Ein Jahr Frauenstreik: Fuhr Autofahrer absichtlich Velo-Demonstrantin an?

Ein Jahr FrauenstreikFuhr Autofahrer absichtlich Velo-Demonstrantin an?

Ein Jahr nach dem historischen Frauenstreik haben am Sonntag in zahlreichen Schweizer Städten Kundgebungen stattgefunden. Alle News dazu finden Sie im Ticker.

von
Bettina Zanni
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Das Frauenstreik-Kollektiv Zürich meldete auf Twitter, dass in Winterthur ein Mann offenbar absichtlich in die feministische Velodemo gefahren sein soll.

Das Frauenstreik-Kollektiv Zürich meldete auf Twitter, dass in Winterthur ein Mann offenbar absichtlich in die feministische Velodemo gefahren sein soll.

Keystone
«Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft», fordert Irene Knecht (29) aus Zürich.

«Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft», fordert Irene Knecht (29) aus Zürich.

Till Burgherr
Streikende hatten für den 14. Juni 2020 verschiedene Kundgebungen und Aktionen angekündigt.

Streikende hatten für den 14. Juni 2020 verschiedene Kundgebungen und Aktionen angekündigt.

Keystone

Darum gehts

  • Unter dem Motto «Lohn. Zeit. Respekt.» demonstrierten am Sonntag vor einem Jahr in der Schweiz über eine halbe Million Frauen. Mit dem ersten Frauenstreik seit 1991 forderten sie, dass ihre Arbeit finanziell und gesellschaftlich aufgewertet wird und sie für die Betreuungsarbeit mehr Zeit und Geld erhalten.

  • Die Stimmen sind auch ein Jahr später nicht verstummt. Zahlreiche Frauen demonstrierten in Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Bellinzona.

  • Wegen der Corona-Massnahmen wurden dieses Jahr aber keine offiziellen Kundgebungen organisiert, sondern verschiedene Aktionen den ganzen Tag hindurch geplant.

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Sonntag, 14.06.2020

Zusammenfassung

Ein Jahr nach dem historischen Frauenstreik haben am Sonntag in zahlreichen Schweizer Städten Kundgebungen stattgefunden. Wegen der Corona-Massnahmen wurden dieses Jahr aber keine offiziellen Kundgebungen organisiert, sondern verschiedene Aktionen den ganzen Tag hindurch geplant. In Zürich starteten die Teilnehmerinnen entsprechend in kleinen Gruppen von verschiedenen Orten aus.

Daraus hat sich eine Kundgebung von über 1000 Menschen in der Langstrasse gebildet. Die Teilnehmerinnen sperrten die Strasse mit einer Wäscheleine und sammelten daran Forderungen und Aufrufe. «Nie mehr unpaid work», war etwa als Forderung zu lesen.

In Basel blockierten kurz vor 15.30 Uhr etwa rund 500 Frauen die Mittlere Brücke, um dort zu demonstrieren und zu tanzen. Die Polizei war mit einem grösseren Aufgebot vor Ort. Zweimal forderten die Demonstrantinnen die Polizisten auf, von der Mittleren Brücke «abzuhauen». Nach rund 45 Minuten rief die Polizei die Demonstrantinnen dazu auf, die Brücke innert 10 Minuten zu verlassen – ansonsten fänden Personenkontrollen statt.

Der Demonstrationszug bewegte sich dann zum Universitätsspital, um dem Pflegepersonal «solidarische und kämpferische Grüsse» zu senden. Um etwa 16.45 Uhr sperrte die Polizei die Johanniterbrücke ab und führte Personenkontrollen durch.

In Bern konnten Interessentinnen und Interessenten einen «feministischen Postenlauf» absolvieren – dies auf der Route der grossen Kundgebung von 2019. Themen waren beispielsweise Lohnunterschiede, die Situation von Migrantinnen und der Beschluss des Kantonsparlaments von dieser Woche, die Sonntagsverkäufe zu verdoppeln. Die Stadt Bern hatte den Anlass bewilligt. Mehrere Hundert Personen dürften den Postenlauf absolviert haben – jedenfalls sagte eine Organisatorin auf Anfrage, alle 300 Startnummern seien abgegeben worden.

Auch im Kanton Waadt wurde an verschiedenen Orten demonstriert. In Lausanne startete der Aktionstag schon kurz nach Mitternacht mit einer Versammlung. Am Nachmittag demonstrierten bis zu 2000 Personen auf drei verschiedenen Plätzen. Bei einer Kundgebung demonstrierte gut ein Dutzend Frauen mit nackten Brüsten.

In Bellinzona zogen rund 200 Menschen durch die Strassen und forderten gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die Gewerkschaften kritisierten am Sonntag, dass trotz einem «überwältigenden» Frauenstreik im letzten Jahr, sich in Sachen Gleichstellung in der Schweiz kaum etwas verbessert habe. Die Frauen würden immer noch tiefere Löhne und Renten bekommen als Männer und mehr Betreuungsarbeit übernehmen, teilte der Schweizerische Gewerkschaftsbund mit.

