Die Duvalier-Dynastie: So nahmen «Papa Doc» und «Baby Doc» Haiti aus
Aktualisiert

Die Duvalier-DynastieSo nahmen «Papa Doc» und «Baby Doc» Haiti aus

Haitis Gegenwart mag düster sein, doch die Rückkehr von Ex-Diktator Jean-Claude Duvalier erinnert an die dunkelsten Zeiten des gebeutelten Landes.

von
Daniel Huber
Rückkehr in ein geschundenes Land: Ex-Diktator Duvalier, vulgo «Baby Doc»

Rückkehr in ein geschundenes Land: Ex-Diktator Duvalier, vulgo «Baby Doc»

Mitte Januar 2011 kehrte der ehemalige Machthaber Jean-Claude Duvalier nach fast 25 Jahren im Exil überraschend nach Haiti zurück, und sofort begann das Rätselraten. Hegt «Baby Doc» Ambitionen auf ein politisches Amt? Will er womöglich wieder Präsident werden?

Viel klarer wurde die Lage nicht, als Duvalier verhaftet und kurz darauf wieder auf freien Fuss gesetzt wurde. Zunächst hiess es, er werde «für immer» in Haiti bleiben; dann behauptete er plötzlich, er wolle ausreisen, sobald er einen neuen Pass erhalte.

Flucht nach Champagner-Party

Wie auch immer die Zukunft des 59-jährigen Ex-Diktators aussieht, seine Vergangenheit als Machthaber zählt zu den düstersten Stunden der an schrecklichen Ereignissen gewiss nicht armen haitianischen Geschichte. Umso erstaunlicher – zumindest von einem Hort des Wohlstands und der Stabilität wie der Schweiz aus gesehen – erscheint es daher, dass Duvalier tatsächlich über eine nicht zu vernachlässigende Anhängerschaft verfügt.

Haitianer stürmten Wahllokale

Am 7. Februar 1986 hingegen befand sich «Baby Docs» Popularität auf dem absoluten Nullpunkt. Der damals 34-jährige Präsident kapitulierte vor einem Volksaufstand und floh Hals über Kopf aus dem Land. Nachdem der abgehalfterte Diktator und seine Entourage zum Abschied noch eine mitternächtliche Champagner-Party hatten steigen lassen, flog ihn eine Maschine der US-Air Force ins Exil nach Frankreich. Dort musste Duvalier nicht darben: Immerhin hatte er – je nach Schätzung – zwischen 300 und 900 Millionen US-Dollar aus dem bitterarmen Land herausgepresst; wobei die höhere Summe die damalige Staatsschuld des Karibikstaates übersteigt.

«Dem Land droht eine nie dagewesene Gewalt»

28 Jahre Schreckensherrschaft

«Baby Docs» Flucht ins Exil beendete die Herrschaft einer Dynastie, die über 28 Jahre hinweg die Geschicke des Landes bestimmt hatte. An die Macht waren die Duvaliers ganz demokratisch gelangt: 1957 wurde der frühere Landarzt (darum «Papa Doc») und spätere Gesundheitsminister François Duvalier mit klarer Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Nach einem Putschversuch im Jahr darauf griff die vermeintliche Marionette der Militärs durch und sicherte sich die Macht durch eine geschickte Personalpolitik. Papa Doc wies die Armee in die Schranken und schuf 1959 einen Geheimdienst mit paramilitärischen Funktionen: die berüchtigte «Milice de Volontaires de la Sécurité Nationale» (MVSN), die vom Volksmund «Tontons Macoutes» (siehe Infobox) genannt wurden.

1961 gewann «Papa Doc» die Wahlen in Haiti mit einem Ergebnis, das nicht einmal die DDR-Staatspartei SED in ihren besten Zeiten erzielte: Den 1,32 Millionen Stimmen für Duvalier stand keine einzige amtliche Gegenstimme gegenüber. 1964 proklamierte er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit. Seine Macht sicherte er auch, indem er in der zum Aberglauben neigenden Bevölkerung das Gerücht streuen liess, er sei der «Baron Samedi», ein Voodoo-Geist mit übernatürlichen Kräften. Auf einem Porträt liess er sich abbilden, wie Jesus ihm auf die Schulter klopft.

Permanentes Klima des Terrors

Daneben griff er auch zu handfesteren Methoden des Machterhalts: Rivalen liess er verschwinden, Oppositionelle hinrichten, Verdächtige foltern. Seine Tontons Macoutes verbreiteten ein permanentes Klima des Terrors. Schätzungen der Menschenrechtsorganisation «Human Rights Watch» zufolge sind Papa Doc und sein Sohn zusammen für etwa 20- bis 30 000 Todesopfer verantwortlich.

