Invasion in Ukraine – «Einmarsch gespürt» – Korrespondentin Ann Guenter über die Kriegswoche
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Invasion in Ukraine«Einmarsch gespürt» – Korrespondentin Ann Guenter über die Kriegswoche

20 Minuten-Chefreporterin Ann Guenter ist von der Ukraine nach Polen geflüchtet. Das Land zu verlassen, sei immer noch schwierig.

von
Nicolas Meister
Lisa Horrer
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20 Minuten-Chefreporterin Ann Guenter ist vor einigen Tagen aus Kiew geflohen.

20 Minuten-Chefreporterin Ann Guenter ist vor einigen Tagen aus Kiew geflohen.

20min/Ann Guenter
Wie ihre Kollegen von BBC oder CNN, die immer noch in Kiew sind, sagen, sei das neue Stadtbild von Barrikaden, verkohlten Leichen und brennenden Gebäuden geprägt. 

Wie ihre Kollegen von BBC oder CNN, die immer noch in Kiew sind, sagen, sei das neue Stadtbild von Barrikaden, verkohlten Leichen und brennenden Gebäuden geprägt. 

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Übernachtet hat Ann Guenter während ihrer Zeit in Kiew in einem Bunker. Viele Reporter würden dort lange Zeit verbringen, während die Sirenen heulten.

Übernachtet hat Ann Guenter während ihrer Zeit in Kiew in einem Bunker. Viele Reporter würden dort lange Zeit verbringen, während die Sirenen heulten.

20min/Ann Guenter

Darum gehts

  • 20 Minuten-Chefreporterin Ann Guenter ist vor ein paar Tagen aus Kiew nach Polen geflohen. Die Situation in Kiew sei hektisch, sagt sie.

  • Das aktuelle Stadtbild sei von verkohlten Leichen, brennenden Häusern und ukrainischen Panzern geprägt.

  • Eine Flucht sei eine Tortur, da ein Benzinmangel herrsche und die Strecken zu den Grenzen sehr lange seien.

Ann, du bist seit mehreren Wochen in der Ukraine. Wo bist du jetzt und wie geht es dir?
Momentan bin ich in Polen an der ukrainischen Grenze. Vor einigen Tagen habe ich die Hauptstadt Kiew wegen der immer näher kommenden russischen Armee verlassen. Ihren Einmarsch hat man richtig spüren können. Die Situation war hektisch, die Sirenen heulten häufig, und die Detonationen von Artilleriegeschossen und Raketen kamen immer näher.

Wie bist du geflüchtet?
Per Auto.

Sind auch Journalisten vor Ort?
Ja, einige Reporter von CNN, BBC und anderen grossen Netzwerken sind noch im Land, in Kiew oder sogar im Osten. Das ist gefährlich: In Kiew soll eine deutsche Journalistin vom ZDF von der ukrainischen Armee hart angegangen worden sein – man warf ihr vor, eine Spionin zu sein. Es kann mitunter auch tödlich enden: Vor einigen Tagen wurden zwei dänische Journalisten im Osten der Ukraine in ihrem Fahrzeug beschossen, einer starb.

Wie schützen sich die Journalisten?
Meine Kollegen in Kiew erzählen mir, dass sie mit Schutzwesten und Helmen herumlaufen würden. Eigene Waffen tragen sie nicht, und nicht alle haben eine bewaffnete Begleitung dabei, etwa einen eigenen Sicherheitsberater.

Wie sieht der Alltag der Reporter in Kiew aus?
Sie verbringen viel Zeit in Bunkern, um sich vor den Luftangriffen zu schützen. Viele haben sich in weiser Voraussicht schon vor zwei Wochen mit Essen eingedeckt, denn nicht mehr alle Hotels haben ihre Küchen geöffnet. Sobald die Sirenen verstummen, gehen sie raus – zumindest tagsüber. Am Abend gilt in allen ukrainischen Städten eine Sperrstunde ab 18 oder 20 Uhr. Ich habe Fotos von den bombardierten Stadtteilen gesehen: Verkohlte Leichen, brennende Gebäude und verbarrikadierte Strassen prägen das Stadtbild, überall sind Sandsäcke gestapelt, die ukrainische Armee ist mit Panzern und MRAPs (Mine-resistant, ambush-protected vehicle, Anm. der Red.) überall präsent.

