15.02.2019 21:08

Boom bei Kursen

So lernen Frauen, mehr Lohn zu fordern

Frauen lernen in Kursen, wie sie mehr Lohn herausschlagen können. Die Nachfrage wächst. Doch was bringen die Lehrgänge für mehr Geld?

von
Michelle Medricky
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Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern beginnt bereits bei der Rekrutierung. Immer mehr Frauen besuchen Kurse, in denen sie lernen, erfolgreich eine Lohnverhandlung zu führen.

Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern beginnt bereits bei der Rekrutierung. Immer mehr Frauen besuchen Kurse, in denen sie lernen, erfolgreich eine Lohnverhandlung zu führen.

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Gleiche Rechte für alle Geschlechter? Laut Zahlen des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung zwischen Frau und Mann (EBG) verdienen Frauen im Durchschnitt knapp 18,3 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Nur 56 Prozent davon seien durch Faktoren wie Dienstjahre oder Ausbildung erklärbar.

Gleiche Rechte für alle Geschlechter? Laut Zahlen des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung zwischen Frau und Mann (EBG) verdienen Frauen im Durchschnitt knapp 18,3 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Nur 56 Prozent davon seien durch Faktoren wie Dienstjahre oder Ausbildung erklärbar.

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Der Lohn ist von der Berufswahl abhängig: Typisch weibliche Berufe wie Medizinische Praxisassistentin und Dentalassistentin befinden sich auf der untersten Stufe der Lohnskala. Typisch männliche Berufe wie Sanitärinstallateur oder Maurer gehören hingegen zu jenen Lehrberufen mit dem höchsten Lohn. (rot = Frauen, blau = Männer)

Der Lohn ist von der Berufswahl abhängig: Typisch weibliche Berufe wie Medizinische Praxisassistentin und Dentalassistentin befinden sich auf der untersten Stufe der Lohnskala. Typisch männliche Berufe wie Sanitärinstallateur oder Maurer gehören hingegen zu jenen Lehrberufen mit dem höchsten Lohn. (rot = Frauen, blau = Männer)

Screenshot/Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann Kanton Zürich

Frauen verdienen im Durchschnitt 18,3 Prozent weniger als Männer. Das belegen Zahlen des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung zwischen Frau und Mann (EBG). Nur 56 Prozent davon seien durch Faktoren wie Dienstjahre oder Ausbildung erklärbar.

Um den Unterschied zu verkleinern, bieten kantonale Gleichstellungsbüros nun Kurse an – und werden überrannt. Laut Barbara Ruf, Leiterin der Fachstelle für die Gleichstellung des Kantons Bern, erfreuen sich die Kurse immer grösserer Beliebtheit. «Unser Kurs ist jedes Jahr früh ausgebucht und die Warteliste ist jeweils lang.»

Auch bei der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann ist die Nachfrage gross. Sie wachse stetig, sagt Leiterin Helena Trachsel. Frauen seien in den Kursen in der Mehrheit. Doch auch Männer interessierten sich zunehmend für die Kurse. «Wir erinnern Vorgesetzte und HR-Verantwortliche in Workshops, dass sie verpflichtet sind, gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit zu bieten.»Beratungen und Kurse für Frauen bieten neben Gleichstellungsbüros auch grosse Berufsverbände, Universitäten oder spezialisierte Beratungsfirmen an.

«Lohndiskriminierung liegt in der Verantwortung des Unternehmens»

In solchen Kursen lernen die Teilnehmerinnen etwa im Rollenspiel, den Verhandlungsspielraum bei Lohnverhandlungen für sich zu nutzen.

Denn Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern beginne häufig bereits bei der Rekrutierung, also bei den Lohnverhandlungen für die erste Anstellung. So zeigt eine aktuelle Universum-Studie aus dem Jahr 2018, dass männliche Studienabsolventen höhere Löhne fordern als ihre weiblichen Kollegen.

Die Verantwortung für die Lohndiskriminierung würden aber die Unternehmen tragen, sagt Barbara Ruf von der Gleichstellungsfachstelle des Kanton Berns. «Das Gleichstellungsgesetz verpflichtet Unternehmen, Lohndiskriminierung zu verhindern.» Die Verwirklichung der Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern liegt nicht in der Verantwortung der Frauen. Bei Lohnverhandlungen könnten sie aber eine aktive Rolle spielen.

