Aktualisiert 07.11.2013 13:10

«Artpop»

So klingt das neue Lady-Gaga-Album

Der Titel ist gar nicht so unpassend: Das neue Lady-Gaga-Album «Artpop» verwischt die Grenze zwischen Pop und Kunst. 20 Minuten durfte es jetzt schon hören.

von
Neil Werndli

Der Hype, den «Artpop» schon Monate vor der Veröffentlichung auslöste, sucht seinesgleichen. Nun ist es da und die hohen Erwartungen sind nicht ganz unberechtigt. Lady Gaga führt einen gekonnten Spagat zwischen kommerziellem Pop und künstlerischer Relevanz vor. Die typischen Disco-Elemente werden immer wieder mit schrägen Experimenten ergänzt. Am Freitag, 8. November, erscheint «Artpop» hierzulande. Wir nehmen das Album jetzt schon Song für Song auseinander.

«Aura»

Ein sehr exotisches Intro leitet «Aura» ein. Lady Gaga spricht mit verzerrter Stimme, bevor sie in manisches Lachen ausbricht. Nach der ersten Strophe folgt der obligate Aufbau inklusive Electro-Drop. «Aura» steht stellvertretend für den Brückenschlag, den Lady Gaga macht: Sie möchte künstlerisch glaubwürdige Musik machen und trotzdem immer wieder mit dem Pop flirten.

«Venus»

In «Venus» wird der kunstvolle Aspekt von «Artpop» noch etwas deutlicher. Der Song bricht mit seiner wirren Struktur typische Pop-Konventionen auf: Vor dem eigentlichen Refrain finden sich drei verschiedene Parts, was für Lady Gaga doch eher untypisch ist. Textlich könnte man «Venus» als Astrologie-Unterricht mit sexuellen Anspielungen zusammenfassen.

«G.U.Y. (Girl Under You)»

Der dritte Track auf «Artpop» ist der erste richtige Popsong. Im Refrain sieht man vor seinem geistigen Auge schon eine tanzwütige Meute im Club. Soundtechnisch wird spätestens hier klar, dass Lady Gaga vor allem auf kratzende Synthie-Bässe und Stampf-Beats setzt. In «G.U.Y.» darf Gaga auch wieder ihre Deutschkenntnisse auspacken: «Vierzehn, Drei, Eins, Nein Zedd», schreit sie am Ende. Mit Zedd meint sie wohl den Produzenten Anton Zaslavski, dessen typischer Stil auf «Artpop» immer wieder hervorblitzt.

«Sexxx Dreams»

Die Botschaft von «Sexxx Dreams» wird schon im Titel verraten. «Wenn ich im Bett liege, berühre ich mich und denke an dich», singt Lady Gaga. Die sexuell geladenen Lyrics passen zum Popappeal von «Sexxx Dreams». Die Instrumentalisierung hört sich stellenweise zwar etwas ausufernd an, passt aber problemlos in das Album. Besonders auffällig ist eine kurze Pause, in der Lady Gaga spricht statt singt. «Ich kann es nicht glauben, dass ich dir das sage, aber ich hatte ein paar Drinks und...oh mein Gott!», so der Text, bevor Gaga in teeniehaftes Kichern ausbricht.

«Jewels & Drugs»

Die ersten Sekunden von «Jewels & Drugs» lassen einen grimmigen Hip Hop-Track erwarten. Dies überrascht wenig, ist doch «Jewels & Drugs» eine Zusammenarbeit mit den Rap-Grössen Twista, T.I. und Too Short. Der Song will allerdings nicht so richtig zum Rest von «Artpop» passen. Wenn Twista rappt «Ich will so seltsam wie Lady Gaga sein», weiss man auch sofort, wo hier das Problem liegt.

«Manicure»

An dieser Stelle legt Gaga den «Art»-Aspekt zur Seite und wechselt für einige Songs auf die «Pop»-Schiene. «Manicured» ist die offensichtliche Single-Wahl für alle, die sich ein zweites «Pokerface» wünschen: Sowohl musikalisch als auch textlich fokussiert der Song auf die Club-Party-YOLO-Generation. Die einzige Überraschung: In «Manicured» findet sich ein Gitarrensolo, auch wenn es unter dem Pump-Beat stark in den Hintergrund rückt.

