Berner Titeltaktik: So kann der SCB die Meisterschaft gewinnen
Aktualisiert

Berner TiteltaktikSo kann der SCB die Meisterschaft gewinnen

In der Schlussphase der Qualifikation wird erkennbar: Der SC Bern hat das Zeug zum Meistertitel. Aber Trainer Antti Törmänen muss sein Abwehrproblem lösen.

von
Klaus Zaugg

Verteidigung hat viel mit Psychologie zu tun. Als die Artillerie von Karl dem Kühnen, damals die modernste Europas, die Mauern von Murten zusammengeschossen hatte, ordnete Stadtkommandant Adrian von Bubenberg an, die Lücken mit Tüchern zu schliessen. Murten hielt stand. Die anschliessende Schlacht wurde gewonnen und Bern stieg vor 537 Jahren zu einem der mächtigsten Stadtstaaten Europas auf. Noch heute ehrt Bern Adrian von Bubenberg mit mehreren Denkmälern.

Die Abwehr des SC Bern befindet sich in einem ähnlichen Zustand wie damals die Stadt Murten: Sie ist sturmreif. Mit Travis Roche, Martin Höhener, Andreas Hänni, Philippe Furrer und Flurin Randegger fallen fünf Verteidiger aus. Gegen Biel standen Trainer Antti Törmänen gerade noch vier Abwehrspieler mit ausreichender NLA-Erfahrung zur Verfügung: Beat Gerber, Geoff Kinrade, Franco Collenberg und David Jobin. Wann Hänni und Furrer (Gehirnerschütterungen) zurückkehren, ist ungewiss. Für Höhener ist die Saison zu Ende, Randegger (Schulterverletzung) sollte im Laufe der Playoffs zurückkehren und Roche ist zwar theoretisch gesund, hat aber immer wieder Schmerzen im Knie.

Im Eishockey ist es nicht möglich, mit aufgehängten Tüchern die Lücken in der Verteidigung zu schliessen. Der SCB hat zwar noch vier NLB-Verteidiger mit einer B-Lizenz verpflichtet. Doch selbst wenn deren Teams in den Playoffs ausscheiden, wird Bern durch den Zuzug von NLB-Verteidigern nicht automatisch besser. Schliesslich spielen diese Haudegen aus gutem Grund nicht in der NLA.

Das Beispiel Mark Streit

Damit zeichnet sich ab: Der SC Bern holt den Titel, wenn Trainer Antti Törmänen das letzte Teilchen für ein Meister-Mosaik findet: Einen Stürmer, der Verteidiger spielt. Ein erfahrener, schlauer, flinker, scheibensicherer Stürmer kann an der blauen Linie als Offensivkraft das Spiel entscheidend beeinflussen, nicht nur im Powerplay.

Zweikampfscheue defensive Nonvaleurs stehen im Eishockey des 21. Jahrhunderts hoch im Kurs, wenn sie dafür dazu in der Lage sind, mit der Scheibe das Spiel zu dominieren, das Powerplay zu organisieren, Tore zu erzielen und den Stürmern Assists zu machen. Mark Streit ist dafür bei den New York Islanders eines der weltweit berühmtesten Beispiele. Erst recht können in unserer Tempo- und Laufliga Stürmer zu Verteidigern umfunktioniert werden. Mit Flurin Randegger hat der SCB bereits einen gelernten Stürmer in der Verteidigung.

Wer machts?

Die SCB-Offensive ist so gut besetzt, dass durchaus Stürmer für die Abwehr abkommandiert werden können. Wir können davon ausgehen, dass Törmänen während der Playoffs mindestens einen Stürmer zum Verteidiger umfunktionieren muss. Die richtige Wahl kann ihm den Titel bringen. Den richtigen Stürmer zum Verteidiger zu machen, mag bloss ein Detail, ein kleiner Schritt für die Menschheit sein – aber es ist ein grosser Schritt auf dem Weg zum Meistertitel. Gerade die Berner wissen, wie sehr bei der aktuellen Ausgeglichenheit Kleinigkeiten die Meisterschaft entscheiden. Sie haben ja den Titel letzte Saison zweieinhalb Sekunden vor Schluss des letzten Spiels verloren.

Welcher SCB-Stürmer eignet sich am besten als Not-Verteidiger? Ivo Rüthemann. Auf den ersten Blick eine absurde Wahl – Rüthemann ist nur 170 Zentimeter gross und nicht einmal 80 Kilo schwer. Er kann keinem Powerstürmer den Weg zum Tor versperren. Aber Rüthemann ist einer der intelligentesten Spieler der Liga und erzielt mit Schlauheit eine höhere Wirkung als mit rumpelnder Härte. Er hat das ganze Eisfeld im Auge und gehört zu jenen Spielern, die dem Puck nicht ständig hinterher laufen müssen. Sondern zu denen, die den Puck für sich arbeiten lassen.

Breite des Kaders spricht für Bern

Im Powerplay hat sich Rüthemann bereits an der blauen Linie bewährt. Der Ostschweizer könnte als Verteidiger in die Rolle des vierten Stürmers im gegnerischen Drittel viel Landschaden anrichten: Als jener Verteidiger, der sich zusätzlich zu den drei Stürmern in die Offensive einbringt und dadurch das gegnerische Abwehrdispositiv durcheinander wirbelt.

SCB-Sportchef Sven Leuenberger verfolgt konsequent die Strategie des breiten, ausgeglichenen Kaders. Deshalb ist der SCB auch nach so vielen Ausfällen in der Abwehr immer noch dazu in der Lage, Spiele zu gewinnen. Zuletzt gegen Biel gar zu null. Nun ist es an Trainer Antti Törmänen die richtigen Entscheidungen zu treffen und das letzte Teilchen fürs Meistermosaik zu finden.

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