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Raus aus der KriseSo klappt der Corona-Exit

Der Weg ist noch lang, doch ein Ende der Corona-Krise zeichnet sich ab: Experten erklären, was dafür noch nötig ist.

von
Daniel Graf
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Die Exit-Strategie aus der Corona-Krise ist klar.

Die Exit-Strategie aus der Corona-Krise ist klar.

Getty Images/iStockphoto
Das Ziel muss gemäss Martin Ackermann, Chef der Covid-19-Taskforce des Bundes, sein, die Fallzahlen alle zwei Wochen zu halbieren.

Das Ziel muss gemäss Martin Ackermann, Chef der Covid-19-Taskforce des Bundes, sein, die Fallzahlen alle zwei Wochen zu halbieren.

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Das soll mit verschiedenen Mitteln geschehen. So soll etwa die Testkapazität weiter ausgebaut und das Contact-Tracing wieder auf Vordermann gebracht werden.

Das soll mit verschiedenen Mitteln geschehen. So soll etwa die Testkapazität weiter ausgebaut und das Contact-Tracing wieder auf Vordermann gebracht werden.

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Darum gehts

  • Die Entwicklung eines wirksamen und sicheren Impfstoffs rückt näher.

  • Auch die vier Indikatoren der Pandemie, welche die Taskforce des Bundes beobachtet, geben Grund zur Hoffnung.

  • Das sind die Fallzahlen, die Hospitalisierungen, die Belegung der Intensivpflegeplätze und die Todesfälle.

  • Eine weitgehende Normalisierung im Jahr 2021 ist für die Experten möglich.

  • Dafür müssen aber verschiedene Faktoren zusammenspielen – und es braucht jeden Einzelnen.

Ein hoffnungsvoller Impfstoffkandidat, eine Abflachung der zweiten Welle, Schnelltests und deutlich mehr Wissen und Erfahrungen im Umgang mit dem Virus: Erstmals sprechen Experten davon, dass ein Ende der Corona-Krise und eine Rückkehr zur Normalität absehbar ist. Dafür braucht es aber in verschiedenen Bereichen weiterhin Anstrengungen. Einen konkreten Fahrplan skizzierte die Covid-Taskforce am Donnerstag. Die Übersicht.

Fallzahlen

Martin Ackermann von der Covid-Taskforce definierte am Donnerstag das Ziel: Die Fallzahlen sollten alle zwei Wochen halbiert werden – dann hätte man Anfang Jahr noch 500 Fälle pro Tag.
Der R-Wert beträgt derzeit 0,86, er soll im Idealfall auf 0,7 gesenkt werden. Bis Neujahr sollen die täglichen Neuinfektionen so auf 500 fallen. Für Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, ist klar: «Aktuell geht es darum, mittels angemessenen, machbaren Verhaltens- und Verhältnismassnahmen die Situation bei den Neuinfektionen so zu stabilisieren, dass wir mit möglichst geringer Krankheitslast für die Bevölkerung durch Herbst und Winter kommen.»

Verhalten jedes Einzelnen

Um die Fallzahlen zu senken, braucht es jeden Einzelnen. Das betonen Behörden und Experten seit Beginn der Krise. Für den Epidemiologen und Public-Health-Experten Marcel Tanner ist klar: «Hier ist die Kommunikation zentral. Behörden und Medien müssen es schaffen, den Menschen Ausblicke zu geben und aufzuzeigen, was trotz Befolgen der Regeln noch machbar ist, anstatt Angst einzujagen.» Thomas Steffen hat eine positive Botschaft: «Wir können hoffentlich schrittweise auch die Belastung der Bevölkerung reduzieren durch immer gezieltere Anwendung. Mit der Stärkung der bisherigen Abwehrmassnahmen und zusätzlichen Massnahmen wie der Impfung und der breiten Anwendung der Schnelltests sollte es möglich werden, dass wir im Verlauf des nächsten Jahres eine stabile Situation mit weniger Neuinfektionen erreichen. So sollte wieder mehr frühere Normalität möglich werden.»

