Afghanistan - So dramatisch verlief die Schweizer Evakuierung aus Kabul
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AfghanistanSo dramatisch verlief die Schweizer Evakuierung aus Kabul

Die Schweizer Evakuierung aus Afghanistan war ein Wettlauf gegen die Zeit. Zuletzt blieben nur noch wenige Tage und Stunden, um die Betroffenen in Sicherheit zu bringen. Ein Protokoll.

von
Philippe Coradi
Yasmin Rosner
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Nach der Evakuierung von 387 Menschen aus Afghanistan hat die Schweiz ihre Rettungsaktion für abgeschlossen erklärt.

Nach der Evakuierung von 387 Menschen aus Afghanistan hat die Schweiz ihre Rettungsaktion für abgeschlossen erklärt.

via REUTERS
Hans-Peter Lenz leitete die Evakuierungsaktion der Schweizer Betroffenen aus Kabul.

Hans-Peter Lenz leitete die Evakuierungsaktion der Schweizer Betroffenen aus Kabul.

Screenshot SRF

Darum gehts

  • Am Donnerstag beendete die Schweiz ihre Evakuierung aus Afghanistan.

  • Knapp 400 Menschen konnten in die Schweiz geflogen werden.

  • Die Evakuierung verlief dramatisch, wie der oberste Krisenmanager des Aussendepartements, Hans-Peter Lenz, gegenüber dem «Tages-Anzeiger» erzählt.

Nach der Evakuierung von 387 Menschen aus Afghanistan hat die Schweiz ihre Rettungsaktion für abgeschlossen erklärt. 15 Menschen aus der Schweiz seien noch in dem Land, in dem die militant-islamistischen Taliban die Macht übernommen haben, gab das EDA in Bern am Freitag bekannt. Sie arbeiteten teilweise vor Ort für internationale Organisationen. Auch an ihrer Ausreise werde weiterhin gearbeitet, hiess es.

Unter den Menschen, die in den vergangenen zwei Wochen ausgeflogen wurden, sind mehr als 200 afghanische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der schweizerischen Vertretung in Kabul sowie deren Angehörige. Laut EDA sollen sie Asyl erhalten, um sich dauerhaft ein neues Leben in der Schweiz aufbauen zu können, hiess es.

Die Evakuierung war ein Wettlauf gegen die Zeit. Dachte man zunächst, man habe genügend Zeit, um einen geordneten Abzug vorzubereiten, drängte es am Schluss. Hans-Peter Lenz, Leiter des Krisenmanagements beim EDA, schildert gegenüber dem «Tages-Anzeiger» die dramatischen letzten beiden Wochen.

10. August

Vertretern und Vertreterinnen des EDA wird an einer Telefonkonferenz mit Sicherheitsverantwortlichen von befreundeten Ländern klar, dass es nicht Monate, sondern Wochen dauern könnte, bis die Taliban in Kabul einmarschieren könnten. Durchgesickerte Einschätzungen der amerikanischen Geheimdienste sprechen von 30 Tagen.

11. August

Das EDA fällt die Entscheidung, dass das Kooperationsbüro der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) in Kabul geschlossen werden muss. Die Mitarbeitenden hätten dafür zehn Tage Zeit. Man geht von einem geordneten Abzug aus.

13. August

Die Amerikaner und Amerikanerinnern teilen den westlichen Diplomaten mit, dass sie sich innert 72 Stunden in die «Green Zone», dem Botschaftsviertel von Kabul, begeben müssten. «Damit war das schlimmste Szenario eingetreten», sagt Lenz gegenüber dem «Tages-Anzeiger»

Und damit wird aus einem geordneten Rückzug eine Evakuierung. Es heisst, dass die Diplomaten und Diplomatinnen Tausende Dokumente verbrannt und sämtliche Daten auf einen Server in der Schweiz hochgeladen hätten.

15. August

Die Gebäude werden verriegelt und die betroffenen Personen – eskortiert von einer finnischen Sicherheitsfirma – zur deutschen Botschaft gefahren. Von dort fliegen sie zusammen mit der deutschen Belegschaft in einem Helikopter zur US-Botschaft. Noch am selben Nachmittag sitzen die Schweizer und Schweizerinnen in einer Maschine der Amerikaner in Richtung Doha.

An diesem Tag beschliesst auch der Bund, die Eliteeinheit der Armee (AAD-10) nach Kabul zu entsenden, um dort die Rettung von weiteren Schweizerinnen und Schweizern zu organisieren. Laut Lenz bot das einen entscheidenden Vorteil, nun Augen und Ohren vor Ort zu haben.

Ein Charterflug der Swiss mit Hilfsgütern für Usbekistan wird nach Taschkent entsendet.

In den folgenden Tagen können weitere Personen mit Schweiz-Bezug evakuiert werden – über eine von der deutschen Bundeswehr eingerichteten Luftbrücke zwischen Kabul und Taschkent, der Hauptstadt des benachbarten Usbekistans. Das Schwierigste sei gewesen, die Leute zum Flughafen zu bringen. Doch wer es einmal bis dahin geschafft habe, habe sich in Sicherheit befunden. Lenz: «Das war das Ticket zur Freiheit.»

24. August

Ein vom EDA gecharterter Flug bringt weitere Personen in die Schweiz. In der Nacht auf Dienstag, 24. August, landet eine Maschine der Swiss in Zürich. Es seien keine weiteren Charterflüge aus der Schweiz geplant. Mit den verbleibenden Schweizerinnen und Schweizern bleibt das EDA über die Schweizer Botschaft in Islamabadin in Kontakt.

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Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

PD
Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass).

Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass).

PD
Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

PD

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(dpa)

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