Aktualisiert 29.03.2020 13:46

SIM-Daten

So prüft die Swisscom, ob ihr wirklich zu Hause bleibt

Der Telecom-Konzern analysiert für den Bund, wie sich Handynutzer in der Schweiz bewegen. Wer nicht mitmachen will, kann sich wehren.

von
rkn
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Die Swisscom analysiert für den Bund, ob Schweizer weniger reisen. Dazu werden Ortungsdaten von SIM-Karten ausgewertet.

Die Swisscom analysiert für den Bund, ob Schweizer weniger reisen. Dazu werden Ortungsdaten von SIM-Karten ausgewertet.

Keystone/AP/Anthony Anex
Erste Ergebnisse zeigen: Ja, Schweizer reisen wesentlich weniger.

Erste Ergebnisse zeigen: Ja, Schweizer reisen wesentlich weniger.

Swisscom
Besonders im Tessin bleiben die Leute zuhause.

Besonders im Tessin bleiben die Leute zuhause.

Swisscom

Der Bundesrat hat die Swisscom gebeten, anhand von Handydaten zu prüfen, wie die Schweizer auf die Weisungen des Staats reagieren. Wird das Versammlungsverbot eingehalten? Und bleiben die Schweizer jetzt wirklich zu Hause?

Um solche Fragen zu beantworten, analysiert die Swisscom Daten auf dem eigenen Netz: Ihre Mobility Insight Plattform weist Gebiete mit mindestens 20 SIM-Karten auf einer Fläche von 10'000 Quadratmetern aus. So kann das System Menschenansammlungen sichtbar machen. Geräte in Innenräumen werden laut Swisscom nicht für die Analyse erfasst.

Reiseverhalten verfolgbar

Die Daten dazu entstehen, technisch bedingt, sowieso, schreibt der Konzern – es wird also nichts zusätzlich erhoben. Mobilfunknetze sind in Zellen aufgeteilt und für den Betrieb muss das System wissen, in welcher Zelle sich jedes aktive Gerät jeweils befindet. So kann die Telecom-Firma auch das Reiseverhalten verfolgen (siehe Bildstrecke oben). Die Grösse der Zellen variiert – meist sind sie auf dem Land grösser als in der Stadt.

Die dem Bund zur Verfügung gestellten Analysen basieren laut der Swisscom ausschliesslich auf dem Netzbetrieb. Es würden keine GPS-Daten oder Informationen von Apps ausgewertet. Der Telecom-Konzern betont zudem, dass die Informationen unmittelbar nach ihrer Entstehung automatisch anonymisiert würden und dass die Standortangaben jeweils 24 Stunden zurückliegen.

Kunden können sich wehren

Wer sich bei der Sache nicht wohl fühlt, kann sich zudem gegen das Analysieren der Daten wehren: Laut Swisscom kann man im Kundencenter die Datenschutz-Einstellungen anpassen und ein Opt-out vornehmen. Dann würden die Daten nicht für weitere Analysen verwendet.

Wie ein Sprecher der Firma auf Anfrage sagt, werden nicht nur die Daten von Swisscom-Kunden ausgewertet. Auch betroffen seien die Anbieter Wingo, M-Budget oder Coop, die ebenfalls das Swisscom-Netz nutzen. Diese Anbieter würden eine Opt-out-Option in den eigenen Kundencentern anbieten, heisst es bei Swisscom. Nicht ausgewertet würden die Daten der Kunden von UPC, Lycamobile und Mucho Mobile.

Heiklere Daten per App

Dass es Kunden verunsichert, dass die Swisscom solche Daten auswertet, kann Telecom-Experte Jean-Claude Frick von Comparis verstehen: «Manchen Kunden dürfte nicht bewusst gewesen sein, dass die Swisscom sehen kann, wann ein Nutzer wo ungefähr ist.» Weil die Firma die Daten für den Betrieb sowieso braucht, sei aber nur neu, dass sie jetzt weiter analysiert und ans Bundesamt für Gesundheit weitergegeben werden

Frick geht davon aus, dass die Leute in der aktuellen Situation bereit sein werden, diese anonymisierten Informationen preiszugeben. Und sonst müsse man sich bewusst sein, dass noch viel heiklere Daten gesammelt werden, wenn man etwa Google- oder Facebook-Apps auf dem Handy nutze: «Das sind teils auf wenige Meter genaue Standortdaten, die auch nicht anonymisiert werden.»

Nur Swisscom analysiert die Daten

Bisher liefert nur die Swisscom dem Bund solche Analysen. Sunrise wurde bisher nicht angefragt, sagt eine Sprecherin zu 20 Minuten. Sollte sich das ändern, würde man wie üblich mit den Behörden zusammenarbeiten. Auch bei Salt habe es bisher keine Anfrage gegeben und es sei kein solches Projekt in Planung, heisst es seitens des Unternehmens.

Die Analyse der Swisscom zeigt: Schweizer reisen derzeit merklich weniger. Vor allem im Tessin wird öfter verzichtet – es wurden 65 Prozent weniger Reisen aufgezeichnet. Ergebnisse zum Reiseverhalten siehst du in der Bildstrecke oben.

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