14.10.2020 08:14

Europa-VergleichSo gut geht es den Schweizern trotz der Krise

BIP und Arbeitslosigkeit: Im europaweiten Vergleich zeigt sich die Schweiz krisenresistent. Besonders schlimm steht es hingegen um Spanien.

von
Fabian Pöschl
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Die Schweizer Wirtschaft steht im europäischen Vergleich gut da.

Die Schweizer Wirtschaft steht im europäischen Vergleich gut da.

Foto: Keystone
Die Schweiz könnte die Schulden durch die Massnahmen wohl schultern, ohne dafür die Steuern erhöhen zu müssen.

Die Schweiz könnte die Schulden durch die Massnahmen wohl schultern, ohne dafür die Steuern erhöhen zu müssen.

Foto: Keystone
Besonders schlimm trifft die Krise das EU-Land Spanien.

Besonders schlimm trifft die Krise das EU-Land Spanien.

Foto: Keystone

Darum gehts

  • Wegen der Corona-Krise fiel das BIP aller EU-Länder und der Schweiz.
  • Die Arbeitslosenzahlen steigen überall, besonders stark in Spanien.
  • In der EU dürften die Steuern steigen, in der Schweiz eher nicht.

Die Corona-Krise und die darauf folgenden Massnahmen haben in vielen Ländern zu grossen Verlusten geführt. Doch wie schlimm ist es tatsächlich? 20 Minuten vergleicht die aktuellsten Zahlen zum Bruttoinlandprodukt (BIP) und zur Arbeitslosigkeit von EU-Ländern und der Schweiz.

Harter Lockdown lässt BIP abstürzen

Das BIP sank im zweiten Quartal in jedem EU-Land und der Schweiz. Besonders schlimm war der BIP-Absturz in Spanien und im Vereinigten Königreich. Grund dafür sind ihre harten Lockdown-Massnahmen, wie David Marmet, Chefökonom Schweiz der Zürcher Kantonalbank (ZKB), zu 20 Minuten sagt. Spanien sei zudem stark vom Tourismus abhängig. Die Reisebeschränkungen hätten sich dadurch umso stärker aufs Land ausgewirkt.

Nicht nur in Spanien steigt die Staatsverschuldung stark an. Das Land soll wie Italien einen Grossteil des 750-Milliarden-Pakets der EU-Hilfe erhalten. Das wird laut Marmet längerfristig kaum ohne höhere Steuern gehen.

Am geringsten war der BIP-Rückgang in Finnland und Litauen. Die beiden Länder hatten im zweiten Quartal tiefe Fallzahlen. Deshalb hob die finnische Regierung die Beschränkungen früh wieder auf, während die litauischen Politiker weit umfassende Massnahmenpakete zur Stützung der Wirtschaft absegneten. Das hat sich laut Marmet positiv aufs BIP ausgewirkt.

Steuererhöhung kommt wohl nicht

Der BIP-Einbruch in der Schweiz war laut Marmet «massiv, aber im Verhältnis glimpflich». Die Schweiz verfüge zwar über einen bedeutenden Tourismus-Zweig, der betroffen war, aber auch über eine krisensichere Pharmabranche. Ausserdem habe der Finanzsektor mit seinen Kreditgarantien stützend für Unternehmen gewirkt.

Zwar würden die Staatsschulden durch die Stützungsmassnahmen deutlich ansteigen. Dafür habe die Schweiz ihre Schulden in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgebaut, was ihr jetzt zugutekomme. So rechnet Marmet damit, dass der Staat die Schulden schultern kann, ohne dass er dafür die Steuern erhöhen müsste.

Weniger Konkurse als im Vorjahr

Die Arbeitslosenzahlen schiessen überall in die Höhe, besonders stark in Spanien und Griechenland. Dafür ist laut Marmet nicht nur der wichtige, aber brachliegende Tourismussektor verantwortlich, sondern auch das Arbeitsmarktsystem. Die Länder litten darunter, dass das Bildungssystem zu wenig auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet sei.

Länder wie Tschechien, Polen, Deutschland und die Schweiz weisen tiefe Arbeitslosenzahlen aus. Das liegt laut dem ZKB-Ökonomen unter anderem an deren staatlichen Massnahmen. Weil schnell Geld an Unternehmen und Beschäftigte geflossen sei, kam es zum Beispiel in der Schweiz zu weniger Konkursen als noch 2019. Allerdings sagt Marmet eine Konkurswelle mit vielen Entlassungen voraus, wenn die Kurzarbeitsentschädigung nach 18 Monaten ausläuft.

Gelegenheitsjobs fallen als Erste weg

Spanien steht auch bei der Jugendarbeitslosigkeit an der unrühmlichen Spitze der EU-Länder. Fast jeder zweite Jugendliche in Spanien hat keinen Job. In der Krise zeigen sich die strukturellen Probleme des Landes noch stärker, erklärt Marmet. So räche sich jetzt, dass es in Spanien keine eigentliche Berufslehre gebe. Denn in der Krise würden Gelegenheitsjobs zuerst gestrichen, wovon vor allem Jugendliche betroffen seien.

Die Länder mit tiefen Jugendarbeitslosigkeits-Quoten wie Deutschland, die Schweiz und Tschechien hätten hingegen von Kurzarbeit & Co. profitiert. Durch die Massnahmen der Politik kam die Schweiz laut Marmet «sehr gut durch die Krise».

Wirtschaftsleistung schrumpft weniger stark als befürchtet

Der Einbruch der Schweizer Wirtschaft nach dem Corona-Lockdown fällt gemäss Einschätzung der Ökonomen des Bundes deutlich geringer aus als noch vor ein paar Monaten erwartet. Wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Montag mitteilte, rechnet die Expertengruppe des Bundes für das laufende Jahr 2020 noch mit einen Einbruch des realen Bruttoinlandproduktes (BIP) um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei der letzten offiziellen Prognose im Juni waren die Bundesökonomen noch von einem Minus von 6,2 Prozent ausgegangen. Auch die Perspektiven für den Arbeitsmarkt haben sich in den letzten Monaten deutlich verbessert. Die Arbeitslosigkeit wird im Durchschnitt 2020 bei 3,2 Prozent erwartet, nachdem im Juni noch ein Wert von 3,8 Prozent prognostiziert worden war.

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108 Kommentare
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Bürger

15.10.2020, 09:10

Der Bürger heisst nicht umsonst so! Wer wird das bezahlen? Überlegt mal...

Peter

15.10.2020, 07:14

Wir haben ja erst die erste Welle hinter uns, die Zweite startet jetzt und wer weiss ob dann nochmals ein Hammer kommt. So hatte uns die spanische Grippe damals auch gebeutelt. Die effektiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen zeigen sich erst später. Sagen wir mal wir haben bisher genug Reserve gehabt.

BluesDänu

14.10.2020, 12:07

Das Medien Missbraucht werden um in der Gesellschaft die Angst in die Höhe zu treiben wird für mich langsam fragwürdig. Menschen lernt selbst zu denken und lasst euch nicht durch die Angst besiegen.