27.10.2020 04:44

«Ein sicherer Job»So reagiert die Politik auf die Corona-Wut der Pflegenden

Das Pflegepersonal fordert mehr Anerkennung. Die Präsidentin der Gesundheitskommission sagt, man dürfe die zweite Welle nicht für Lohnforderungen missbrauchen.

von
Daniel Waldmeier
Bettina Zanni
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In der Zentralschweiz startete die Protestwoche des Pflegepersonals mit einer Aktion vor der Kantonsratssitzung auf der Allmend in Luzern.

In der Zentralschweiz startete die Protestwoche des Pflegepersonals mit einer Aktion vor der Kantonsratssitzung auf der Allmend in Luzern.

Mathias Raeber, VPOD Zentralschweiz
Manche Pflegende fühlen sich alleingelassen. 

Manche Pflegende fühlen sich alleingelassen.

Twitter/VPOD
Nach dem Applaus für das Pflegepersonal in der ersten Corona-Welle hofften Pflegefachkräfte auf bessere Löhne und mehr Personal.

Nach dem Applaus für das Pflegepersonal in der ersten Corona-Welle hofften Pflegefachkräfte auf bessere Löhne und mehr Personal.

KEYSTONE

Nach dem Applaus für das Pflegepersonal in der ersten Corona-Welle hofften Pflegefachkräfte auf bessere Löhne und mehr Personal. Weil sich aus ihrer Sicht nichts geändert hat, ist die Wut gross. Die Gewerkschaften haben diese Woche unter dem Hashtag #MehralsApplaus eine Protestwoche gestartet. Deren Höhepunkt bildet eine symbolische Aktion auf dem Bundesplatz in Bern am Freitag von 14 bis 16 Uhr. Ein Streik ist derzeit nicht geplant – obwohl das Druckmittel in der zweiten Welle gross wäre. Eine Pflegefachkraft verdient in der Schweiz bei einem 100-Prozent-Pensum pro Monat rund 5300 Franken brutto.

Die Forderung

Das Bündnis der Gesundheitsberufe fordert eine Corona-Prämie in Höhe von mindestens einem Monatslohn für die ausserordentlichen Belastungen. Mit der «Pflege à la minute» müsse Schluss sein. Langfristig müsse jeden Tag auf allen Schichten genügend Personal zur Verfügung stehen. «Nach der ersten Welle waren wir enttäuscht, dass die Politik nichts unternommen hat», sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK).

Die Warnung

Pflegeverbände warnen dabei vor einem «massiven Pflegenotstand» in der Schweiz, wenn die Politik jetzt nichts ändere. So fielen erschöpfte Mitarbeiter vermehrt krankheitsbedingt, auch durch Burn-outs, aus. Die Gefahr für Komplikationen und Behandlungsfehler steige. «Ist das Personal ständig erschöpft, schneiden wir uns ins eigene Fleisch», sagt Ribi.

Christina Schumacher, Leiterin Sozialpartnerschaft beim SBK Bern, nennt Beispiele aus der Praxis: «Nach einer Operation sollte man jede Viertelstunde nach einem Patienten schauen. Schafft man das nicht, kann es unter Umständen schon zu spät sein.» Auch die Gefahr eines Dosierfehlers beim «Aufziehen» eines Medikamentes nehme zu.

Laut Schumacher ist die Pace in den letzten Jahren extrem gestiegen. «Das hat auch damit zu tun, dass die Patienten weniger lang im Spital bleiben. Dafür sind sie kranker und erfordern mehr Betreuung.» Viele Pflegende gingen nach der Arbeit mit einem schlechten Gefühl nach Hause. «Schliesslich verlassen sie den Job, weil die Work-Life-Balance nicht stimmt. Das verschärft den Personalmangel weiter. Es ist ein Teufelskreis.»

