Aktualisiert 21.06.2011 15:43

Gesundheitskosten

So können die Krankenkassen tricksen

Ab 2012 könnten Versicherer versuchen, Spitäler vermehrt zu stationären Behandlungen zu drängen. Sie kriegen neu Ausgleichsgelder für Krankenhausaufenthalte.

von
Elisabeth Rizzi
Die Krankenkassen könnten bald versucht sein, leere Spitalbetten zu vermeiden.

Die Krankenkassen könnten bald versucht sein, leere Spitalbetten zu vermeiden.

Nicht nur die neue Spitalfinanzierung über Fallpauschalen wird ab 2012 den Prämienzahlern Bauchweh bereiten. Auch der neue Risikoausgleich könnte die Gesundheitskosten unliebsam beeinflussen. In der Schweiz zahlen alle Erwachsenen pro Kasse und Region eine gleich hohe Grundversicherungsprämie. Weil aber ältere Personen und Frauen höhere Gesundheitskosten verursachen, finden Ausgleichszahlungen statt zwischen den Kassen mit vielen jüngeren, männlichen Versicherten (also einem grossen Anteil von Gesunden) und solchen mit vielen Frauen und Alten. Diese Ausgleichszahlungen werden als Risikoausgleich bezeichnet.

Ab nächstem Jahr soll der Risikoausgleich verfeinert werden. Um die nach wie vor herrschende Jagd der Kassen nach «guten Risiken» einzudämmen, sollen neu auch Zahlungen stattfinden für Versicherte, die im Vorjahr drei Tage und mehr in einem Spital oder Pflegeheim verbrachten.

Das jedoch stösst Gesundheitsökonomen sauer auf. Sie befürchten, dass die Krankenkassen so einen Anreiz haben, Spitäler zu stationären Behandlungen zu drängen bzw. dazu, die stationären Patienten mindestens drei Tage zu behalten. Ein solches Szenario sei nicht aus der Luft gegriffen, meint etwa der Berner Gesundheitsexperte Heinz Locher. «In Deutschland, wo die Kassen für bestimmte Diagnosen neu Ausgleichszahlungen erhalten, hat man gesehen, dass diese Diagnosen deutlich häufiger gestellt wurden», warnt er.

Beunruhigter Spitalverband

Selbst der Spitalverband H+ zeigt sich beunruhigt. «Heute sind die Ärzte und Spitäler für die Dauer eines Spitalaufenthaltes verantwortlich. Aber der neue Risikoausgleich könnte zu einem unerwünschten Druck durch die Kassen führen», bestätigt H+-Direktor Bernhard Wegmüller. In seinem neusten Bulletin «Kurzinformationen von H+» schreibt er : „Der Spitalaufenthalt über drei Tage könnte einen falschen Anreiz zu längeren Spitalaufenthalten setzen.»

Der Grund ist die Marktmacht der Versicherer: Insbesondere grosse Krankenkassen haben auf ihre Partnerspitäler einen grossen Einfluss. Die Krankenhäuser könnten im Rahmen solcher Kooperationen zu bestimmten Behandlungsarten gedrängt werden. Das wiederum könnte laut Experten die Gesundheitskosten und die Prämien in die Höhe treiben.

Zähe Verhandlungen

Tatsächlich war die Gefahr gesehen worden. So hat Nationalrat Ignazio Cassis (FDP/TI) die Idee einer weiteren Verfeinerung des Risikoausgleichs in der jetzt vom Parlament debattierten Managed-Care-Vorlage eingebracht. «Es ist sehr wichtig die Krankheitsschwere und die Personen mit erhöhtem Krankheitsrisiko in die Ausgleichszahlungen mit einzubeziehen. Ansonsten haben die Kassen wirklich einen grossen Anreiz, möglichst viele ihrer Versicherten genau drei Tage im Spital zu behalten», sagt er.

Problematisch ist jedoch, dass das Parlament die Managed-Care-Vorlage erst durchwinken muss, damit Bundesrat und Bundesamt für Gesundheit weitere Arbeiten bezüglich des Risikoausgleichs in Angriff nehmen können. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist nach der zähen Debatte im Ständerat diese Woche erneut gesunken. Und selbst wenn es in der Herbstsession zu einer Einigung zwischen den Räten kommt, droht ein Referendum und damit eine langwierige Volksabstimmung. Also viele Jahre, in denen die Krankenkassen versucht sein könnten, möglichst viele Spital-Ausgleichszahlungen zu kassieren.

Immerhin hat sogar der Krankenkassenverband zum Ziel, den Risikoausgleich zu revidieren. «Es ist klar, dass der 2012 kommende Risikoausgleich nur ein Zwischenschritt sein kann zum verfeinererten Risikoausgleich», findet Sprecherin Silvia Schütz.

Altersprämien statt Risikoausgleich

Gesundheitsökonom Locher geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist klar, dass auch eine weitere Verfeinerung des Risikoausgleichs nur Symptombekämpfung ist. «Die einheitliche Kopfprämie für alle Erwachsenen ist der ursprüngliche Fehler. Denn sie ist trotz Prämien-Subventionen eine gigantische Ausbeutungsmaschinerie für die Jungen», ist er überzeugt.

Würde es nach dem Gesundheitsökonom gehen, müssten ältere Personen aller Solidarität zum Trotz höhere Prämien bezahlen. «Dann», glaubt er, «wären alte, kranke Menschen für Krankenkassen auch attraktiver und die Jungen würden nicht so unter der Prämienlast leiden.»

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