Isolation gefährdet Grundversorgung – So kann die Schweiz den Omikron-Systemkollaps noch abwenden

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Isolation gefährdet GrundversorgungSo kann die Schweiz den Omikron-Systemkollaps noch abwenden

Durch die vielen Omikron-Fälle sitzen 143’000 Menschen in Quarantäne oder Isolation. Personalausfälle gefährden die Grundversorgung. Experten diskutieren drei Lösungsansätze.

von
Céline Sallustio
Christina Pirskanen
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In der Schweiz steigen die Krankheitsausfälle beim Personal – über 102’000 Personen befinden sich momentan aufgrund einer Corona-Infektion in Isolation.

In der Schweiz steigen die Krankheitsausfälle beim Personal – über 102’000 Personen befinden sich momentan aufgrund einer Corona-Infektion in Isolation.

Reuters
Die Personalsituation verschärft sich im Gastro- und Spitalbereich, aber auch im öffentlichen Verkehr: Ab Montag wird es etwa bei den Verkehrsbetrieben Zürich eine Angebotsreduktion geben.

Die Personalsituation verschärft sich im Gastro- und Spitalbereich, aber auch im öffentlichen Verkehr: Ab Montag wird es etwa bei den Verkehrsbetrieben Zürich eine Angebotsreduktion geben.

20min/amu
Um einen drohenden Systemkollaps zu vermeiden, gibt es unterschiedliche Lösungsansätze. Einer davon wäre eine verkürzte Isolationsdauer, wie es etwa kürzlich in den USA beschlossen wurde.

Um einen drohenden Systemkollaps zu vermeiden, gibt es unterschiedliche Lösungsansätze. Einer davon wäre eine verkürzte Isolationsdauer, wie es etwa kürzlich in den USA beschlossen wurde.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Mehr als 143’000 Menschen sitzen derzeit wegen Omikron zu Hause – alleine 102’000 in Isolation.

  • In der Schweiz herrscht daher akuter Personalmangel: Ist der Kollaps noch zu verhindern?

  • Lösungsansätze wären eine verkürzte Isolationsdauer, eine Verschärfung der Massnahmen zur Kontaktbeschränkung oder eine Impfpflicht.

  • Experten über die Vor- und Nachteile dieser Optionen.

Am Donnerstag steckten über 102’000 Personen aufgrund einer Corona-Infektion in Isolation fest. Noch vor einer Woche betrug die Zahl 58’385 – ein Ende der rasanten Ausbreitung von Omikron ist nicht in Sicht. Ob im ÖV, der Gastronomie, in Spitälern oder bei der Stromversorgung: Ein drohender Kollaps wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Welche Möglichkeit hat die Schweiz, um diesen noch abzuwenden?

Hauptproblem ist, dass alle, die sich aufgrund der hochansteckenden Omikron-Variante mit Corona infizieren, in Isolation müssen. «Das muss sein, weil diese Personen das Virus trotz doppelter oder dreifacher Impfung weiterverbreiten können», erklärt Infektiologe Andreas Cerny. Geimpft und geboostert habe man zwar ein geringeres Risiko, schwer an Corona zu erkranken – das Virus übertrage man aber trotzdem. Weil in der Schweiz nach wie vor über eine Million Menschen gar nicht geimpft sind, ist ein Spitalkollaps bei einer zu schnellen Durchseuchung gemäss der Corona-Taskforce des Bundes nach wie vor nicht ausgeschlossen.

Lösungsansatz 1: Eine verkürzte Isolationsdauer

Um den drohenden Systemkollaps abzuwenden, wird derzeit in mehreren Ländern über eine verkürzte, fünftägige Isolation für Infizierte diskutiert – die USA haben diese schon eingeführt. Auch in der Schweiz beschäftigen sich die Behörden damit: Das Bundesamt für Gesundheit teilt auf Anfrage mit, dass die Dauer der Isolation derzeit evaluiert werde. Gegebenenfalls würden Anpassungen vorgenommen – die Entscheidung liege beim Bundesrat.

