Zurück im ÖV: So pendelst du in Corona-Zeiten richtig

Aktualisiert

Zurück im ÖVSo pendelst du in Corona-Zeiten richtig

Züge, Busse und Trams werden wieder voller. Was ist, wenn jemand neben mir hustet? Und warum verkehren nicht noch mehr Züge, um Abstandsregeln zu erleichtern?

von
Lena Stadler
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Züge, Busse und Trams stehen den Schweizern ab dem 11. Mai fast wieder wie in normalen Zeiten  zur Verfügung.

Züge, Busse und Trams stehen den Schweizern ab dem 11. Mai fast wieder wie in normalen Zeiten zur Verfügung.

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Laut Bastien Girod können schon jetzt nicht mehr zwei Meter Abstand eingehalten werden: «Für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung ist eine Maskenpflicht im ÖV deshalb sinnvoll.»

Laut Bastien Girod können schon jetzt nicht mehr zwei Meter Abstand eingehalten werden: «Für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung ist eine Maskenpflicht im ÖV deshalb sinnvoll.»

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SBB-Chef Ducrot bezeichnete eine Maskenpflicht als «Unsinn»: «Warum sollten Pendler, die zu zehnt im Wagen sitzen mit Abstand, eine Maske tragen?»

SBB-Chef Ducrot bezeichnete eine Maskenpflicht als «Unsinn»: «Warum sollten Pendler, die zu zehnt im Wagen sitzen mit Abstand, eine Maske tragen?»

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Darum gehts

  • Am 11. Mai wird der öffentliche Verkehr wieder hochgefahren.
  • ÖV-Vertreter und Politiker bezweifeln, dass die Distanzregelung dann noch eingehalten werden kann.
  • Die Verkehrsbetriebe setzen auf Eigenverantwortung und Solidarität und wollen nicht Polizei spielen.
  • Ein weiterer Ausbau des ÖV-Netzes ist für die Verkehrsbetriebe keine Option.
  • Eine Maskenpflicht wird kontrovers diskutiert.
  • Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Am 11. Mai steht für Pendler wieder fast das reguläre Angebot zur Verfügung. Ist dabei das Corona-Schutzkonzept umsetzbar?

Zwei Meter Abstand halten – und sonst Maske aufsetzen: So wollen SBB und Postauto das Virus im ÖV eindämmen, wenn am Montag wieder mehr Züge, Busse und Trams verkehren. «Das ÖV-Schutzkonzept macht das Reisen möglichst sicher», heisst es bei der SBB.

Nationalrat Bastien Girod (Grüne) hat hier Zweifel: «Das Social Distancing kann bereits jetzt nicht mehr eingehalten werden», twitterte er. Postauto schreibt sogar auf seiner Website offen: «In vielen Postautos kann die Distanzregel wohl nicht eingehalten werden. Deshalb gibt es die dringende Empfehlung, eine Schutzmaske zu tragen.» Auch Frank Zimmermann von der Interessensgemeinschaft ÖV sagt: «Ab dem 11. Mai gibt es möglicherweise ein verstärktes Konfliktpotenizal.» Zimmermann appelliert aber an den gesunden Menschenverstand: «Kritische Situationen wird es immer geben. Wir müssen mit dem Virus weiterleben.»

Welche Verkehrsmittel sind besonders heikel?

Frank Zimmermann sieht bei den Zügen kein Problem: «Im Zug habe ich die Möglichkeit, den Wagen zu wechseln, wenn es mir zu eng wird. Im Bus oder Tram ist es heikler, da dort die Platzverhältnisse enger sind.» Jedoch würden die meisten nur kurze Strecken in diesen Fahrzeugen zurücklegen, wodurch die Übertragungsmöglichkeit stark sinke.

Wie verhalte ich mich an der Haltestelle und beim Einsteigen?

