befinden sich 200 Passagiere während 5 Stunden in einem Flugzeug mit einer erkrankten Person, wird mindestens ein weiterer Reisender infiziert.

Einer von 450 Schweizern hat Corona

Um die Berechnung zu machen, ist es wichtig, die Anzahl der Corona-Erkrankten in der Schweiz zu kennen: So sind laut Coronatracker.com derzeit 1942 Menschen hierzulande infiziert. Dabei muss die Dunkelziffer berücksichtigt werden: Antoine Flahault, Leiter des Instituts für Global Health an der Universität Genf, geht davon aus, dass nur eine von 10 Covid-Erkrankungen gemeldet wird.

Daraus ergibt sich, dass einer von rund 450 Schweizern derzeit Covid-19 hat. Transportiert ein Flugzeug durchschnittlich 200 Passagiere, sitzt also durchschnittlich in jeder dritten Maschine eine kranke Person. Wie viele Mitreisende ein Infizierter ansteckt, hängt laut Scholz von der Dauer des Fluges ab.

Bei seinen Berechnungen geht er von der geringsten Ansteckungsrate aus: Ein Erkrankter würde dann nur einen von 1000 Menschen an Bord anstecken – und das pro Stunde. Sitzt ein Krankheitsträger mit 199 weiteren Menschen in einem Flugzeug für 5 Stunden, steckt sich demnach eine weitere Person an.

Belüftung schützt nicht

Je grösser das Flugzeug und je länger die Flugdauer, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, sagt Scholz weiter. Dem widerspricht die Swiss: «Das Risiko, sich mit Corona beim Fliegen zu infizieren, ist dank dem Belüftungssystem sehr gering», sagt eine Sprecherin zu 20 Minuten.

Alle Flugzeuge seien mit hochwertigen Luftfiltern ausgestattet. Die Luft werde wie in einem Operationssaal gereinigt. In Kombination mit der Maskenpflicht minimiere sich das Risiko einer Ansteckung weiter. So seien seit Ausbruch der Pandemie auf Swiss-Flügen keinerlei Ansteckungsfälle bekannt geworden.

Scholz bezweifelt, dass eine gute Belüftung Schutz vor einer Ansteckung bietet: Durch die Lüftung würden Viren zwar regelmässig aus dem Flugzeug gespült, doch mit einer kranken Person an Bord kämen auch ständig neue Viren hinzu.

So funktioniert die Frischluftzufuhr im Flugzeug

In der Regel wird die Aussenluft vom Triebwerk angesaugt, darin stark komprimiert und vor der Verbrennung abgezapft. Diese sogenannte Zapfluft wird durch die Klimaanlage ins Flugzeug befördert. Spezielle Filter bereiten die an Bord verbrauchte Luft neu auf, damit sie wiederverwertet werden kann. Auf diese Weise zirkuliert rund 50 Prozent der Kabinenluft. Die speziell dafür eingesetzten Filter (sog. Hepa-Filter) säubern die Kabinenluft von Bakterien, Viren, Pollen und Staub. Die auf diese Weise gefilterte Kabinenluft ist laut Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft sauberer als die Luft in jedem Wohn- oder Geschäftsgebäude.

Ein Risiko besteht immer

Grundsätzlich bestehe immer ein Ansteckungsrisiko beim Fliegen, bestätigt ZHAW-Aviatik-Experte William Agius gegenüber 20 Minuten: «Denn egal, wie viele Sicherheitsmassnahmen ergriffen werden, umgesetzt werden diese von Menschen.» Dabei könne es immer zu Fehlern oder Nachlässigkeiten kommen.

«Schlussendlich muss jeder und jede selbst entscheiden, ob sie oder er das Risiko auf sich nimmt», so Agius. Eine Möglichkeit wäre es beispielsweise, einen Extra-Sitz zu kaufen. «Dann bleibt der Platz neben einem leer.» Das kostet aber mehr, und nicht jeder kann sich das leisten.

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291 Kommentare
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Nachfragen

02.08.2020, 08:16

Verstehe ich das richtig. Herr Scholz, Experte, zweifelt an der Aussage anderer Experten. Heisst das nun, dass auch seine Expertise zweifelhaft ist???

NoExpert

02.08.2020, 05:20

Der nächste Experte! Es gibt aus der Luftfahrt genügend Studie bezüglich ansteckender Krankheiten und der Verbreitung in Flugzeugen.... dies nicht erst seit Corona

John Cage

01.08.2020, 07:07

Wenn jemand nach Maillorca fliegt um am Ballermann Party zu machen, spielt es auch keine Rolle mehr, ob er sich eventuell im Flugzeug anstecken könnte.