Lockvogel-Experiment: So leicht ist es, in der Schweiz schwarz zu putzen
Aktualisiert

Lockvogel-ExperimentSo leicht ist es, in der Schweiz schwarz zu putzen

Ein Versuch zeigt: Private sind trotz des vereinfachten Anmeldeverfahrens bereit, eine Putzfrau illegal anzustellen.

von
M. Medricky
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20 Minuten macht den Test: Deklarieren Schweizer Haushalte ihre Putzhilfe korrekt oder lassen sie sie illegal arbeiten?

20 Minuten macht den Test: Deklarieren Schweizer Haushalte ihre Putzhilfe korrekt oder lassen sie sie illegal arbeiten?

Keystone/Gaetan Bally/Symbolbild
Das Ergebnis des nicht repräsentativen Tests: Sämtliche Anbieter waren auf Nachfrage bereit, die Studentin schwarz zu beschäftigen.

Das Ergebnis des nicht repräsentativen Tests: Sämtliche Anbieter waren auf Nachfrage bereit, die Studentin schwarz zu beschäftigen.

Solstock/Symbolbild
Geld bar auf die Hand? «Ja, das könnte man schon machen, das ist kein Problem», sagt eine Frau, die von unserem Lockvogel kontaktiert wurde.

Geld bar auf die Hand? «Ja, das könnte man schon machen, das ist kein Problem», sagt eine Frau, die von unserem Lockvogel kontaktiert wurde.

Gilaxia/Symbolbild

Wer eine Putzfrau anheuert, wird zum Arbeitgeber: Selbst wenn sie nur eine oder zwei Stunden pro Woche staubsaugt, die Wäsche bügelt oder Bäder putzt, müssen die Abgaben für AHV oder die Unfallversicherung entrichtet werden. Dank einem vereinfachten Verfahren ist das seit einigen Jahren mit einem Formular möglich (siehe Box).

Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) werden immer mehr Arbeitskräfte so gemeldet. Wie viele noch schwarz arbeiten, kann es nicht sagen. Allerdings: In deutschen Haushalten arbeitet noch immer die grosse Mehrheit schwarz, wie eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Demnach putzten im Jahr 2017 88,5 Prozent des Putzpersonals schwarz.

Studentin sucht flexiblen Nebenjob

20 Minuten hat den Test gemacht: Wir wollten herausfinden, ob Leute in der Schweiz nach wie vor bereit sind, eine Haushaltshilfe illegal einzustellen. Unser Lockvogel, eine Studentin auf der Suche nach einem Nebenjob, suchte im Internet drei Kleinanzeigen, in denen Private nach einer Putzhilfe suchen.

Das Ergebnis des nicht repräsentativen Tests: Sämtliche Anbieter waren auf Nachfrage bereit, die Studentin schwarz zu beschäftigen. Als der Lockvogel die Situation auflöste, suchten einige nach Ausreden. Einer sagte klar: «Wenn die Wohnung am Schluss geputzt ist, ist es mir egal, ob das schwarz passiert oder nicht.» Hier haben wir die Gespräche kurz zusammengefasst.

Fall 1:

Eine freundliche Dame meldete sich und war sichtlich überrascht. Bald folgte die Lohnfrage der «Studentin»: «Bekomme ich das Geld nach meinem Einsatz bar auf die Hand?» Die Frau zögerte kurz: «Da muss man aber noch schauen wegen der AHV und dem ganzen Zeug.» Der Lockvogel stimmte zu, erzählte aber, dass frühere Arbeitgeber sie auch schon in bar bezahlten, ohne Anmeldung bei der AHV. «Sie hätten es gerne so? Ja, das könnte man schon machen. Das ist kein Problem.»

Nach der Auflösung versuchte sich die Dame kurz zu rechtfertigen, liess aber durchblicken, dass es gängige Praxis sei. «Manchmal brauchen die Leute das Geld halt direkt.» Das würden Handwerker für kleinere Arbeiten ja auch so machen, sagte sie. «Die verlangen dann weniger Geld, wenn sie das Geld sofort bekommen.»

Fall 2:

Auch beim zweiten Telefonat fragt die Studentin nach einer schwarzen Anstellung: «Abzüge? Um Gottes Willen. Nein. Sie bekommen Ende Monat ihren Lohn ohne Abzüge und steuerfrei überwiesen», so ein Arzt, der 28 Franken pro Stunde bezahlt hätte. Nach Auflösung des Telefonats wollte er plötzlich nichts mehr von Schwarzarbeit wissen. «Wir machen das alles ganz korrekt. Es handelt sich ja nur um 16 Stunden pro Monat, also um 400 Franken, und Sie sind ja noch Studentin.»

Fall 3:

Eine weiterer Inserent ging beinahe selbstverständlich von einer illegalen Anstellung aus: «Ja, klar. Das machen wir schwarz auf die Hand.» Er wollte 45 Franken für zwei Stunden Arbeit bezahlen. Nach der Auflösung zeigte er sich keineswegs schuldbewusst. «Solange meine Wohnung geputzt ist, ist es mir scheissegal, wie abgerechnet wird.»

«Es gibt keine Ausreden mehr»

Serge Gnos von der Gewerkschaft Unia ist schockiert über das Testergebnis: «Dass private Arbeitgeber derart leicht bereit sind, eine Reinigungskraft illegal anzustellen, verurteilen wir in aller Form.» Eine Putzfrau anzumelden, sei dank des vereinfachten Verfahrens eine Sache von zehn Minuten. Es gebe keine Ausreden mehr: «Wer es noch immer nicht tut, macht es, um die rund 15 Prozent für die Sozialversicherungen zu sparen.»

Gnos fordert im Kampf gegen Schwarzarbeit mehr Lohnkontrollen auch in privaten Haushalten: «Es braucht ein härteres Vorgehen gegen fehlbare Arbeitgeber. Die Zahl der kantonalen Kontrolleure muss deutlich aufgestockt werden.» Im Durchschnitt seien 2018 in 565 Haushalten bei 800 Personen entsprechende Kontrollen durchgeführt worden, so Gnos. Dies sei viel zu wenig, ziehe man in Betracht, dass es Ende 2017 rund 3,7 Millionen Privathaushalte in der Schweiz gegeben habe.

Kontrollen auch in Privathaushalten

Seco-Sprecher Fabian Maienfisch sagt: «Schwarzarbeit bei Haushaltshilfen ist auch in der Schweiz ein grosses Thema. Das Bundesgesetz gegen die Schwarzarbeit aber ist für alle Branchen anwendbar, auch Privathaushalte.» Die kantonalen Vollzugsstellen würden auch dort Kontrollen durchführen. Das Seco gehe davon aus, dass dieses vereinfachte Abrechnungsverfahren sich positiv auf die Arbeitsbedingungen von Putzhilfen in privaten Haushalten ausgewirkt habe.

Das vereinfachte Meldeverfahren

Um Schwarzarbeit einzudämmen, hat der Bund das sogenannte vereinfachte Abrechnungsverfahren eingeführt. Es schafft den Anreiz, die Arbeit rasch und korrekt anzumelden. Das Verfahren kommt bei einem Lohn bis zu 21 330 Franken zum Zug. Der Arbeitgeber zahlt die Sozialversicherungsbeiträge nur einmal im Jahr, und er muss keinen Lohnausweis ausstellen. Der Arbeitnehmer profitiert von einem Einheitssteuersatz von 5 Prozent, der die Bundessteuer sowie die kantonale Steuer beinhaltet.

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