Laut Zimmermann gilt es, den Mindestabstand von zwei Metern einzuhalten und nicht im Wartehäuschen, sondern im Freien zu warten. Die Pendler sollten darauf achten, sich gut zu verteilen: «Im Zug steigt ein Teil der Leute besser vorne oder hinten ein, wo es weniger voll ist.» Es könne auch sinnvoll sein, mal einen vollen Bus fahren zu lassen und den nächsten zu nehmen, was aber für Arbeitspendler schwierig sei. Das nationale Schutzkonzept fordert die Passagiere auf, nach Möglichkeit auf, schwach frequentierte Nebenverkehrszeiten auszuweichen.

Was passiert, wenn jemand ohne Maske hustet oder sich ungefragt neben mich setzt?

Die Verkehrsbetriebe setzen auf Eigenverantwortung und Solidarität. SBB-Chef Vincent Ducrot betonte, dass Zugbegleiter keine Polizisten sind, sondern beratend zur Seite stehen: «Der Kunde wird höflich darauf aufmerksam gemacht. Auch die anderen Kunden werden die säumigen Kunden darauf aufmerksam machen.» Postauto-Sprecher Ben Küchler appelliert an die Eigenverantwortung: «Unser Fahrpersonal ist nicht medizinisch geschult und kann bei Personen mit Husten keine Verantwortung übernehmen. Wir bitten aber alle Menschen mit Grippesymptomen inständig darum, zu Hause zu bleiben und den ÖV nicht zu benutzen.» Bei allfälligen Übergriffen empfiehlt das Schutzkonzept den Transportunternehmen die Zusammenarbeit mit der lokalen Polizei.

Müsste der ÖV stärker ausgebaut werden, um Abstände einzuhalten?

Im Zürcher Verkehrsverbund wird ab dem 11. Mai wieder das reguläre Angebot verkehren. Laut Sprecher Caspar Frey ist ein zusätzlicher Ausbau keine Option: «Dafür brauchte es zusätzliche Fahrzeuge, einen Infrastrukturausbau im Schienennetz und mehr ausgebildetes Personal.» Solche Massnahmen seien extrem kostenintensiv und brauchten mehrere Jahre Planungs- und Umsetzungszeit. Ähnlich tönt es bei Postauto: «Nach Möglichkeit werden einzelne Kurse verstärkt geführt. Es gibt jedoch nur wenig Reserven und es ist nicht möglich, sämtliche Kurse mit Zusatzfahrzeugen zu verstärken.» Auch bei den Zügen könnten keine zusätzlichen Wagen angehängt werden, da sich die Länge der Züge rechtlich an der Perronlänge orientierten, heisst es bei der SBB.

Braucht es eine Maskenpflicht?

Nationalrat Bastien Girod sagt gegenüber 20 Minuten: «Für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung ist eine Maskenpflicht im ÖV sinnvoll. Ich befürchte, dass ab dem 11. Mai immer noch viele Pendler keine Masken tragen werden. Das ist nicht fair gegenüber der Risikogruppe und allen, die sich die Mühe nehmen, eine Maske zu tragen.» Mit der Kontrolle durch Zugbegleiter sei eine Maskenpflicht im ÖV einfach durchzusetzen.

Pro Bahn würde eine Maskenpflicht begrüssen, in der Praxis sei das aber keineswegs umsetzbar: «Alle Fahrgäste müssten beim Einsteigen kontrolliert werden, ob sie eine Maske auf sich tragen. Das lässt sich organisatorisch nicht lösen.» Es sei deshalb umso wichtiger, dass die Pendler sich an die Empfehlungen der Verkehrsbetriebe halten und Arbeitgeber wenn immer möglich Homeoffice ermöglichen.

SBB-Chef Ducrot bezeichnete eine Maskenpflicht als «Unsinn»: «Warum sollten Pendler, die zu zehnt im Wagen sitzen mit Abstand, eine Maske tragen?», argumentierte er am Donnerstag vor den Medien. Auch eine Maskenabgabe durch die SBB ist für Ducrot unmöglich: «Wir haben mehrere Tausend Haltestellen.»

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