Neue Masche – So plündern Hacker die Schweizer Geldautomaten
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Mindestens 70’000 Franken geklautSo haben die Hacker die Bancomaten leergeräumt

Sie sind Profis und räumen gross ab: Hacker rauben Bancomaten mit einer Black Box komplett aus. Die jüngste Tat war eine von vielen.

von
Fabian Pöschl
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Hacker haben 70’000 Franken aus einem CS-Bancomaten geholt.

Hacker haben 70’000 Franken aus einem CS-Bancomaten geholt.

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Auch Bancomaten der ZKB waren betroffen. 

Auch Bancomaten der ZKB waren betroffen.

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Die Räuber nutzten dafür wohl eine sogenannte Black Box, einen PC, mit dem sie Malware auf den Bancomaten aufspielten.

Die Räuber nutzten dafür wohl eine sogenannte Black Box, einen PC, mit dem sie Malware auf den Bancomaten aufspielten.

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Darum gehts

  • Vor zwei Wochen haben Hacker Schweizer Bancomaten geknackt.

  • Solche Raubzüge kommen immer häufiger vor.

  • 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen zur neuen Masche.

Hacker haben vor zwei Wochen einen Coup gelandet, als sie mehrere Bancomaten in der Schweiz knackten und leer räumten. Ein Automat alleine brachte ihnen 70’000 Franken ein. Dabei nutzten sie manipulierte Geräte statt Sprengstoff. Solche Vorfälle häufen sich.

13 solcher Attacken gab es laut der Finanzdienstleisterin Six im vergangenen Jahr auf Bancomaten, das sind sechs Angriffe oder 86 Prozent mehr als noch 2019. Die spektakulären Raubzüge, bei denen Diebe Geldautomaten in die Luft sprengen, nehmen hingegen ab. 2020 gab es noch 19 solcher Vorfälle, 56 Prozent weniger als im Jahr davor.

20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen zum aktuellen Lieblingsvorgehen der Bankräuber.

Was ist passiert?

In Zürich wurde vor zwei Wochen ein Bancomat der Credit Suisse (CS), zwei von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) und möglicherweise auch von anderen Banken geknackt. Die Räuber erbeuteten allein von der CS mindestens 70’000 Franken.

Wie hoch ist die Beute?

Wie viel Geld verschwunden ist, war nicht zu erfahren. Von früheren Fällen ist aber bekannt, dass Räuber allein an einem Bancomaten 400’000 Franken erbeutet haben. «Das ist aber ungewöhnlich viel», wie der Bankexperte Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern sagt. Normalerweise sei weniger Geld in einem Automaten. Wie viel lasse sich aber nicht genau bestimmen. «Das unterscheidet sich je nach Bank und Bancomaten-Standort. Entscheidend ist aber vor allem, wie viele Tage vor der Tat der Bancomat mit Geld nachbefüllt wurde», so Dietrich.

Was ist über die Täter bekannt?

Derzeit noch kaum etwas. Die Kantonspolizei hat Ermittlungen aufgenommen, nachdem Anzeigen bei ihr eingetroffen sind, wie sie auf Anfrage sagt. Weitere Informationen und ob es schon erste Anhaltspunkte über die Täter gibt, sagt sie allerdings nicht. Für den IT-Experten Marc Ruef von Scip AG ist aber klar, dass Profis am Werk waren. Entweder muss es eine Gruppe oder ein Insider gewesen sein, weil der Aufwand so gross sei.

Wie gingen sie vor?

Das ist unklar, weil die Polizei und die betroffenen Banken dazu keine Auskunft geben. Skimming war es aber nicht, da die Täter mit einer geskimmten Karte nicht den ganzen Bancomaten sondern nur ein Konto und auch dieses nur bis zum Bezugslimit plündern könnten. Es dürfte auch keine Cyberattacken gewesen sein, mit der sich Hacker Zugang zum IT-Netzwerk der Bank verschaffen und die Angriffe von dort heraus verüben. So könnten sie mehrere Automaten gleichzeitig ausrauben. Diese sind laut Six aber noch nicht bekannt in der Schweiz.

Wahrscheinlicher ist laut Experten eine sogenannte Blackbox-Attacke, bei der Täter einen kleinen Computer an den Bancomaten anschliessen und darauf Malware aufspielen. Im ersten Halbjahr 2020 gab es in Europa laut der European Association for Secure Transactions einen Anstieg von Blackbox-Attacken um 269 Prozent.

Was unternehmen die Banken in diesem Fall?

Laut den Banken ist alles wieder im Griff. So habe die ZKB etwa umgehend ein Service- und Sicherheitsupdate bei allen Automaten eingespielt, wie es auf Anfrage heisst. Auch die CS hat laut eigenen Angaben die Sicherheitslücke durch ein Software-Update geschlossen. Zudem schaltet die Bank manche Geldautomaten vorübergehend ab Mitternacht aus. Bankexperte Dietrich sagt dazu: «Das kann man aus Sicherheitsgründen und in Anbetracht der derzeitigen Situation so machen. Eine langfristige Lösung sollte das aber nicht sein.»

Wie hoch ist die Gefahr weiterer solcher Attacken?

Laut Six wird keine Branche so häufig angegriffen wie die Finanzbranche. Die Gefahr besteht also permanent. Six will deshalb mit den Banken eine zentrale Plattform als institutionalisierte Alarmierungs- und Informationskette aufbauen und hat einen Pilotbetrieb mit ausgewählten Banken gestartet.

Wird es wegen solchen Attacken weniger Bancomaten geben?

Davon geht Six nicht aus. Die Risiken seien in der Branche bekannt, heisst es in einem Schreiben. Zudem hielten sich die Attacken noch in Grenzen. Allerdings haben Schweizer Banken zuletzt ohnehin vermehrt Automaten dicht gemacht (siehe Box).

Bancomaten kosten bis zu 40’000 Franken pro Jahr

Schweizer heben weniger häufig Geld ab als früher. Laut UBS gingen die Bargeldbezüge in den vergangenen fünf Jahren um 30 Prozent zurück. Daher machen Banken vermehrt ihre Bancomaten dicht. Bankexperte Dietrich erwartet, dass die Zahl der Geldautomaten in den nächsten fünf bis zehn Jahren um 20 bis 30 Prozent abnehmen wird. Dies, weil Bargeld weniger relevant sein werde und verschiedene Alternativen für die Bargeldabhebung entstehen würden. Bei sinkenden Transaktionszahlen aber gleichbleibender Abdeckung von Geldautomaten würden sich die Kosten pro Transaktion sonst erheblich erhöhen. Ein Gerät dieser Art kostet gemäss Dietrich einmalig und abhängig von den Funktionalitäten und inklusive Einbau etwa 40’000 bis 90’000 Franken. Danach koste ein Automat je nach Standortmiete und Videoüberwachung rund 15’000 bis 40’000 Franken Unterhalt pro Jahr. Daher geht Dietrich davon aus, dass sich bei abnehmender Transaktionszahl auch die Anzahl Bancomaten reduzieren wird.

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