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«Einmalige Chance im Leben»So schafft es die Handball-Nati innert 48 Stunden an die WM in Ägypten

Wohl nur die grössten Optimisten im Schweizer Team rechneten noch mit einer WM-Teilnahme. Doch am Dienstag überschlugen sich die Ereignisse – und am Donnerstag spielt die Nati bereits.

von
Adrian Hunziker
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Die Schweizer Nati um Leader Andy Schmid darf erstmals seit 26 Jahren an einer WM mitspielen. 

Die Schweizer Nati um Leader Andy Schmid darf erstmals seit 26 Jahren an einer WM mitspielen.

Foto: Urs Lindt/freshfocus
Die Schweizer treffen in Ägypten auf Österreich, Frankreich und Norwegen. 

Die Schweizer treffen in Ägypten auf Österreich, Frankreich und Norwegen.

Foto: freshfocus
Schmid freut sich riesig und ist bereit für das Abenteuer. 

Schmid freut sich riesig und ist bereit für das Abenteuer.

Foto: Instagram

Darum gehts

  • Die Schweizer Handball-Nati erfuhr am Dienstagabend, dass sie doch an der WM teilnehmen darf.

  • Am Mittwoch mussten alle Spieler zum Corona-Test, die Resultate sollten sie spätestens in der Nacht erhalten.

  • Am Donnerstagmorgen fliegt die Nati per Charter nach Ägypten.

  • Am Abend um 18 Uhr absolviert sie das erste WM-Spiel gegen Österreich.

  • Ex-Nati-Trainer Goran Perkovac schätzt die Schweizer WM-Chancen als gering ein.

Zum ersten Mal seit 1995 darf die Nati an einer Handball-WM teilnehmen. Wie es dazu kam, ist äusserst kompliziert – und überraschend. Unsere Timeline:

Quali knapp verpasst

Die Nati hätte sich beinahe auch sportlich für die WM qualifiziert. Doch weil wegen Corona die Playoffspiele gegen Island abgesagt worden waren, verpasste die Schweiz den Event. Polen und Russland bekamen Wildcards für die WM-Endrunde, die Schweiz ging leer aus. «Das ist sportlich schwer zu akzeptieren, resultatmässig gehören wir dorthin», sagte Nati-Trainer Michael Suter. Er schimpfte deshalb, weil Polen und Russland an der letzten EM hinter der Schweiz klassiert waren und trotzdem den Vorrang bekamen.

Zwei kurzfristige Absagen, Nati ist dabei

Doch dann kam die Wendung. Am Dienstag wurde klar, dass Tschechien wegen 17 positiver Coronafälle nicht an die WM fahren wird – es rückte Nordmazedonien nach. Nur kurze Zeit später wurden 18 positive Fälle im US-amerikanischen Team bekannt – und nun kam die Schweiz zum Handkuss. Gegen 22 Uhr musste der Schweizer Verband dem internationalen Verband IHF bestätigen, dass die Schweizer Delegation anreisen werde. «Wir hatten die WM-Teilnahme bis am Dienstag nicht wirklich auf dem Radar. Wir hatten extra beim IHF nachgefragt und uns wurde berichtet, alle Nationen hätten zugesagt», sagt Kommunikationschef Marco Ellenberger. Doch dann sagte Tschechien um 19 Uhr ab und im Schweizer Verband wusste man, dass es im US-amerikanischen Team grosse Probleme gab. Kurze Zeit später war klar: «Wir fahren an die WM!»

Für Teamleader Schmid ist es «völlig surreal»

Am Dienstagabend war klar, dass die Schweiz an die WM nach Ägypten reisen wird. Ganz unvorbereitet ist das Team von Trainer Michael Suter jedoch nicht, man hatte vom 5. bis 10. Januar ein Trainingslager in einer «Blase» durchgeführt. «Ich habe zu meinem Geburtstag nicht so viele Nachrichten bekommen wie heute Abend. Das ist völlig surreal», sagte Andy Schmid, Nati-Leader und Weltklasse-Spielmacher am späten Dienstagabend dem «Mannheimer Morgen».

