Aktualisiert 05.06.2014 15:32

Ukraine-Krise

So infiltriert Putin westliche Medien

Russland soll Armeen von Kommentarschreibern angeheuert haben. Sie verbreiten prorussische Propaganda im Netz. Man erkenne sie leicht, sagt ein Experte.

von
cfr
Putin soll ganze Armeen an Cyber-Kriegern angeheuert haben, die prorussische Propaganda in westlichen Medien verbreiten (Symbolbild).

Putin soll ganze Armeen an Cyber-Kriegern angeheuert haben, die prorussische Propaganda in westlichen Medien verbreiten (Symbolbild).

Während Russland in der Ukraine-Krise zunehmend in der internationalen Kritik steht, tauchen immer mehr prorussische Kommentare bei den Leserkommentaren westlicher Online-Zeitungen auf. Der amerikanischen Online-Zeitung «Buzzfeed» liegen Dokumente einer Kreml-gesponserten PR-Firma namens Internet Research Agency vor, die ein mysteriöser russischer Hacker veröffentlicht haben soll.

Diese Firma soll seit April hunderte Russen angeheuert haben, um prorussische Kommentare in amerikanischen Online-Zeitungen zu platzieren. Betroffene Medien sind unter anderem «Fox News», «Huffington Post» und WorldNetDaily.

Westliche Medien sind auf Cyber-Angriffe nicht vorbereitet

Laut der veröffentlichen Pläne schreiben Mitarbeiter dieser Firma an einem normalen Arbeitstag 50 Kommentare zu westlichen Nachrichtenartikeln. Jeder Schreiber soll zusätzlich sechs Facebook-Accounts eröffnen, um darin mindestens dreimal täglich zu posten. Die Kommentatoren betreiben auch um die zehn Twitter-Accounts. Diese laufen unter Pseudonymen wie «Gay Turtle», «The Ghost of Marius the Giraffe», «Black Breast», oder «Ass». Mutmasslich sollen diese Namen amerikanisch klingen, um authentisch zu wirken.

Russland sei mit seinen Online-Kampagnen sehr erfolgreich, sagt Sicherheits- und Russlandexperte Keir Giles zu 20 Minuten: «Die russischen Medien, vom individuellen Blogger bis zu Pressekonferenzen des Präsidenten, verbreiten dieselben Lügen. Es geht darum, die russische Version der Ukraine-Krise zu erzählen.» Westliche Medien seien auf das Ausmass, die Intensität und die Stetigkeit dieser Cyber-Angriffe nicht vorbereitet, fügt er hinzu.

Manipulierte Kommentare sind leicht zu erkennen

Insbesondere Deutschland sei ein Ziel der russischen Cyber-Attacken, sagt Giles. Deutschland gelte als das russlandfreundlichste Land Europas und Russland hoffe, dank der starken Position Deutschlands die EU und die Nato zu beeinflussen.

Auch deutsche und Schweizer Zeitungen berichten über das Auftauchen von mutmasslichen Cyber-Trollen auf ihren Websites. Diese seien gar nicht so schwer zu erkennen, sagt Giles: «Erstens gibt es im Internet Anweisungen für russische Trolls, welche Formulierungen in Nachrichten zu nutzen sind. Zweitens sind diese Kommentare oft in einem spezifischen Stil verfasst. Nämlich: dem leicht hysterischen Ton der russischen TV-Programme. Drittens kann man nach der einfachen Regel gehen: Wenn ein Kommentar unnatürlich klingt, ist er es wahrscheinlich auch.»

In Deutschland klagen unter anderem der «Spiegel», «Focus» und Zeit Online über prorussische Propaganda in ihren Kommentaren. Die Arbeit als russischer Propaganda-Verbreiter in Massenmedien sei dankbar, sagt Annika Taube, Leiterin der Community-Redaktion bei Zeit Online gegenüber dem SRF. «Oft reicht ein einziger Kommentar, um eine ganze Diskussion aus dem Ruder laufen zu lassen.»

Auch die NZZ berichtet von prorussischen Trollen, die sich in der Kommentarspalte ihrer Russland-Artikel tummeln. Lorenz König, Community-Manager bei NZZ Online, sagt: «Vor allem seit Mitte April können wir vermehrt prorussische Kommentare feststellen.»

Wir haben in der Community-Redaktion von 20 Minuten nachgefragt. Auch dort tauchten vor allem zu Anfang der Ukraine-Krise auffällig viele prorussische Kommentare auf.

Informationskrieg: Wer die Wahrheit sagt, verliert

Aber nicht nur Russland bedient sich der Internet-Propaganda. Auch das Weisse Haus verwendet laut Washington Blog Trolle und hat beispielsweise bei Google Stichworte wie «Putin sponsert Terrorismus» eingekauft.

Das Leitmotiv der Kreml-Troll-Armee:«Im Informationskrieg verliert die Seite, die die Wahrheit sagt», sagt Giles. Dies habe auch der Generalsekretär der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) Nikolay Bordyuzha vor zwei Wochen bei der Internationalen Sicherheitskonferenz in Moskau klar gemacht.

Das russische Internet ist konstruiert, um zu beeinflussen

Die Cyberkrieg-Experten Ronald Deibert und Rafal Rohozinski stellten in ihrem Buch «Access Controlled: The Shaping of Power, Rights and Rule in Cyberspace» fest, dass die «Kontrollmechanismen im russischen Internet subtiler und ausgeklügelter» seien als in anderen Ländern, wo Regierungen etwa auf Überwachung, Zensur oder Internetsperren setzen. Das Internet in Russland, so die Beobachtung der Experten, sei «so konstruiert, um formen und beeinflussen zu können, wie Information bei den Usern ankommt, statt einfach den Zugang zu Informationen zu versperren».

Keir Giles

Der Brite Keir Giles (46) ist Autor und Direktor des «Conflict Studies Research Centre» im Englischen Shrivenham. Giles ist führender Experte zu Sicherheitsfragen in Bezug auf Russland und das russische Militär. Giles arbeitet ebenfalls für das renommierte «Royal Institute of International Affairs» (Chatham House).

Was ist ein Cyber-Troll?

Das Wort Troll hat eine lange Geschichte im Internet. Es beschreibt eine Art von Online-Verhalten, das primär für Verwirrung in Online-Diskussionen sorgen soll. Im Kontext der Russland-Ukraine Krise beschreibt der Begriff «Cyber-Troll» eine Person, deren Aktivität im Netz darauf abzielt, eine Onlinedebatte zu beeinflussen oder zu verhindern. Fast jedes Online-Forum ist momentan von solchen russischen Cyber-Trolls infiltriert, um die Debatte nach russischem Gusto zu steuern.

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