Für den Virologen Didier Trono, Experte für Diagnostik und Testen bei der Covid-Taskforce, ist klar: «Angesichts der Zehntausenden von Menschen in Isolation oder Quarantäne müssen wir über eine verkürzte Isolationsdauer diskutieren.» Es sei nicht einfach, sich auf ein Modell zu einigen, das epidemiologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Sinn mache. «Dreifach geimpfte Personen mit negativem PCR vorzeitig aus der Isolation zu entlassen, um den drohenden Infrastrukturkollaps in diversen Branchen abzuwenden, halte ich aber für sinnvoll.»

Anders sieht es der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny: «Es wäre nicht zeitgerecht, die Isolationsmassnahmen jetzt zu lockern. Das Virus, allen voran Omikron, ist enorm ansteckend – somit besteht eine grosse Gefahr, dass man weitere, vor allem ungeimpfte Personen damit infiziert.» Zudem gebe es hinsichtlich Long Covid noch ein grosses Wissensdefizit. Fest stehe, dass auch Personen mit einem milden Verlauf Long Covid entwickeln können.

Lösungsansatz 2: Verschärfte Massnahmen

Eine zweite Möglichkeit ist, die Massnahmen zu verschärfen, um die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen. Die Corona-Taskforce des Bundes mahnt seit längerem, es brauche schärfere Massnahmen zur Kontaktbeschränkung. So auch in ihrer neusten Lagebeurteilung. Auch Infektiologe Cerny sieht erweiterte Massnahmen als geeignete Lösung: Im Tessin gebe es etwa in Schulen eine Maskenpflicht ab der ersten Klasse, Grossveranstaltungen würden nur noch zu zwei Dritteln besetzt und zudem herrsche 2G- und Maskenpflicht.

Eine Verschärfung könnte gemäss Gesundheitsminister Alain Berset kurz bevorstehen. Er schrieb am Mittwoch via Twitter: «Die Wirtschaft muss sich auf mehr Ausfälle vorbereiten und alles daransetzen, Ansteckungen zu vermeiden. Schärfere Massnahmen, unter anderem Schliessungen, sind parat. Sollten sie nötig werden, kann der Bundesrat rasch entscheiden.»

Lösungsansatz 3: Impfpflicht

Für den Virologen Trono ist klar, dass eine Impfpflicht ernsthaft in Erwägung gezogen werden muss: «Angesichts fast einer Million Menschen, die in der Schweiz immer noch nicht geimpft sind und somit einer Infektion durch Omikron oder möglichen zukünftigen Varianten völlig ausgeliefert sind, ist eine Pflicht das, was es vielleicht braucht, um unser Gesundheitssystem und unsere Wirtschaft am Laufen zu halten.»

Für Trono müsste eine Impfpflicht für Beschäftigte des Gesundheitswesens wie in Frankreich, für Risikogruppen wie in Italien oder für alle wie in Österreich zur offenen und möglichst unvoreingenommenen Diskussion stehen. Politisch stösst die Idee einer Impfpflicht jedoch auf wenig Gegenliebe (siehe unten).

Politik wehrt sich gegen Impfpflicht

Die Regierung in Rom hat am Mittwoch einen Impfzwang für über 50-jährige Erwerbstätige beschlossen. Über eine allgemeine Impfpflicht wurde in der Vergangenheit auch hierzulande diskutiert. Einer der ersten Politiker, der Sympathie mit dieser Massnahme zeigte, war SP-Nationalrat Fabian Molina. Gegen diese Debatte regte sich jedoch viel Widerstand. Dies zeigt sich auch aktuell. FDP-Nationalrat Marcel Dobler spricht sich gegen eine Impfpflicht aus: «Die Impfquote bei den Senioren liegt bereits jetzt bei über 90 Prozent.» Für den weiteren Verlauf der Pandemie sei es zentral, dass sich vulnerable Personen boostern liessen, weil der Impfschutz bereits nach wenigen Monaten stark nachlasse. Gleicher Meinung ist GLP-Nationalrat Jörg Mäder: «Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir die Pandemie als Gesellschaft und nicht als Gesetzesgeber lösen müssen.» Für die Zukunft der Schweiz sei eine Impfpflicht daher keine gute Lösung.

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Hier findest du Hilfe:

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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