«Zu hohe Forderungen gelten als unweiblich»

Frauen tun sich nach wie vor schwerer mit der Lohnverhandlung. Elisabeth Bosshart, Präsidentin von Business & Professional Women (BPW Switzerland) erklärt dies mit stereotypischen Vorurteilen: «Frauen befinden sich bei Lohnverhandlungen in einem Dilemma. Es gibt Leute, die behaupten, dass Frauen schlechter verdienen, weil sie schlecht verhandeln. Wenn sie dann aber selbstbewusst verhandeln, kriegen sie von genau diesen Leuten eine Ohrfeige dafür, weil zu hohe Forderungen als unweiblich gelten.»

Frauen müssen ihre Forderungen deshalb mit ihren Leistungen begründen können. Barbara Ruf verweist darauf, dass Frauen oftmals anders kommunizieren, als dies Männer tun. «Bei Lohnverhandlungen mit Vorgesetzten fällt es den Frauen weniger leicht als Männern, ihre Leistungen in den Vordergrund zu rücken. Genau das aber erwarten Vorgesetzte.»

«Frauen dürften engagierter für sich einstehen»

Der schlechtere Verhandlungserfolg von Frauen liegt laut Helena Trachsel zum einen daran, dass Männer diesbezüglich einen Vorsprung in der Verhandlungskompetenz aufweisen können: «Viele Frauen dürften engagierter für sich einstehen.»

Ein weiterer Grund, weshalb sich Frauen oft nicht trauten, höhere Löhne zu fordern, sei die Angst vom Arbeitgeber nicht als sozial und empathisch – stereotypische weibliche Eigenschaften – wahrgenommen zu werden. Trachsel verweist hierzu aber auf viele Studien, die beweisen, dass Frauen dafür belohnt werden, wenn sie fordern, was ihnen zusteht: «Der Arbeitgeber nimmt die Frau so als kompetent wahr und belohnt sie dafür.»

In Kursen lernen die Frauen, wie sie diesen Balance-Akt meistern können. Prinzipiell gilt: Je sichtbarer eine Frau ihre Leistungen und Erfahrungen kommuniziert, desto klarer kann sie für den Arbeitgeber nachvollziehbare Lohnforderungen verlangen. Dass das klappen kann, zeigt ein Beispiel aus Bern. «Eine Frau, die in der Verwaltung arbeitet, glaubte, die Löhne seien so starr definiert, dass es keinen Verhandlungsspielraum gibt», sagt Barbara Ruf. Im Kurs sei sie angehalten worden, mit ihrem Vorgesetzten das Gespräch zu suchen. «Das war ein Erfolg. Nun wurde die Frau höher eingereiht», sagt Ruf.

Frau Sander*, sind diese Kurse geeignet, um gegen Lohndiskriminierung vorzugehen?

Solche Kurse sind auf jeden Fall wichtig, denn ich beobachte täglich, dass Frauen Lohnverhandlungen zu wenig reflektiert angehen. Frauen müssen zielstrebiger werden. Um die Lohndiskriminierung aber nachhaltig einzudämmen, müssen auch die Unternehmen an den eigenen blinden Flecken arbeiten.

Wie meinen Sie das?

Frauen werden oft als Zuverdienerinnen wahrgenommen und in den Lohnbändern unbewusst zugunsten gegenüber jungen Vätern weiter unten eingestuft. Ein sehr progressiver Ansatz wäre es, den Lohn direkt im Stelleninserat zu kommunizieren. Mit solch transparenten Löhnen würden Lohnverhandlungen wegfallen.

Wo sehen Sie weitere Gründe für Lohndiskriminierung?

Ein Grund sehe ich bei der Selbstwahrnehmung der Frauen: Vielen Frauen sind das Team, sowie spannende und sinnvolle Aufgaben wichtiger als der Lohn. Das eine sollte das andere aber nicht ausschliessen.

Weshalb verhandeln Frauen weniger hart als Männer?

Viele Frauen verhandeln oft auch weniger hart, weil sie als Zuverdienerinnen nicht den gleichen Druck wie Männer als Hauptverdiener verspüren. Die Situation würde hier aber anders aussehen, wenn alle Frauen 50 Prozent zum Familienbudget beitragen würden. Die Rollenerwartungen in der Gesellschaft würden sich damit ändern.

*Gudrun Sander ist Titularprofessorin für Betriebswissenschaftslehre und Diversity Management an der Universität St. Gallen.

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