16.05.2010 20:22

MedaillenträumeSo gut waren wir zuletzt vor 71 Jahren

3:2 gegen Tschechien. Die Schweiz steht im Viertelfinale der Eishockey-WM 2010. Zum ersten Mal seit 1939 gewinnen die Schweizer an einer reinen WM (1948 zählt
in dieser Statistik nicht, weil es ein Olympisches Turnier war, das als WM zählte) zum Auftakt viermal hintereinander.

von
Klaus Zaugg

Gelegentlich braucht es weltgeschichtliche Vergleiche, um die Dimensionen eines Erfolges ermessen zu können.

Schweizer Nationalteam, wie hoch willst du noch hinaus?

Vier Siege in den ersten vier Spielen an einer WM auf höchstem Niveau (B- und C-Turniere zählen nicht): Das schafften die Schweizer zuletzt vor 71 Jahren.

Bei der WM 1939 in Zürich und Basel

3. Februar 1939 Schweiz - Lettland 12:0

4. Februar 1939 Schweiz - Jugoslawien 24:0

5. Februar 1930 Schweiz - Tschechien 1:0

7. Februar 1939 Schweiz - Polen 8:0

Es war eine andere Zeit. Und in Deutschland gab es eine andere Regierung. Der Schnautzer von Braunau war Kanzler. Nicht Frau Merkel.

Und nun haben wir wieder viermal hintereinander zum Auftakt einer WM auf höchstem Niveau gewonnen:

8. Mai 2010 Schweiz - Lettland 3:1

10. Mai 2010 Schweiz - Italien 3:0

12. Mai 2010 Schweiz - Kanada 4:1

15. Mai 2010 Schweiz - Tschechien 3:2

Die Tschechen waren der bisher zäheste Gegner an der WM 2010. Zum ersten Mal verloren die Schweizer ein Drittel (1:2 im mittleren Abschnitt) und zum ersten Mal vermochten sie nicht mehr zu Lande, zu Wasser und in der Luft einem Gegner das Spiel aufzuzwingen. Die Torschussstatistik von 24:32 (13:8, 6:15, 5:9) offenbart: Nur noch in der ersten Hälfte des Spiels vermochten die Schweizer mit ihrem lüpfigen Kavallerie-Stil das Spiel zu dominieren.

Die Väter des Sieges sind Martin Gerber und in der Offensive die Linie mit Andres Ambühl, Thibaut Monnet und Damien Brunner, die zwei der drei Treffer erzielte. Die Schlüsselszene des Spiels: In der 37. Minute mussten nacheinander Mathias Seger und Thibaut Monnet auf die Strafbank. Wir überstanden beim Stande von 3:2 diesen Doppelausschluss und nach dem Spiel sollte Sean Simpson sagen: "Unser Penaltykilling war der Schlüssel zum Erfolg." Das lässt sich auch statistisch beweisen: Wir haben an dieser WM das beste Penaltykilling.

Ausgerechnet im ersten Turnier nach der Ära Ralph Krueger sind wir defensiv so gut wie noch nie: Nach wie vor haben wir am wenigsten Gegentore aller Teams einkassiert und wir sind zusammen mit Russland das einzige Team dieses Turniers ohne Punktverlust.

Elchtest bestanden

Entscheidend war im Spiel gegen Tschechien eines: Sean Simpsons bestand mit seiner Mannschaft den ersten defensiven Elch-Test. Die Schweizer bogen sich unter dem Druck der Tschechen. Aber sie brachten nicht. Das System der aktiven Verteidigung funktionierte phasenweise nur noch eingeschränkt, die Kultur des Befreiungsschlages erlebte eine Renaissance. Aber Ruhe und Ordnung in der eigenen Zone wurden aufrecht erhalten. Dass den Tschechen der Ausgleich nicht mehr gelang, dass selbst Superstar Jaromir Jagr wirkungslos blieb, macht Hoffnungen auf die erste Medaille seit 1953.