Brennende Themen

Judith Grosse, Medienverantwortliche vom Frauenstreik-Kollektiv Zürich, zieht ein positives Fazit. Die vielen Teilnehmer zeigten, dass diese Bewegung wirklich mobilisieren könne. «Es gibt einfach brennende Themen, die müssen in diesem Moment auf die Strasse», sagt sie angesprochen auf die grosse Teilnehmeranzahl trotz einer Beschränkung von 300 Personen aufgrund des Coronavirus.

Das Frauenstreik-Kollektiv Zürich meldete auf Twitter, dass in Winterthur ein Mann offenbar absichtlich in die feministische Velodemo gefahren sein soll.

Michael Wirz, Sprecher der Stadtpolizei Winterthur, bestätigt eine Kollision zwischen einer Fahrerin der Velodemo und einem Auto. «Die 24-jährige Frau stürzte und verletzte sich leicht. Sie musste aber nicht ins Spital», so Wirz. Wie es zur Kollision kam, werde ermittelt. «Der 72-jährige Lenker des Autos wird zurzeit von der Polizei befragt.»

Mit alten Klischees wird am Streik aufgeräumt.

Lärm

Lärmend versammeln sich die Streikenden auf dem Helvetiaplatz in Zürich.

Lausanne

In Lausanne machen sich Frauen mit vollem Körpereinsatz für ihre Anliegen stark.

Lohngleichheit

Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer. Lohngleichheit ist eines der zentralen Anliegen des Frauenstreiks. Auch Hadassa Vladar ist deswegen auf die Stasse gegangen. «Es braucht gleiche Löhne», steht für sie fest.

Gleiche Rechte

Luzia Vladar nutzt den Streik, um den Ausländerinnen Gehör zu verschaffen. «Es braucht für Ausländerinnen die gleichen Rechte wie für Schweizer», fordert sie.

Mehrere hundert Streikende ziehen laut dem 20-Minuten-Reporter vor Ort durch die Zürcher Langstrasse.

Kein Ende der Diskussion

Auch für Anique Hug gibt es noch viel Arbeit in der Gleichstellungsfrage. «Die Diskussion ist noch lange nicht fertig», sagt sie.

«Frauen an die Macht»

Katrin Kurmann (rechts) aus Luzern und Svetlana aus Zürich besprayen fleissig Plakate. Für sie steht fest: «Frauen an die Macht. Wir haben Kraft.»

Kampf geht weiter

Plakate wie «Frauenstreik Jetzt!» machen deutlich, dass der Kampf für die Gleichstellung auch ein Jahr nach dem grossen Frauenstreik noch nicht vorbei ist.

Basler Polizei entfernt Plakat

Aktivistinnen befestigten in der Nacht auf Sonntag an den Brücken Basels drei Transparente. Das Ziel sei, einen gesellschaftlichen Diskurs zu fördern und keine expliziten Forderungen zu stellen, schrieben die Aktivistinnen in einer Medienmitteilung. Die Transparente sollten zum Nachdenken anregen.

Die Basler Polizei hatte daran allerdings keine Freude. Die Polizei entfernte ein Transparent von der Schwarzwaldbrücke.

Aktionen am Sonntag

Ein Jahr nach dem historischen Frauenstreik haben am Sonntag in zahlreichen Schweizer Städten Kundgebungen stattgefunden. In Lausanne versammelten sich rund 500 Menschen, in Bellinzona rund 200. Auch in Basel finden derzeit verschiedene Aktionen statt.

So versammelten sich um 14.00 Uhr rund 150 Personen auf dem Basler Theaterplatz, um gemeinsam zu picknicken und zu tanzen. Um 15.10 Uhr haben die Organisatorinnen ein «lautes Joggen» vom St. Johanns-Park bis zum Museum Tinguely angekündigt.

Von dort aus möchten die Teilnehmerinnen dann in den Rhein steigen und ihren Protest schwimmend fortsetzen. Zudem soll um 15.23 Uhr ein Streik auf der Mittleren Brücke stattfinden. Die Polizei ist vor Ort und verteilt Corona-Flyer des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).

In Lausanne verteilen sich die rund 500 Teilnehmenden ebenfalls auf verschiedene Aktionen. Auch in Nyon, Vevey und Renens gab es Kundgebungen. In Bellinzona zogen rund 200 Menschen durch die Strassen und forderten gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Auf dem Helvetiaplatz in Zürich versammeln sich immer mehr Streikende.

Auf dem Helvetiaplatz in Zürich versammeln sich immer mehr Streikende.

Till Burgherr

Periode ohne Tabu

Das feministische Kollektiv aktivistin.ch fordert, dass Frauen für Binden, Tampons etc. nichts mehr bezahlen müssen.

Sexismus bei der Arbeit

Askja prangert den Sexismus an. Es brauche im Bezug auf Frauen mehr Achtsamkeit. In ihrem Berufsleben haben sie schon Sexismus erlebt. «Auf der impliziten Ebene lief mir Sexismus schon oft über den weg», sagt sie.

Farbe auf Asphalt

Der Platz wird immer bunter.

Streiken mit Masken

Askja, Farfalla, Käsche und Nalla kämpfen für die Gleichstellung – selbstverständlich sind sie heute mit Masken unterwegs.

Unterdrückung

Cato Ernst aus Zürich (22) will mit dem Streik ein Zeichen gegen Unterdrückung setzen.

Mehr Feministinnen

Olivia (28) ist der Meinung: «Es braucht mehr Feministinnen und Feministen.»

Till Burgherr