Aktualisiert 31.01.2019 05:02

Neue Strategie

So knöpft sich Novartis die Krankenkassen vor

Der neue CEO will Novartis weiter auf Profit trimmen und verhandelt mit den Krankenkassen. Er selbst verdient die Hälfte seines Vorgängers.

von
Isabel Strassheim, Basel
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Der im vergangenen Jahr angetretene Novartis-Chef Vas Narasimhan verdient mit 6,68 Millionen Dollar nur die Hälfte seines Vorgängers.

Der im vergangenen Jahr angetretene Novartis-Chef Vas Narasimhan verdient mit 6,68 Millionen Dollar nur die Hälfte seines Vorgängers.

Keystone/Patrick Straub
Narasimhan will bei Novartis eine neue Kultur einführen. Auch bei der Kleidung: Die Krawatten sind weg, selbst beim obersten Management, zu dem auch Finanzchef Harry Kirsch gehört (links).

Narasimhan will bei Novartis eine neue Kultur einführen. Auch bei der Kleidung: Die Krawatten sind weg, selbst beim obersten Management, zu dem auch Finanzchef Harry Kirsch gehört (links).

Keystone/Patrick Straub
Narasimhan übernahm im Januar 2018 die Novartis-Führung von Joe Jimenez (links mit Krawatte).

Narasimhan übernahm im Januar 2018 die Novartis-Führung von Joe Jimenez (links mit Krawatte).

Keystone/Georgios Kefalas

Das Passwort für den WLAN-Zugang auf dem Novartis-Campus heisst «Novarti$». Das Dollarzeichen passt tatsächlich. Zwar wollen alle Pharmakonzerne so viel Gewinn wie möglich machen, aber der neue Novartis-Chef Vas Narasimhan ist an Gewinnstreben kaum zu übertreffen. Dazu hat er mehrere Projekte. Unter anderem knöpft er sich dabei die Krankenkassen vor:

• Menschheitsvision

Mit Zell- und Gentherapien sowie Radiopharmokonen dringen Pharmakonzerne immer tiefer in Krankheitsmechanismen vor und können sie etwa stoppen, indem sie Zellen umprogrammieren. Novartis arbeitet dabei nach eigenen Worten am «grossartigen Menschheitsprojekt, die Lebenskurve weiter zu strecken». Dafür definiert der Konzern die Medizin neu, sie soll Krankheiten nicht nur behandeln, sondern sogar verhindern. Für die neuen Medikamente lassen sich immense Preise fordern.

• Profitsteigerung als Pflicht

«Wir haben uns dazu verpflichtet, unsere Margen konsequent zu steigern», erklärt der vor einem Jahr angetretene Narasimhan. Das geht am besten mit den modernsten Medikamenten, weil sich für sie die höchsten Preise festsetzen lassen. Novartis ist dabei auf gutem Kurs: 2018 hatte der Umsatz um 6 Prozent auf 51,9 Milliarden Dollar zugelegt, der operative Kerngewinn (ohne Sonderkosten) war dabei mit 8 Prozent noch stärker auf 13,8 Milliarden Dollar gestiegen. Genauso rasant soll es dieses Jahr weitergehen. Dafür muss unter anderem Sandoz, die Sparte für günstige Nachahmermedikamente, dran glauben, sie soll weiter verkleinert und effizienter werden. Dieses Jahr wird die Division unter die Lupe genommen, einen Stellenabbau schliesst Sandoz-Chef Richard Francis dabei nicht aus.

• Kassen und Gesundheitsminister müssen mitmachen

Weil die neuen Medikamente immer teurer werden, trifft sich der Novartis-Chef mit den europäischen Gesundheitsministern, wie er berichtet. Wie andere Pharmakonzerne will Novartis bei den Krankenkassen neue Erstattungsbedingungen durchsetzen. Für die Krebstherapie Kymriah zum Preis von 370'000 Franken soll nur bei tatsächlicher Heilung gezahlt werden. Allerdings ist dies bei der personalisierten Zelltherapie fast immer der Fall. Die Zahlung soll bei einmaligen Behandlungen wie diesen in Raten erfolgen können. Für die neuen Erstattungsmodelle mangelt es aber noch an neuen Verwaltungssystemen der Kassen. Die Diskussionen dazu laufen derzeit in neun europäischen Ländern, sagt die neue Krebs-Chefin von Novartis, Susanne Schaffert.

• 100'000 Arztbesuche täglich

Das Marketingteam von Novartis besucht weltweit jeden Tag rund 100'000 Ärzte. Um ihre Besuche effizienter zu machen, analysiert der Konzern durch verschiedene Datensätze das Verschreibungsverhalten der Ärzte. So zeigte sich etwa, dass Fachärzte das neue Herzmedikament Entresto zunächst vier Monate bei einigen Patienten ausprobieren, bevor sie sich entscheiden, ob sie es breit verschreiben. Das Novartis-Verkaufsteam stimmt die einzelnen Arztbesuche nun auf den perfekten Zeitpunkt ab.

• Messung der Mitarbeitermotivation

«Wir schaffen wirklich einen neuen Konzern», sagt Narasimhan. Dabei nimmt er auch die 130'000 Novartis-Mitarbeiter nicht aus und will eine andere Firmenkultur schaffen. Nicht nur tragen selbst die Topmanager durch die Bank weg keine Krawatten mehr, das Kader wird neu auch durch die Untergebenen und Vorgesetzten bewertet. Zudem müssen die 350 Topkader neue Führungskurse absolvieren. Motivation und Engagement der Angestellten sollen auch durch «die Analyse interner Kommunikation und einfacher, häufiger Umfragen» laufend gemessen werden.

• Effizienz beim CEO

Novartis-Chef Vas Narasimhan erhält für 2018 insgesamt 6,68 Millionen Dollar. Sein Vorgänger Joe Jimenez verdiente 2017 noch 13,1 Millionen Dollar und damit rund doppelt so viel. Das Grundsalär von Narasimhan ist auf 1,5 Millionen Dollar reduziert worden (bei Jimenez waren es 3,6 Mio). Damit ist sein Einkommen vor allem bonusabhängig. Wie hoch der ausfällt, hängt zu 60 Prozent vom Finanzergebnis (Umsatz und Betriebsgewinn) und zu 40 Prozent von der Erreichung strategischer Ziele ab, wozu unter anderem digitale Entwicklung und Konzernreputation zählen.

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