Aktualisiert 19.03.2019 22:31

Strukturelle Probleme

So gross ist die Gewalt in Schweizer Asylzentren

Mit einem Gertel hat eine abgewiesene Asylsuchende ihre Betreuerin fast getötet. Zu Gewalt kommt es in Schweizer Asylunterkünften regelmässig.

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daw/jk
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Im letzten Jahr musste die Polizei laut dem Staatssekretariat für Migration 289-mal in einem Bundeszentrum intervenieren, obwohl es schon internes Sicherheitspersonal gibt. Gemäss Kriminalitätsstatistik ereigneten sich 2017 in hiesigen Asylunterkünften 218 Straftaten gegen Leib und Leben, darunter 13 Fälle von schwerer Körperverletzung.

Im letzten Jahr musste die Polizei laut dem Staatssekretariat für Migration 289-mal in einem Bundeszentrum intervenieren, obwohl es schon internes Sicherheitspersonal gibt. Gemäss Kriminalitätsstatistik ereigneten sich 2017 in hiesigen Asylunterkünften 218 Straftaten gegen Leib und Leben, darunter 13 Fälle von schwerer Körperverletzung.

Tele M1
Alberto Achermann, Präsident der Nationalen Kommission gegen Folter, inspiziert regelmässig Asylzentren. Er sagt: «Es ist nicht überraschend, dass Konflikte in Asylzentren eskalieren.» Er nennt mehrere Faktoren, die Gewaltexzesse begünstigten: «Psychische Probleme, Massenschlägereien mit bis zu 20 Personen im Raum, Alkohol, fehlende Beschäftigungen oder unterschiedliche Hygienewünsche begünstigen Streitigkeiten.»

Alberto Achermann, Präsident der Nationalen Kommission gegen Folter, inspiziert regelmässig Asylzentren. Er sagt: «Es ist nicht überraschend, dass Konflikte in Asylzentren eskalieren.» Er nennt mehrere Faktoren, die Gewaltexzesse begünstigten: «Psychische Probleme, Massenschlägereien mit bis zu 20 Personen im Raum, Alkohol, fehlende Beschäftigungen oder unterschiedliche Hygienewünsche begünstigen Streitigkeiten.»

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Im Aargau muss die Polizei regelmässig wegen Auseinandersetzungen in Asylunterkünften intervenieren. «Vielfach ist Alkohol im Spiel», sagt Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. Im Moment sei aber keine Häufung von schwerwiegenden Vorfällen festzustellen, sagt Graser. Das sei sicherlich auch den gezielten Kontrollen nach Messern und gefährlichen Gegenständen zuzuschreiben, die die Kantonspolizei seit einem Jahr in Unterkünften und im öffentlichen Raum durchführe.

Im Aargau muss die Polizei regelmässig wegen Auseinandersetzungen in Asylunterkünften intervenieren. «Vielfach ist Alkohol im Spiel», sagt Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. Im Moment sei aber keine Häufung von schwerwiegenden Vorfällen festzustellen, sagt Graser. Das sei sicherlich auch den gezielten Kontrollen nach Messern und gefährlichen Gegenständen zuzuschreiben, die die Kantonspolizei seit einem Jahr in Unterkünften und im öffentlichen Raum durchführe.

Keystone/Ennio Leanza

Das Zürcher Obergericht beschäftigt sich am Dienstag mit einem schockierenden Fall von Gewalt im Asylzentrum: Ende November 2015 ging eine damals 34-jährige abgewiesene Asylsuchende aus der Elfenbeinküste mit einem 43 Zentimeter langen Gertel, einem machetenartigen Rebmesser, auf eine 26-jährige Asylbetreuerin los.

Im Blutrausch schlug sie etwa 20-mal auf ihr Opfer ein. Die Asylbetreuerin erlitt einen Schädeldurchstich, verlor ein Auge und ihr Gesicht wurde entstellt. Als Motiv gab die Frau vor Bezirksgericht an, sie habe die Asylunterkunft nicht wechseln wollen. Die Richter verurteilten die Frau wegen versuchten Mordes zu 18 Jahren Gefängnis. Gegen das Urteil wehrt sich die Frau jetzt vor dem höchsten Zürcher Gericht.

