Aktualisiert 10.01.2017 10:33

Autofahren im WinterSo kommen Sie bei Eis und Schnee sicher an

Schneegestöber und Glatteis führten in den letzten Tagen zu zahlreichen Strassenunfällen. Ein Experte erklärt, worauf man nun beim Autofahren achten muss.

von
Camille Kündig

Autofahren auf Eis und Schnee: Eine 20-Minuten-Reporterin wagt den Selbstversuch. (Video: Murat Temel)

Wegen der Kälte kam es in den vergangenen Tagen zu prekären Situationen im Strassenverkehr. Schneefälle, Nebel und vor allem das Glatteis machen vielen Autofahrern zu schaffen und es gab zahlreiche Unfälle.

Willi Wismer, Präsident des Zürcher Fahrlehrer-Verbands, weiss, wie man auch bei solchen Wetterbedingungen sicher auf der Strasse unterwegs ist. Aber sicheres Fahren im Winter will geübt

sein. Deshalb schickten wir unsere Reporterin mit ihm auf eine Trainingsfahrt. Wismers Tipps für eine sichere Fahrt auch bei Schnee und Glatteis sehen Sie im Video.

Herr Wismer, gibt es Personen die im Winter gar nicht erst ein Auto lenken sollten?

Ja, Leute die Angst vom Fahren im Winter haben. Oder dann sollten sie dies erst tun, wenn sie gezielt in Kursen gelernt haben, ihre Angst zu überwinden und die Situationen durch korrektes Verhalten zu meistern. Generell sollte jeder Autofahrer sich regelmässig weiterbilden.

Gibt es bestimmte Vorkehrungen, die man vor dem Einsteigen ins Auto treffen muss?

Man sollte darauf achten, dass das gesamte Fahrzeug von Schnee und Eis befreit ist. Sämtliche Scheiben, Spiegel und andere für die Sicht hilfreiche Elemente müssen freistehen. Dass die Pneus Winterreifen sind, setzte ich mal voraus. Je nachdem, wohin man will, sollten auch die Schneeketten nicht fehlen. Zur Winterausrüstung gehört ebenfalls ein Eiskratzer. Ist es das erste Mal, dass man bei winterlichen Verhältnissen unterwegs ist, sollte man bei geringer Geschwindigkeit auf verschiedenen Untergründen eine Notbremsung üben.

Wie sollte man auf Glatteis fahren?

Am besten gar nicht! Wenn es sich nicht vermeiden lässt, sollte man warten, bis die Winterdienste ihre Arbeit erledigt haben. Sollte auch dies nicht möglich sein, müssen sämtliche Fahrbewegungen ganz sanft ausgeführt werden.

Und wie schnell sollte man dabei höchstens fahren?

Bei Verdacht auf Glatteis sollte man nur noch Schritttempo fahren.

Wie kann man eine Kurve mit Glatteis unversehrt überstehen?

Wie bei allen Kurven – einfach extrem viel langsamer: Ich verzögere die Geschwindigkeit vor der Kurve auf das Tempo, mit dem ich die Kurve befahren will und wechsle dann auf das Gas, um die Kurve mit konstanter Geschwindigkeit zu befahren.

Wie meistert man rutschige Steigungen?

Für diese Situation braucht es ein unheimlich gutes Gefühl für die Kräfte, die ein Fahrzeug entwickelt und einen ruhigen, gefühlvollen Fuss für den Umgang mit dem Gas. Es kommt aber auch auf das Fahrzeug an: bei den einen sind allenfalls Systeme eingebaut, die man erst aktivieren muss, bei anderen Systeme, die man deaktivieren muss – ich spreche hier hauptsächlich von den Systemen, die die Kraftübertragung der Räder auf den Boden überwachen. Hier könnte sich ein Blick in die Bedienungsanleitung lohnen.

Wie bewältigt man rutschige Abhänge?

Auch hier braucht es einen ruhigen, gefühlvollen Fuss, diesmal für den Umgang mit der Bremse. Ausserdem sollte man die Kupplung runter drücken.

Sollte man beim Gangschalten auf etwas Spezielles achten?

Früh hochschalten, um zu vermeiden, dass beim Beschleunigen zu viel Kraft auf die Räder wirkt. Beim Langsamerwerden ist es ratsam, nicht zu früh in einen tieferen Gang zu wechseln – die Bremse soll diese Arbeit erledigen.

Und beim Bremsen auf Schnee und Glatteis?

Erstens: Die Geschwindigkeit massiv reduzieren. Fährt man ein Auto mit ABS, sollte man die Kupplung bedienen, die Bremse drücken und – nur wenn nötig – gefühlvoll lenken. Hat man ein Auto ohne ABS: Kupplung runter drücken, Bremse gefühlvoll drücken, ohne die Räder zu blockieren, und auch hier falls nötig sanft lenken.

In der Stadt wird es oft auch matschig. Gibt es da etwas Besonderes zu beachten?

Nein, Matsch ist nicht so bedenklich wie Glatteis. Man sollte nur darauf achten, dass man die Fussgänger damit nicht vollspritzt.

Bei solchen Wetterverhältnissen kommt es oft zu Stau auf den Strassen. Ist es dann eine gute Idee, Schleichwege zu benutzen? Nein, Schleichwege und Nebenstrassen werden oft viel später geräumt. Eine Ausweichroute kann deshalb zu einer noch längeren Fahrt führen.

Ab wann braucht es Winterreifen?

Ab Temperaturen unter 8 Grad. Die Winterpneus dürfen ausserdem nicht zu alt sein, idealerweise höchstens fünf Jahre. Und bei Schneeverhältnissen ist eine Profiltiefe unter 4 mm für die Katz.

An welchen Orten muss man besonders vorsichtig sein?

Nach einem Tunnel kann es gut sein, dass man vom Schnee überrascht wird. Und bei Brücken kann es – vor allem in der Übergangszeit – gefrieren, obschon der Rest der Fahrbahn «nur» nass ist.

Wie gross sollte der Sicherheitsabstand zu dem vorher fahrenden Auto sein?

So, dass ich jederzeit gefahrlos anhalten kann. Hier kann die 2-Sekunden-Regel ruhig etwas ausgedehnt werden.

Was tun, wenn man auf schneebedecktem Boden nicht mehr weiterfahren kann?

Je nach Situation rückwärts fahren und mit viel Gefühl auf dem Gas einen neuen Anlauf nehmen. Sollte dies nicht klappen: Schneeketten – wenn möglich Abseits der Fahrbahn – montieren und weiterfahren.

Darf ich ein Räumfahrzeug überholen?

Dies ist etwas von der Situation abhängig. Ich kann mir aber keine Situation vorstellen, in welcher dies Sinn machen würde.

Auf was muss sonst noch geachtet werden?

Die Kleidung sollte warm genug sein. Denn falls das Fahrzeug eine Panne erleidet, kann es sehr schnell ungemütlich werden, wenn man aussteigen muss. Und geeignetes Schuhwerk. Die Jacke sollte beim Fahren jedoch ausgezogen werden.

Was tun, wenn man trotz allem ins Rutschen gerät?

Das ist einfacher gesagt als getan, aber: Ruhe bewahren. Mit einem Auto mit ABS sollte man, wenn man bereits gebremst hat, auf der Bremse bleiben und nur wenn nötig sehr ruhig lenken. Bei Fahrzeugen mit Schaltgetriebe muss man unbedingt erst auskuppeln.

Willi Wismer ist Präsident des Zürcher Fahrlehrer Verbands.

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