Die Duvalier-Kleptokratie saugte die Bevölkerung aus und hielt sie in bitterer Armut – was wiederum einen Strom von Hilfsgeldern ins Land zog, die dann in den Taschen der Duvaliers verschwanden. Das BIP pro Kopf sank in den Sechzigerjahren auf 80 Dollar pro Jahr – der tiefste Wert in der gesamten westlichen Hemisphäre. Papa Doc betrachtete auch seine Untertanen als Eigentum: Der benachbarten Dominikanischen Republik lieferte er jährlich 20 000 Saisonarbeiter, die dort ausgebeutet wurden. Sogar von ihren Hungerlöhnen zweigte der Diktator einen guten Teil für sich ab.

Eine Hochzeit sorgt für Unmut

1971 starb «Papa Doc», aber zuvor hatte er umsichtig seine Nachfolge geregelt. So liess er das Mindestalter für das Präsidentenamt auf 18 Jahre senken, da Baby Doc erst 19 war. In einem Referendum sprach sich dann die Bevölkerung für Jean-Claude Duvalier als Nachfolger aus – erneut ohne eine einzige amtliche Gegenstimme. Baby Doc trat sein Amt als jüngster Präsident weltweit an, und zwar gleich auf Lebenszeit.

Zu Beginn lockerte der junge Duvalier, der ein Leben als Playboy führte, die Zügel ein wenig. Zudem führte er ein paar zaghafte Reformen durch. Doch als er 1980 drei Millionen Dollar für seine Hochzeit ausgab, regte sich Unmut. Seine Frau gehörte zudem der mulattischen Oberschicht an, und Baby Doc stützte sich nun zunehmend auf diese Basis, während sein Vater noch die Ressentiments der Schwarzen gegen die Mulatten ausgenutzt hatte. «Baby Doc» zog nun die Daumenschrauben wieder an.

Abenddämmerung des Regimes

Es sollte seinen Fall indes nur herauszögern. 1982 überstand er noch einen Putschversuch von Exil-Haitianern. Als aber Papst Johannes-Paul II. 1983 das Land besuchte und das Regime öffentlich kritisierte, begann endgültig die Abenddämmerung der Duvalier-Herrschaft. 1984 kam es zu ersten Hungeraufständen, die von den Tontons Macoutes nicht niedergeschlagen werden konnten. «Baby Doc» verlor nun auch den Support der Amerikaner, denen das Regime wohl zu obszön wurde. Ende 1985 wurde die Lage unhaltbar. Im Februar 1986 fiel das Duvalier-Regime.

Seine Nachwirkungen machen Haiti heute noch zu schaffen. Die Korruption, die unter den Duvaliers zur Staatsraison erhoben wurde, hält das Land immer noch im Würgegriff. Es ist wenig wahrscheinlich, dass «Baby Doc» die Rückkehr an die Macht in Haiti gelingen wird. Zumindest könnte er nicht wieder in den Präsidentenpalast in Port-au-Prince einziehen. Der wurde beim verheerenden Erdbeben vor einem Jahr zerstört – Sinnbild für ein kaputtes Land.

Tontons Macoutes

Die haitianische Geheimpolizei und paramilitärische Truppe wurde 1959 gegründet und hiess offiziell «Milice de Volontaires de la Sécurité Nationale» MVSN («Nationale Sicherheitsmiliz aus Freiwilligen»). Im Volksmund wurden die gefürchteten Milizionäre «Tontons Macoutes» genannt («Onkel Umhängesack», nach einer Figur der Volksüberlieferung, die nachts Kinder entführt, die noch draussen sind).

Die Tontons Macoutes, die automatische Amnestie für ihre Taten genossen, trugen oft Sonnenbrillen und uniformähnliche Kleidung. Sie töteten und verstümmelten ihre Opfer oft mit Macheten und Messern, um ihnen besonders schlimme Verletzungen zuzufügen. Getötete wurden absichtlich zur Abschreckung an öffentlichen Plätzen zurückgelassen. Die Tontons Macoutes kultivierten auch den Voodoo-Mythos, um den Aberglauben der Leute auszunutzen.

Nach dem Fall der Duvaliers wurden sie gejagt; einige wurden umgebracht. Reste der Tontons Macoutes waren noch bis 2000 als Todesschwadronen aktiv.

(Quelle: Wikipedia.org)

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