Chronologie der Gewalt

Während Betreuer nur selten angegriffen werden, kommt es in Schweizer Asylunterkünften regelmässig zu Gewaltexzessen. Wie eine Chronologie der Fälle zeigt, endeten im vergangenen Jahr mindestens drei Streitigkeiten tödlich. Daneben meldeten die Polizeikorps zahlreiche Schlägereien und Messerstechereien. Oft sind banale Gründe Auslöser der Konflikte – etwa zu laute Musik eines anderen Bewohners.

Trotz sinkender Zahlen ist die Polizei im Dauereinsatz. Im letzten Jahr musste sie laut dem Staatssekretariat für Migration 289-mal in einem Bundeszentrum intervenieren, obwohl es schon internes Sicherheitspersonal gibt. Gemäss Kriminalitätsstatistik ereigneten sich 2017 in hiesigen Asylunterkünften 218 Straftaten gegen Leib und Leben, darunter 13 Fälle von schwerer Körperverletzung. Zugenommen haben in den letzten Jahren Sexualdelikte. Die Statistik bildet nicht das ganze Ausmass der Gewalt ab, da zwei Kantone fehlen und die Örtlichkeit nicht in jedem Fall erfasst wird.

Gezielte Kontrollen nach Messern entschärfen Situation

Im Aargau muss die Polizei regelmässig wegen Auseinandersetzungen in Asylunterkünften intervenieren. «Vielfach ist Alkohol im Spiel», sagt Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. Immer wieder würden auch als notorische Unruhestifter bekannte Personen in Erscheinung treten.

Im Moment sei aber keine Häufung von schwerwiegenden Vorfällen festzustellen, sagt Graser. Das sei sicherlich auch den gezielten Kontrollen nach Messern und gefährlichen Gegenständen zuzuschreiben, die die Kantonspolizei seit einem Jahr in Unterkünften und im öffentlichen Raum durchführe.

Alkohol als Faktor

Alberto Achermann, Präsident der Nationalen Kommission gegen Folter, inspiziert regelmässig Asylzentren. Er sagt: «Es ist nicht überraschend, dass Konflikte in Asylzentren eskalieren.» Er nennt mehrere Faktoren, die Gewaltexzesse begünstigten: «Psychische Probleme, Massenschläge mit bis zu 20 Personen im Raum, Alkohol, fehlende Beschäftigungen oder unterschiedliche Hygienewünsche begünstigen Streitigkeiten.» Auch gebe es Nationalitäten, die sich nicht gut miteinander vertragen würden.

Wie schnell die Leiter von Asylzentren die Polizei riefen, sei unterschiedlich. Um Gewalt zu vermeiden, würden die Asylsuchenden bei jedem Ein- und Austritt auf Betäubungsmittel oder Waffen hin kontrolliert. Wirksam gegen Gewalt seien Beschäftigungsprogramme. Scheinbare Details könnten einen Unterschied machen: «Erhalten die Bewohner das Sackgeld täglich statt wöchentlich, ist die Gefahr eines Rausches und damit einer Gewalteskalation kleiner.» Im Auge behalten muss man laut Achermann die neuen Rückkehrzentren des Bundes für abgewiesene Asylsuchende: «Hier könnte die Frustration über den negativen Entscheid das Risiko für Streit erhöhen.»

«Grosse Mehrheit ist friedlich»

«Es sind auch strukturelle Probleme, die zu den Gewalteskalationen führen. So haben die Bewohner meist kaum Privatsphäre, befinden sich in einer unsicheren Situation und sind weitgehend isoliert», sagt Laura Tommila, Leiterin der Zivilgesellschaft in Asyl-Bundeszentren (ZiAB). Es komme aber nur selten zu Gewalt, die Fälle würden aber in den Medien für Aufsehen sorgen. «Die grosse Mehrheit ist friedlich.» Sie wünsche sich, dass Asylsuchende stärker mit der Lokalbevölkerung in Kontakt treten könnten. Längere Ausgangszeiten etwa würden nicht zu mehr, sondern zu weniger Gewalt führen.

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