Impfung

Die Ankündigung, dass ein Impfstoff mit bis zu 90-prozentiger Wirksamkeit gefunden worden sei, deutet Marcel Tanner positiv: «Das sind Resultate einer ersten Zwischenanalyse, die hoffnungsvoll stimmen. Natürlich muss erst diese klinische Fallstudie ganz abgeschlossen werden. Doch die ersten Ergebnisse stimmen optimistisch.» Um das Virus unter Kontrolle zu bringen, ist grundsätzlich sicher eine Immunität bei rund 60 Prozent der Bevölkerung nötig. Tanner zweifelt nicht, dass das erreicht werden kann, sobald geprüfte Impfstoffe vorliegen: «Es gibt sehr viele Menschen, die sich impfen lassen möchten. Ausserdem ist nicht das Ziel, die ganze Schweiz auf einen Schlag zu impfen. Prioritär sollen Risikogruppen und Pflegepersonal geimpft werden.» Sobald die ersten Impfungen eingesetzt werden und positive Auswirkungen zeigen, werden sich laut Tanner auch mehr und mehr Personen impfen lassen. «Es gibt Menschen, die legitime Gründe haben, sich nicht zu impfen, und das ist zu respektieren. Den Public Health-Ansatz und den Schutz für die Bevölkerung wird das aber nicht beeinflussen», sagt Tanner. Auch Gesundheitsminister Berset versprach am Dienstag vor den Medien, dass jeder frei wird entscheiden können, ob er sich impfen lassen wolle, und zeigte sich zuversichtlich, dass eine hohe Immunität in der Bevölkerung ohne Impfzwang erreicht werden kann.

Tests und Schnelltests

Ein weiterer Ausbau der Testkapazität ist für die Taskforce ebenfalls zentraler Bestandteil der «Exit-Strategie». Sie schreibt gar von der Implementierung einer «Teststrategie in industriellem Massstab»: Dazu sollen die herkömmlichen PCR-Tests sowie die neueren Antigen-Schnelltests kombiniert werden. Symptomatische Fälle müssten priorisiert getestet werden, ebenso wie kritisches Personal und Kontakte, welche dem Virus ausgesetzt waren. Auch eine Strategie für die landesweite Koordination der Verteilung der für die Tests notwendigen Ressourcen muss ausgearbeitet werden.

Tracing-Strategie

Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes stellt in ihrem neuesten Paper klar: Die TRIQ-Strategie (Testen, Rückverfolgen, Isolieren, Quarantäne) ist trotz hohen Fallzahlen und Überlastung in einigen Kantonen grundsätzlich richtig. Die Taskforce gibt acht Empfehlungen für die Umsetzung der TRIQ-Strategie. «Wirksame Eindämmungsmassnahmen sind unerlässlich», heisst es in dem Paper. Nur so könnten die Zahlen gesenkt werden. Erste positive Anzeichen gibt es aus den Kantonen. So vermeldete etwa der Kanton Schwyz am Donnerstag: «Das Contact-Tracing kann wieder vollumfänglich und zeitnah sichergestellt werden, der Trend der sinkenden Fallzahlen bestätigt sich.»

Lage in den Spitälern

Am meisten Sorgen bereitet den Experten nach wie vor die Situation in den Spitälern. Auch hier sind aber Anzeichen einer Entlastung sichtbar: Gemäss Martin Ackermann nehmen die Spitaleinweisungen leicht ab, bei den Todesfällen ist die Verdoppelungszeit nicht mehr gleich hoch wie im Oktober. Marcel Tanner: «Auch diese Signale sind positiv zu deuten. Die Präventionsmassnahmen scheinen zu greifen, aber wir dürfen nicht nachlassen. Noch sind wir nicht über den Berg, doch wenn wir alle gemeinsam den eingeschlagenen Weg weitergehen, bin ich zuversichtlich.»

Ausblick

Heute eine Prognose zum Zeitpunkt zu machen, wann wir Corona überstanden haben, ist laut den Experten unmöglich. Thomas Steffen hält fest: «Es wird keinen punktgenauen Exit geben, sondern am ehesten ein schrittweises Wiederherstellen des früheren Alltags unter den nötigen, angepassten Schutzmassnahmen ohne Anstieg der Neuinfektionen. Frühere Epidemien wie Cholera, Tuberkulose oder HIV/Aids wurden in unseren Breiten auch auf diese Weise bewältigt, zum Teil über längere Zeiträume.»

Und Marcel Tanner sagt: «Der Plan der Schweiz lässt uns diese Krise möglichst schadlos überstehen. Und bis jetzt funktioniert er in grossen Teilen. Entscheidend ist letztlich der Faktor Mensch: Nur gemeinsam können wir im Verlauf des nächsten Jahres Schritt für Schritt zurück zur Normalität finden.»

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Pro Juventute, Tel. 147

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279 Kommentare
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Plankton

13.11.2020, 08:50

Nach der 3. Welle wird es vorbei sein, egal was wir alles tun oder eben nicht

Clui

13.11.2020, 08:49

Der BR sollte bestraft werden können.

Warum

13.11.2020, 08:40

Warum haben die chinesischen Virenspezialisten vorgeschlagen, um genauer zu sein beim Corona PCR-Test auf 6 Gensequenzen zu testen, aber die WHO hat den schlechten Drosten Test bevorzugt, welcher je nach Labor und Testversion nur auf 1 bis 2 Gensequenzen testet und somit viel Falschpositive ausgibt?