Unfall im Cevi-Lager: So riskant sind Hobby-Seilbahnen
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Unfall im Cevi-LagerSo riskant sind Hobby-Seilbahnen

Wie es zum Tod der 8-Jährigen im Pfingstlager kommen konnte, ist noch unklar. Doch ob defekte Bremse oder überforderter Bremser, bei selbst gebauten Bahnen kann vieles schiefgehen.

von
Annette Hirschberg

Das tragische Unglück im Cevi-Pfingstlager in Oetwil an der Limmat überschattete das vergangene Wochenende. Ein 8-jähriges Mädchen raste am Sonntag auf einer selbstgebauten Seilbahn ungebremst in einen Baum und verstarb an den Folgen des Aufpralls.

Der Unfall gibt jede Menge Rätsel auf. Gemäss einer Sprecherin der Zürcher Kantonspolizei sind die Abklärungen und Befragungen noch im Gange. Sie können laut der Sprecherin durchaus ein paar Wochen dauern. Der Fall wird am Mittwoch der Staatsanwaltschaft übergeben.

Verschiedene Bau- und Bremssysteme

Gemäss Polizei versagte die Seilbremse aus unbekannten Gründen. Doch wie muss man sich so eine Seilbahn mit Seilbremse vorstellen? Die Cevi Schweiz selbst will sich zu dieser Frage nicht äussern. «Wir geben nur noch Auskunft über die Ausbildung unserer Leiter», sagt Sprecher Jürg Schelldorfer. Im Internet finden sich mehrere Anleitungen von Cevianern, aber auch von Jugend + Sport (J+S) des Bundesamtes für Sport (BASPO), die aufzeigen, wie eine Seilbahn gebaut werden soll.

In der Anleitungen von J+S dient ein Seil, das in genügender Entfernung vom Baum am Ende der Seilbahn quergespannt wird, als Bremse. Die Person, die auf der Seilbahn fährt, wird dann in sicherer Distanz vom Baum durch einen abrupten Stopp gebremst und schwingt danach noch stark hin und her.

Die Variante mit dem Bremser am Seil

In mehreren Anleitungen der Cevi, die im Internet zu finden sind, wird aber ein Bremser eingesetzt. Er bremst die Fahrt mit einem Bremsseil, das am Rollseil befestigt wird. Unterstützt wird seine Aufgabe durch eine Seilumlenkung an einem Karabinerhaken, der in der Regel am Baum befestigt ist: die sogenannte Halb-Mastwurf-Sicherung (HMS). Dank der HMS verlangsamt der Bremser nicht mit seinem eigenen Körpergewicht die Fahrt des Kindes, sondern muss das Seil vor allem festhalten. Gebremst wird durch die Umlenkung.

Wieso die Seilbremse versagt hat, ist damit aber nicht geklärt. «Da kann mehreres schief gegangen sein», sagt Hochseilgarten-Betreiber Christian Bolliger. Bei der Konstruktion nach J+S-Merkblatt könne sich der Knoten des Querseils gelöst haben oder gar das ganze Seil gerissen sein. «Ich gehe aber eher nicht davon aus, dass man in diesem Fall nur ein Querseil verwendet hat», sagt Bolliger.

Setzten die Cevianer auf die Variante mit einem Bremser, könnte der HMS-Knoten falsch gebunden worden sein. «Das ist ein Fehler, der leicht passieren kann und dann wird das Bremsen sehr schwierig», so Bolliger weiter. Möglich, aber eher unwahrscheinlich wäre auch, dass zur Befestigung der HMS ein falscher Karabiner verwendet wurde. «Dann rutscht die HMS aus dem Haken und man kann die Person nicht mehr halten.» Eine weitere für Bolliger sehr plausible Variante ist ein Versagen beim Bremser selbst. «Er könnte vergessen haben, das Seil zu halten oder liess plötzlich los.» Mit einer solchen Fehl- oder Panik-Reaktion müsse man im Bergsteigen immer rechnen. «Darum wird meist eine zweite Sicherung eingebaut, entweder eine Sicherungsschlinge oder eine zweite Person am Bremsseil.»

Pfingstlager war J+S-anerkannt

Klar ist: Das Cevi-Pfingstlager in Oetwil an der Limmat ZH war ein J+S-anerkanntes Lager. Jedes Lager mit J+S-Anerkennung - und das sind die allermeisten Pfingstlager - muss auch von J+S-ausgebildeten Leiterinnen und Leitern begleitet sein, wie BASPO-Sprecher Christoph Lauener auf Anfrage der SDA sagte.

Diese absolvieren eine einwöchige Grundausbildung in «Lagersport/Trekking» und müssen alle zwei Jahre eine Weiterbildung absolvieren. Zu den Kursthemen gehört auch die «Seiltechnik».

Pfadi verhängt kein Seilbahn-Moratorium

So lange der Unfall untersucht wird und bis die Ursache geklärt ist, hat die Cevi-Schweiz zur Sicherheit ein Seilbahn-Moratorium verhängt. Nicht so die Pfadi. «Wir sehen dazu keinen Anlass», sagte Pfadi-Schweiz-Sprecherin Andrea Adam.

Ob es bei den Pfadi auch schon Unfälle mit Seilbahnen gegeben habe, konnte Adam nicht sagen. Sie vermute, es sei schon zu Zwischenfällen gekommen - bei mehr als 42 000 Mitgliedern sei dies wahrscheinlich.

Zum konkreten Unfall wollte sich Adam nicht äussern. Dass ein Baumstamm als Endpunkt der Bahn gewählt werde, sei nicht ungewöhnlich - «das ist eigentlich so».

Seilbahnen bauen ist beliebt. Am Anfang dieses Videos sieht man, mehrere solche selbstgebauten Seilbahnen mit Bremsseil:

Quelle: YouTube/BesjFlorian

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