Aktualisiert 21.03.2019 08:24

535 Fälle

So häufig werden Juden im Netz angegriffen

Antisemitismus in den sozialen Medien nimmt zu, in Chat-Gruppen werden Judenwitze verbreitet. Nun müssen die Schulen handeln, fordern Experten.

von
jk/bz
1 / 6
Auch Klimabewegungs-Chats sind vom Problem betroffen, wie Leserbilder zeigen. Ein Chat-Administrator sagt, es sei nicht das erste Mal, dass er antisemitische Witze in einem Gruppenchat sehe: «Sie sind öffentlich, jeder kann mitdiskutieren. Leider gibt es Leute, die dann solche Nachrichten schicken.» Die betroffenen Personen werden in der Regel sofort aus den Chats entfernt.

Auch Klimabewegungs-Chats sind vom Problem betroffen, wie Leserbilder zeigen. Ein Chat-Administrator sagt, es sei nicht das erste Mal, dass er antisemitische Witze in einem Gruppenchat sehe: «Sie sind öffentlich, jeder kann mitdiskutieren. Leider gibt es Leute, die dann solche Nachrichten schicken.» Die betroffenen Personen werden in der Regel sofort aus den Chats entfernt.

Screenshot
Antisemitische Äusserungen sind kein Randphänomen mehr, wie der soeben erschienene Antisemitismusbericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) zeigt. 2018 verzeichnete der SIG in der Deutschschweiz 577 antisemitische Vorfälle. Den grössten Teil machten antisemitische Aussagen und Beschimpfungen aus.

Antisemitische Äusserungen sind kein Randphänomen mehr, wie der soeben erschienene Antisemitismusbericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) zeigt. 2018 verzeichnete der SIG in der Deutschschweiz 577 antisemitische Vorfälle. Den grössten Teil machten antisemitische Aussagen und Beschimpfungen aus.

Screenshot SIG
Jonathan Kreutner, Generalsekretär des SIG, bestätigt: «Massiv zugenommen haben antisemitische Äusserungen vor allem in den sozialen Medien. Dort werden jüdische Stereotypen herumgereicht und es wird sogar gedroht.»

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des SIG, bestätigt: «Massiv zugenommen haben antisemitische Äusserungen vor allem in den sozialen Medien. Dort werden jüdische Stereotypen herumgereicht und es wird sogar gedroht.»

Screenshot SIG

«Du bist lustig, dich vergase ich zuletzt», ist noch eine der harmlosen Nachrichten, die in Whatsapp-Gruppenchats momentan die Runde machen. Auch Klimabewegungs-Chats sind vom Problem betroffen, wie Leserbilder zeigen (siehe Bildstrecke). Ein Chat-Administrator sagt, es sei nicht das erste Mal, dass er antisemitische Witze in einem Gruppenchat sehe: «Sie sind öffentlich, jeder kann mitdiskutieren. Leider gibt es Leute, die dann solche Nachrichten schicken.» Die betroffenen Personen würden in der Regel sofort aus den Chats entfernt. Am Donnerstag präzisiert Chat-Administrator Arthur Gamsa, dass ein einzelner User der 120 User solche Nachrichten verbreitet habe. «Wir melden die Person der Polizei», sagt Gamsa.

Das ist kein Einzelfall: Erst am Montag machte 20 Minuten publik, dass an der Sekundarschule in Elgg ZH Schüler in einer Chatgruppe Judenwitze kursierten. Ein Schüler der Sek Elgg gab an, die Gruppe sei absichtlich gegründet worden, um nationalsozialistisches Gedankengut zu verbreiten. TeleZüri berichtete über einen weiteren Fall eines Schulchats, in dem Hitler-Memes kursierten.

Antisemitismus nimmt vor allem im Netz zu

Antisemitische Äusserungen sind kein Randphänomen mehr, wie der soeben erschienene Antisemitismusbericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) zeigt. 2018 verzeichnete der SIG in der Deutschschweiz 577 antisemitische Vorfälle. Den grössten Teil machten antisemitische Aussagen und Beschimpfungen aus. Besonders in den Kommentarspalten von Online-Medien und auf Social Media wie Facebook und Twitter wüten Antisemiten. Laut dem SIG wurden dort 535 Vorfälle und 114 grenzwertige Aussagen gezählt. Die Dunkelziffer ist hoch, längst nicht alle Fälle werden gemeldet.

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des SIG, bestätigt: «Massiv zugenommen haben antisemitische Äusserungen vor allem in den sozialen Medien. Dort werden jüdische Stereotypen herumgereicht und es wird sogar gedroht.» Auf der Strasse sei Antisemitismus in der Schweiz verhältnismässig selten. «Als Hauptgründe betrachten wir einerseits das Phänomen des Hate Speech im Internet, das in den letzten Jahren erstarkt ist», erklärt Kreutner. Andererseits habe sich ganz offensichtlich die Grenze des verbalen Umgangs miteinander – und vor allem gegenüber Minderheiten – verschoben.

Schulen sind gefordert

SP-Nationalrat Cédric Wermuth sagt: «Es findet eine Rückkehr zum Antisemitismus statt. Das ist beängstigend und schockierend.» Lange habe man gedacht, die Schweiz sei auf einem guten Weg. «Nun zeigt sich, wie geschichtsvergessen die Gesellschaft sein kann.» Die Schulen müssten mehr über den Antisemitismus sensibilisieren, so Wermuth. «Was jetzt passiert, soll ein Warnhinweis für eine schlimme Entwicklung sein.» Auch SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler findet, dass Lehrpersonen besser hinschauen sollten. «Anstatt etwas brodeln zu lassen, sollten die Lehrpersonen mit den Schülern, die sich antisemitisch verhalten, das Problem ausdiskutieren.» Oft zeige sich dann auch, dass sich die Kinder über ihr Handeln nicht im Klaren gewesen seien.

«Worten können jederzeit Taten folgen»

CVP-Präsident Gerhard Pfister hingegen sieht die Eltern in der Pflicht. «Die antisemitischen Tendenzen liegen auch an mangelnder Erziehung und mangelndem Geschichtsbewusstsein.»

Die Politiker sind sich einig, dass die antisemitische Entwicklung gestoppt werden muss. Auch Kreutner vom SIG sagt: «Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun. Es sind alle gefragt, Hassreden und verletzende Sprüche zu benennen und zu verurteilen. Denn: Worten können jederzeit Taten folgen.»

Er fordert vom Staat mehr Prävention und Förderung der Medienkompetenz. Die Social-Media-Plattformen müssten unbedingt ihre Mechanismen zur Selbstkontrolle ausbauen. «Schulen und Lehrpersonen haben die Aufgabe, solche Themen mit ihren Schülern immer wieder eingehend zu diskutieren. Dazu gehört der geschichtliche Hintergrund, das Bewegen in den sozialen Medien und vor allem ein respektvoller und toleranter Umgang mit den Mitmenschen.» Besonders jüngere Menschen würden den historischen Kontext häufig nicht verstehen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.