«Do What U Want»

Gemeinsame Songs mit anderen Musikern scheinen nicht unbedingt Gagas Stärke zu sein: Auch die Zusammenarbeit mit R. Kelly wirkt neben den anderen Songs etwas eintönig. Das Hitpotenzial lässt sich allerdings nicht leugnen. Und wenn Lady Gaga gegen Ende ungewohnt aggressiv schreit, ist der Ohrwurm längst platziert. Somit ist «Do What U Want» eine gute Wahl als zweite Single.

«Artpop»

«Ich liebe die Musik, nicht den Bling», singt Gaga im Titelsong ihres neuen Albums. Der Text beschreibt den Zwist zwischen Pop und Kunst, den sie zelebrieren will. Überraschenderweise ist er musikalisch ziemlich konventionell. Die elektronischen Streicher im Refrain wirken für eine Lady Gaga fast schon langweilig. Immerhin: «Artpop» leitet über zum spannendsten Teil des Albums.

«Swine»

Hier zeigt Lady Gaga eine zornige Facette von sich. Man hört ihr den Ekel förmlich an, wenn sie im Refrain brüllt: «Du bist so abstossend, nur ein Schwein im Inneren.» Die grunzenden Synthies passen zudem hervorragend zum Titel. Für Pop-Ohren ist «Swine» zwar nicht besonders zugänglich, dafür sind die Experimente im Song umso faszinierender.

«Donatella»

In «Donatella» schiesst Lady Gaga offensichtlich gegen die Fashion-Branche. Der Song ist eine Hymne für alle, die den ganzen Zirkus um Mode noch nie verstanden haben. Auch der Magerwahn wird kritisiert: «Geh den Laufsteg entlang, aber kotze nicht, du hast heute schliesslich nur einen Salat gegessen», singt sie.

«Fashion!»

Der zweite Teil von Gagas Abrechnung mit der Modewelt. Hier geht der Popstar allerdings etwas subtiler vor: Den ironischen Unterton dürften nicht alle Lady-Gaga-Fans verstehen, wenn sie die Zeile «Ich seh gut aus und ich fühl mich grossartig» singt. Mit den Funk-Gitarren im Refrain eignet sich «Fashion!» zudem perfekt als Sommersingle.

«Mary Jane Holland»

Hier wechselt Lady Gaga wieder auf die «Art»-Seite. Stellenweise kommt «Mary Jane Holland» sogar von den Stampf-Beats ab, die das Album grösstenteils durchziehen. Wer einen Kiffer-Song erwartet, wird allerdings enttäuscht. Für eine Gras-Hymne ist «Mary Jane Holland» eigentlich zu nervös. Nur der Text und ein Streichholz-Sample im Outro erinnern an die Kiffer-Thematik.

«Dope»

Ein finsteres Piano-Intro eröffnet die einzige Ballade auf «Artpop». Der aufs Nötigste reduzierte Song lässt Platz für Lady Gagas Organ und bietet ihr die Möglichkeit, ihr Gesangstalent voll unter Beweis zu stellen. Sie klingt kaputt und schreit oft – trotzdem verliert sie nie den unglaublich gefühlvollen Unterton im Gesang.

«Gipsy»

Der Übergang von der Ballade gelingt perfekt. Gipsy fängt ebenfalls mit einem ruhigen Piano-Part an, kippt allerdings schnell wieder in pumpende Disco-Beats. Die Kombination dürften Kritiker als absurd bezeichnen – letzten Endes macht der Song aber Spass und zeigt einmal mehr die Kombination aus Pop und künstlerischem Anspruch.

«Applause»

Nicht nur Lob gab es für die Vorab-Single «Applause». Auf dem Album macht der Song allerdings mehr Sinn. Als letzter Song rundet er «Artpop» ab und schliesst den Spannungsbogen. Die Wahl zur ersten Single überrascht trotzdem weiterhin: Das Werk bietet nämlich einige Songs, die zugänglicher sind als «Applause».

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