Minister im Interview: So kommt Österreich ohne Atomkraftwerke aus
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Minister im InterviewSo kommt Österreich ohne Atomkraftwerke aus

Österreichs einziges AKW ging nie ans Netz. Umweltminister Andrä Rupprechter sagt, was er von der Schweizer Atomausstiegsinitiative hält.

von
J. Büchi
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Andrä Rupprechter (ÖVP) ist seit 2013 österreichischer Minister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

Andrä Rupprechter (ÖVP) ist seit 2013 österreichischer Minister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

BMLFUW/ Alexander Haiden
Das einzige AKW, das in Österreich je gebaut wurde, ging nie ans Netz. In einer Volksabstimmung sprachen sich die Österreicher 1978 gegen die Inbetriebnahme aus.

Das einzige AKW, das in Österreich je gebaut wurde, ging nie ans Netz. In einer Volksabstimmung sprachen sich die Österreicher 1978 gegen die Inbetriebnahme aus.

AP/Rudi Blaha
«Ich selbst habe mich bereits als Schüler gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf eingesetzt. Durch die zwischenzeitliche Entwicklung fühle ich mich in meiner Haltung mehr als bestätigt», sagt Rupprechter dazu.

«Ich selbst habe mich bereits als Schüler gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf eingesetzt. Durch die zwischenzeitliche Entwicklung fühle ich mich in meiner Haltung mehr als bestätigt», sagt Rupprechter dazu.

BMLFUW/ Alexander Haiden

Herr Bundesminister, vor bald 40 Jahren entschied Österreich, sein einziges Atomkraftwerk nie einzuschalten. Sind Sie stolz auf diesen Entscheid?

Ja, das bin ich. Ich selbst habe mich bereits als Schüler gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf eingesetzt. Durch die zwischenzeitliche Entwicklung fühle ich mich in meiner Haltung mehr als bestätigt. Ich bin davon überzeugt, dass die Nutzung von Kernenergie nicht mit den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar ist.

Ende Monat stimmen die Schweizer über einen schrittweisen Atomausstieg bis 2029 ab. Raten Sie dem Stimmvolk, diesen Schritt zu wagen?

Das ist eine souveräne Entscheidung der Schweizerinnen und Schweizer. Ich bin aber davon überzeugt, dass eine Energiewende in Europa und eine kohlenstoffarme Energieversorgung ohne Kernenergie möglich ist.

Woher kommt die Anti-AKW-Mentalität in Österreich?

Im Jahr 1972 erfolgte der Spatenstich für das Bauprojekt «Atomkraftwerk Zwentendorf». Ab 1975 kam es zu Gegenbewegungen, bei der ich wie erwähnt schon damals dabei war. Es entwickelte sich eine breite öffentliche Debatte, letztlich sprachen sich die Österreicherinnen und Österreicher 1978 gegen die Inbetriebnahme von Zwentendorf aus. Aber erst die schweren Unfälle in Three Miles Islands (USA) im Jahr darauf und später Tschernobyl führten zu der klaren Positionierung Österreichs. Heute sind sich alle politischen Kräfte dieses Landes – sowie die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung – in der Ablehnung der Kernenergie einig.

Österreich produziert zwar keinen eigenen Atomstrom, importiert aber welchen. Ist das nicht inkonsequent? Sie lagern das nukleare Risiko damit einfach aus.

Strom ist eine auf dem europäischen Markt frei handelbare Ware. Atomstrom von sonstigem Strom zu trennen, ist technisch unmöglich. Darum sollen die importierten Mengen mit Ökostrom aufgewogen werden.

Wird es Österreich gelingen, seinen Strombedarf in absehbarer Zukunft ausschliesslich mit erneuerbaren Energiequellen zu decken?

Österreich liegt mit einem Anteil von rund 70 Prozent erneuerbarem Strom bezogen auf den inländischen Strombedarf EU-weit an der Spitze. Es ist ambitioniert, aber machbar, dass Österreich 2030 seinen Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energiequellen abdeckt.

In der Schweiz befürchten die Gegner eines raschen Atomausstiegs, dass schmutziger Kohlestrom importiert werden müsste. Was erwidern Sie?

Diese Sorge teile ich nicht: Ein Ausstieg passiert ja nicht von heute auf morgen. Es braucht eine klare Perspektive, wohin es gehen soll. Wenn die Politik verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen festlegt, werden auch die Investitionsentscheidungen in Richtung erneuerbarer Energien fallen. Es gilt, erneuerbare Energietechnologien fit für den Markt zu machen und umgekehrt.

Die Schweiz will die erneuerbaren Energien künftig zwar stärker fördern – allerdings ist das dafür notwendige Gesetz noch nicht in Kraft. Wurde die Entwicklung ausserhalb Österreichs verschlafen?

Viele Staaten verfolgen seit Jahren einen konsequenten Weg zur mittel- und langfristigen Umstellung ihres Energiesystems. Es gibt aber natürlich noch Staaten, die einen langen Weg vor sich haben. Mit dem Übereinkommen von Paris vom Dezember 2015 wurde eine neue Ära im internationalen Klimaschutz eingeläutet. Erstmals ziehen alle Staaten der Welt an einem Strang, um gemeinsam Verantwortung für das Weltklima zu übernehmen. Nun gilt es, die globale Erwärmung langfristig auf zwei Grad oder weniger zu begrenzen und bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Wirtschaft CO2-neutral zu gestalten. Dieses Ziel kann nur mit dem Einsatz von erneuerbaren Energieträgern erreicht werden.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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