Listige Zuckermoleküle: So kämpfen Grippe-Viren gegen das Immunsystem
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Listige ZuckermoleküleSo kämpfen Grippe-Viren gegen das Immunsystem

Forschern ist es gelungen, das Geheimnis der Tarnkappen von Grippe-Viren zu lüften. Damit erhoffen sie sich, einen Impfstoff herzustellen, der gegen mehrere Grippestämme gleichzeitig wirkt.

Mit einer «Tarnkappe» aus Zuckermolekülen schützen sich Grippeviren vor dem Angriff der Immunabwehr des Körpers. Dies zeigt eine internationale Studie mit Zürcher Beteiligung auf. Die Forschenden hoffen, über die Manipulation dieser Zuckeranhängsel effizientere Grippeimpfungen entwickeln zu können.

Denn die Zuckeranhängsel können nicht nur die Stärke der Krankheit beeinflussen, sondern auch im Alleingang die Immunabwehr von Mäusen gegen die Viren verändern. Dies berichtet das Team um Rafael Medina von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai (US-Bundesstaat New York) im Fachjournal «Science Translational Medicine».

Diese Fähigkeit mache sie zu einem wichtigen Ansatzpunkt auf der Suche nach neuen Grippeimpfungen, erklärte Mitautorin Silke Stertz von der Universität Zürich. Die Hoffnung sei, damit Impfstoffe herstellen zu können, die gegen mehrere Grippestämme gleichzeitig wirken. Derzeit wirken Grippeimpfungen immer nur gegen den einen Stamm, gegen den sie entwickelt wurden.

Helm aus Zucker

In der Studie konnte das Team zeigen, dass die Zuckermoleküle, Glykosylierungen genannt, eine Art Helm über der Erkennungsstelle für die Immunabwehr in Grippeviren bilden. Dieser Helm hindert die Antikörper des Immunsystems daran, sich festzusetzen. Antikörper machen das Virus «sichtbar» für Immunzellen, die es dann zerstören.

In Mausexperimenten beobachtete das Forscherteam, dass die Glykosylierungen den Viren dabei halfen, Antikörpern aus früheren Grippeinfektionen zu entgehen. Als die Forscher zusätzliche Zuckermoleküle an die Viren anhängten, wurden Mäuse und Frettchen weniger krank. Umgekehrt verstärkte das Entfernen der Zucker die Krankheit bei Mäusen.

Impfstoffe gegen mehrere Viren

Ganz alleine seien die Zuckermoleküle demnach in der Lage, die Immunantwort zu beeinflussen. Die Forscher empfehlen deshalb, die Glykosylierungen von neu auftretenden Grippestämmen zu überwachen. Denn diese könnten dazu führen, dass der aktuelle Impfstoff eines Jahres gegen diese nicht wirkt, erklärte Stertz.

Die Erkenntnisse lassen die Forschenden aber auch hoffen, dass Impfstoffe mit besonders vielen Glykosylierungen hergestellt werden könnten, die womöglich gegen mehrere Virenstämme gleichzeitig wirken, erklärte Stertz. Sie würden die stark veränderliche Stelle, an der aktuelle Impfstoffe ansetzen, quasi maskieren und die Immunantwort so «umleiten» und breiter wirksam machen.

Zahlreiche Wissenschaftler in aller Welt würden aus diesem Grund an diesen Glykosylierungen forschen, erklärte Stertz. Doch von einem tatsächlichen Impfstoff sei man noch weit entfernt. (sda)

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