Wer ist sonst noch in den umkämpften Gebieten?
Neben der ukrainischen Armee mit ihren Soldaten und Soldatinnen sind Männer zwischen 18 und 60 Jahren zurückgeblieben, sie dürfen das Land nicht verlassen, es sei denn, sie haben eine Ausnahmebewilligung wegen gesundheitlicher Probleme. Viele von ihnen sind wütend auf die russische Armee, was sie die Angst vergessen lässt. Deshalb haben viele auch einen starken Kampfgeist. Wenn sie nicht kämpfen, basteln Freiwillige Molotowcocktails, transportieren Essen oder liefern medizinische Güter aus.

Und was ist mit den Frauen, den Kindern und den Alten?
Viele sind geflohen. Das gestaltet sich jedoch immer noch sehr schwierig. Die Züge sind überfüllt – ich habe mir sagen lassen, dass es fast schon an indische Verhältnisse erinnert, so eng sind die Platzverhältnisse. Und auch wer mit dem Auto unterwegs ist, kann Probleme kriegen. Denn das Benzin ist im ganzen Land zur Mangelware geworden, und die Staus auf den grossen Strassen gegen Westen erstrecken sich über Kilometer. Es kommt immer wieder vor, dass eine Familie beispielsweise 25 Kilometer vor der polnischen Grenze stehen bleibt und den Rest zu Fuss gehen muss, weil das Benzin ausging. Mit Kindern und Gepäck in der eisigen Kälte ist das eine Tortur.

Was denkst du, geschieht als Nächstes im Krieg? Was hat Putin noch vor?
Es gibt viele Gerüchte. Mehrere Szenarien sind denkbar. Putin kann einen weiteren Grossangriff planen und dabei schwere Artillerie und die gefürchteten Grad-Raketen einsetzen, also Raketen mit einer Reichweite von über 30 Kilometern. Aber auch ein Waffenstillstand ist nicht vom Tisch. Es kursieren sogar Gerüchte, dass die ukrainische Hauptstadt geteilt werden könnte, wobei die ukrainische Armee im Westen und die russische im Osten bleiben würde. Aktuell ist es überraschend ruhig in Kiew – aber das muss nichts heissen, es könnte lediglich die Ruhe vor einem weiteren grossen Sturm sein.

Lies unten eine Einschätzung der aktuellen Lage von Sicherheitsexperte Tobias Vestner. 

Wie geht es jetzt mit dem Krieg weiter?

Tobias Vestner ist Programmleiter von «Sicherheit und Recht» am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP). Er bezeichnet die Lage in der Ukraine als «katastrophal und sehr beunruhigend», da vermehrt auch bewohnte Gebiete angegriffen würden.

Ein Pfeiler der ukrainischen Strategie sei der ukrainische Präsident Selenski, der sich regelmässig meldet, denn «das kommuniziert eine hohe Symbolik und Stärke». Zudem beherrsche die Ukraine den Informationskrieg. So habe sie es geschafft, den Westen zu überzeugen, dass der Krieg ganz Europa betreffe. Den ukrainischen Kämpfern sei es gelungen, die Invasion zu erschweren und zu verlangsamen. Davon profitiere die Ukraine, denn «je länger die Kämpfe andauern, desto demoralisierter dürften die russischen Soldaten werden und desto schwieriger wird ein russischer Sieg aufgrund der Waffenlieferungen vom Westen.»

Vestner glaubt, dass der Krieg an Brutalität gewinnen könnte, wenn Russland nicht weiterkomme. Auch der Einsatz von atomaren Waffen sei nicht auszuschliessen. «Wenn gegen die Ukraine atomare Waffen eingesetzt werden würden, dann um Angst und Terror zu verbreiten und um den Krieg zu beenden.» Ein Ende des Krieges sei derzeit schwierig abzuschätzen. Das hänge mit Faktoren zusammen, wie etwa «wie weit kann Russland sich mit der aktuellen Taktik durchsetzen, wie stark ist die Resistenz der Ukrainer und zu welchem Grad an zivilen und eigenen Opfern ist Russland bereit?», so Vestner. Doch auch von Faktoren wie Probleme beim Nachschub auf russischer Seite hänge der Verlauf ab.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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