So reagiert die Politik

Wegen des Hilferufs wollen nun einige Politiker noch einmal über die Bücher gehen. So sagt GLP-Nationalrätin Judith Bellaiche: «Die Politik hat überall Geld verteilt – von den Medien bis zu den Schaustellern, aber nicht bei den Pflegenden.» Das sei ein Fehler gewesen: «Wir haben unterschätzt, dass das Pflegepersonal auch im Sommer nicht zur Ruhe gekommen ist.» Jetzt kämen Ausfälle wegen Krankheiten und Quarantäne hinzu. Die Pflegenden seien bereits erschöpft.

Bellaiche findet, es brauche Sofortmassnahmen, um das Personal zu entlasten. «Die Kantone sollten Mittel bereitstellen, um beispielsweise Aussteiger zurückzuholen oder pensionierte Fachkräfte aus dem Ruhestand zu holen. Auch über die Entlöhnung müsse man sprechen, um den Beruf wieder attraktiver zu machen.»

«Pflegende haben ein sicheres Einkommen, der Wirt nicht.»

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel

Dagegen erinnert Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin und Präsidentin der Gesundheitskommission, daran, dass die Politik bereits daran sei, eine Ausbildungsinitiative zu starten. So soll Pflegepersonal in Ausbildung künftig eine Lohnzulage bekommen. «Ich finde auch, dass Personal auf Covid-Stationen einen Bonus verdient.» Diese Initiative müsste aber von den Kantonen kommen.

Humbel sagt, dass überarbeitetes Personal zu einer fehlerhaften Betreuung führen könne. Viele Pflegende seien im Frühling aber in Kurzarbeit gewesen und nicht erschöpft. Für Humbel darf die Corona-Epidemie nicht dafür missbraucht werden, um Lohnforderungen durchzusetzen. «Pflegende haben gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeiten, einen sicheren Job und ein sicheres Einkommen. Dies im Gegensatz zum Wirt oder Coiffeur, die in ihrer Existenz bedroht sind.» Es sei darum korrekt, dass die Wirtschaftshilfe vor allem diesen Branchen zugutekomme.

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825 Kommentare
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Revolution

28.10.2020, 13:10

Es braucht dringend eine revolution!!! Umverteilung des kapitals und recht auf arbeit! Ich bin seit einem jahr auf stellensuche und muss mich bei jeder bewerbung gegen 300 mitbewerber durchsetzen!!! Trotz bachelor und mehrjähriger berufserfahrung bin ich nicht gefragt auf dem arbeitsmarkt. Das system funktioniert nicht!!! Ich bin mit meinen nerven am ende :(

Sonnenschein

28.10.2020, 03:34

Solidarität für meine Berufskollegen/-Innen in der Pflege. Klar gibt es viele Berufszweige, die nicht angemessen für ihre Arbeit entschädigt werden. Dennoch ist es gerade jetzt an der Zeit, diesen Menschen,- Gehör zu schenken! Ich selbst arbeite in der Operationstechnik, man wird mit 12 STD Schichten und mehr konfrontiert, muss zusätzliche Schichten ausführen, an Sa, So, Feiertage arbeiten, wird in der Freizeit angerufen um ein zu springen! Nein dies soll auch keine Beschwerde sein, ich mache meinen Beruf echt sehr gerne! Jedoch sind die Kollegen auf Intensiv, echt Personell in Unterzahl,- wenn man bedenkt dass ein beatmeter Patient nicht durch eine Pflegeperson,- alleine versorgt werden kann! Ganz besonders sind auf Intensiv, OP, Anaesthesie die Gefahren sehr hoch, sich mit Corona zu infizieren! Jedoch,-ist das ganze Gesundheitssystem von der Politik klein gespart worden.- und dies über Jahre!! Politiker macht euch mal Gedanken, was Wertschätzung für den Mittelstand bedeutet,- Danke!!

Zulrich Zehler

28.10.2020, 01:12

Der ganze Mittelbau der Gesellschaft verdient zu wenig.