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Zwei Tickets für ein SpielSo ist England seine Hooligans losgeworden

Die jüngsten Unruhen nach dem Spitzenspiel Zürich gegen Basel schreien nach Massnahmen. Die Lösung könnte in England liegen. Dort wurden die Hooligans radikal aus den Stadien getrieben – mit zwei Tickets für ein Spiel.

von
Reto Fehr

Petarden und Raketen im Stadion, dazu Rauchbildung, die das Weiterspielen minutenlang verunmöglicht. Das war nicht nur beim Spitzenspiel im Letzigrund vom Sonntag der Fall, sondern kommt in Schweizer Fussballstadien immer wieder vor. Ob die Eingangskontrollen zu schlecht waren oder nicht: Eine Beruhigung der Situation in den Fussball-Arenen könnte auch auf andere Art und Weise erreicht werden.

Denn in England – praktisch dem Geburtsland der Hooligans – gehören solche Szenen seit Jahren der Vergangenheit an. Kein Matchbesucher würde eine Petarde abbrennen, keine Randalierer versuchen Zäune einzutreten und in den gegnerischen Fan-Sektor zu kommen - es gibt in England praktisch keine Zäune mehr in Fussballstadien. Nachdem der englische Fussball Ende der 80er- und Anfang der 90er Jahre im Hooligan-Sumpf zu verenden drohte und die Teams aus europäischen Wettbewerben wegen der Ausschreitungen ausgeschlossen waren, wurden radikale Ticketregeln eingeführt.

Zwei Tickets bei einem Auswärtsspiel

So werden Fans schon vor dem Stadion gefilmt und berittene Polizisten sorgen mit Präzision und Disziplin für Recht und Ordnung, sobald irgendwo auch nur ein Funke von Aggressivität aufkommt. Wichtigstes Puzzle-Stück für friedliche Fussballpartien ist aber das Zwei-Ticket-System. Randalierer kommen bei Auswärtsspielen gar nicht mehr ins Stadion. Für ein Spiel zwischen Liverpool und Bolton kann man die Tickets für den Gäste-Fanblock beispielsweise nur beim Gastteam kaufen. Man erhält eine offizielle Eintrittskarte des FC Liverpool mit der Sitzplatznummer sowie einen Voucher von Bolton. Dort ist neben dem Namen auch die Adresse des Käufers notiert und er bestätigt den Besuch an Liverpools Anfield Road. Bei der Eingangskontrolle sind beide Tickets vorzuweisen, eine ID-Kontrolle erfolgt jedoch nur bei Verdachtsmomenten und stichprobenweise. So ist die Weitergabe an eine dritte Person erheblich erschwert.

Am schwersten sind Tickets für Risikospiele («restricted games») zu ergattern. Dies sind nicht nur alle Heim- und Auswärtsspiele der grossen Vier, sondern unter anderem auch Derbys und Spiele an Feiertagen oder zwischen Weihnachten und Neujahr. Solche heissbegehrte Billette werden nur an die treusten Supporter verkauft. Wollte ein Liverpool-Fan ein Ticket für das 1/32-Final im Cup bei Preston North End, musste er nicht nur im Besitz der Saisonkarte sein, sondern auch den Besuch von 15 Auswärtsspielen seiner Mannschaft nachweisen. Auch hier kommen dann wieder die bereits erwähnten Voucher zum Einsatz. Nur wer das alles erfüllt, bekommt ein einziges Ticket.

Schattenseite des Systems

Diese Regeln haben für Ruhe in den Stadien gesorgt. Die Schattenseite ist aber auch offensichtlich: Wer sein Team nur ab und zu im Stadion sehen will, hat praktisch keine Chance auf eine Eintrittskarte. Und die Wartelisten für Saisonkarten sind in England teilweise ins Absurde gestiegen: Wer ein Jahresabo eines grossen Vereins will, kann schon mal über 20 Jahre darauf warten.

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