Denn es ist nun auch möglich, jenseits des Mississippi ein Spiel zu gewinnen: Einst war dieser Fluss für die Amerikaner das Ende der Welt und der Beginn des Wilden Westens. Die Schweizer sind seit dem letzten Halbfinale von 1998 nach den Gruppenspielen immer am Mississippi stehen geblieben. Es gelang nie, die offensive Kavallerie über den Fluss in die Zwischenrunde zu bringen. Der Vorstoss ins unbekannte Land der Zwischenrunde endete mit Niederlagen, brachte keine Siege gegen die Grossen und spätestens im Viertelfinale war immer Schluss.

Die Parallelen zu 2008 sind ermutigend: 2008 gewann die Nationalmannschaft unter Ralph Krueger erstmals alle drei Gruppenspiele (gegen Frankreich, Weissrussland und Schweden) und traf im ersten Zwischenrundenspiel ebenfalls auf Tschechien. Wir verloren sang- und klanglos 0:5.

Durchbruch gegen Tschechien

Doch gestern gelang der Durchbruch gegen den gleichen Gegner. Der vierte Sieg in Serie und nach dem 3:2 über die Tschechen sind die Schweizer neben Russland das einzige Team ohne Verlustpunkt an dieser WM: Die Viertelfinalqualifikation ist gesichert, die Wahrscheinlichkeit, dass es im Viertelfinale zu einer "Traumpaarung" gegen Deutschland oder einen "einfachen" Gegner die Dänemark kommt, wird immer grösser.

Nun gibt es eine grosse Frage: Reicht die Energie für weitere Heldentaten? Hat die Schweiz gegen Tschechien vorübergehend nachgelassen, weil die Kräfte nicht mehr ganz reichten oder weil der Gegner so gut war?

Für Nationaltrainer Sean Simpson ist gegenüber 20 Minuten Online klar: "Wir haben kein Problem, wir haben genug Energie. Wir führten nach dem ersten Drittel 2:0, aber wir hätten auch 3:0 oder 4:0 führen können. Doch auf diesem Niveau ist es nicht mehr möglich, einen so guten Gegner wie Tschechien während eines ganzen Spiels zu dominieren. Die Tschechen kamen mit neuem Mut aus der ersten Pause zurück und nach dem 2:1 bekamen sie die Oberhand. Das ist normal so. Eishockeyspiele auf diesem Niveau wogen hin und her."

Auch für die Spieler ist klar, dass die Energie diesmal kein Problem ist. Thibaut Monnet sagt es gegenüber 20 Minuten Online so: "Wir haben uns inzwischen auch durch die vielen Spiele in der Meisterschaft an diese Belastung gewöhnt." Und Thomas Déruns, der Powerflügel schlechthin, ist ebenfalls zuversichtlich: "Ich habe noch genug Kraft für die Fortsetzung des Turniers. Das ist überhaupt kein Problem."

Blicken wir noch einmal kurz zurück: Was passierte eigentlich damals, an der WM 1939, nach den vier Siegen zum Auftakt? Es ging im gleichen Stil weiter:

8. Februar 1939 Schweiz - USA 3:2

9. Februar 1939 Schweiz - Ungarn 5:2

Erst dann folgten Niederlagen:

10. Februar 1939 Schweiz - Kanada 0:7

11. Februar 1939 Schweiz - USA 1:2

12. Februar 1939 Schweiz - Tschechien 0:0

Damit wurde ein Entscheidungsspiel um WM-Bronze gegen Tschechien nach dem WM-Turnier notwendig. Das gewannen wir am 5. März 2:0 und holten hinter Kanada und den USA WM-Bronze plus den Titel eines Europameisters.

Das weitere Programm an der WM 2010

17. Mai 2010 Schweiz - Norwegen - definitiv

18. Mai 2010 Schweiz - Schweden - definitiv

20. Mai 2010 Viertelfinale - definitiv

22. Mai 2010 Halbfinale - eventuell

23. Mai 2010 Finale oder Spiel um Platz 3 - eventuell

Schweizer Nationalteam, wie hoch willst du noch hinaus? Die erste Medaille seit 1953 ist möglich.

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