Corona-Tests, Isolation – und warten

Das Team absolvierte am Mittwochmorgen gestaffelt den Corona-Test. Die Spieler rückten individuell in Schaffhausen ein und wurden nach den Tests voneinander isoliert. Jeder Spieler bekam ein Einzelzimmer, bis die Testresultate da sind. «Jedes Teammitglied musste wegen der Einreise einen PCR-Test machen. Wir hoffen, dass die Resultate bis Mittwochabend da sind – sonst kommen sie in der Nacht», sagt Ellenberger. Die Spieler trainierten am Mittwoch individuell, ein Mannschaftstraining wird es nicht mehr geben.

Abflug am Donnerstagmorgen, Spiel am Abend

Geplant ist, dass die Nati am Donnerstag gegen 8 Uhr morgens per Charter nach Kairo fliegt. Mit dabei sind alle aufgebotenen Spieler, sofern sie nicht positiv getestet worden sind. Teamleader Schmid freut sich auf das Abenteuer. «Ich weiss, dass es wegen der Corona-Situation Argumente für und gegen die WM gibt. Aber ich muss das machen, ich muss diese WM spielen. Diese Chance habe ich wahrscheinlich nur dieses eine Mal in meinem Leben», sagte der 37-Jährige. Das sahen alle 18 anderen aufgebotenen Spieler auch so, niemand verzichtete wegen Bedenken auf das Abenteuer. Um 18 Uhr beginnt die WM-Partie gegen Österreich.

Und wo logiert die Nati?

«Die Unterkunft ist wohl kein Problem, weil die USA ja ein Hotel gebucht haben. Die US-Amerikaner waren aber noch nicht da, wir sollten wohl ihre Unterkunft bekommen. Lokal machen wir uns keine Sorgen, da ist der Veranstalter in Charge», sagt Ellenberger.

Kurz-Interview mit Ex-Nati-Trainer

«Das wäre ein grosses Wunder»

Goran Perkovac ist aktuell Trainer des HC Kriens-Luzern und coachte von 2008 bis 2013 die Nati.

Wie stehen die Chancen der Nati an der WM?
Die Gruppe (mit Frankreich, Norwegen und Österreich, Red.) ist verdammt schwer, es ist die schwerste Gruppe der WM. Die Chancen, gegen Österreich zu gewinnen, sind reell, die Schweizer haben in letzter Zeit gute Resultate erzielt. Ein Sieg gegen Frankreich und Norwegen, das wird fast unmöglich. Das würde an ein grosses Wunder grenzen.

Was macht die überstürzte Anreise im Kopf der Spieler aus?Die Umstellung im Kopf wird schwierig – und dann spielen sie noch ohne Zuschauer. Aber das ist eine einmalige Chance, sich auf der grossen Bühne zu zeigen. Die Spieler müssen Freude haben, an der WM mitzumachen. Wenn sie nicht konzentriert ans Werk gehen, gibts eine Packung – und das will niemand. Die Freude muss da sein und da sehe ich auch kein Problem, da die Schweiz seit 26 Jahren nicht mehr an der WM war.

Welchen Einfluss hat die Corona-Situation auf die Psyche?Es macht es sicher nicht einfacher. Die Situation ohne Zuschauer macht es schon kompliziert. Aber wir sind schon so lange in dieser Corona-Situation, es gehört zum normalen Tagesablauf dazu, man macht sich nicht mehr viele Gedanken. Das bedeutet im Kopf wohl keine Mehrbelastung.

Sie waren Nati-Trainer von 2008 bis 2013 – was sind die Unterschiede zu heute?Die beiden Teams kann man nicht vergleichen, damals hatten wir fast keine Profis. Das sieht heute anders aus, sie spielen in Deutschland oder bei den Kadetten. Und Michael Suter (der aktuelle Nati-Trainer, Red.) macht das sehr gut. Er legt die Fokussierung auf die Profis – diejenigen, die unbedingt Handball spielen wollen. Das war in meiner Zeit nicht möglich.

Was sagen Sie zum Schweizer Teamleader Andy Schmid?Er ist viermaliger MVP in Deutschland, das ist eine gewaltige Leistung. Er war schon immer ein starker Spieler. Seine beste Qualität: die Spielübersicht. Er bringt seine Mitspieler in gute Situationen, vor allem die Kreisläufer. (hua)

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20 Kommentare
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Fisch 1

14.01.2021, 03:29

Eine Handball Weltmeisterschaft macht aktuell aus meiner Sicht keinen Sinn - das sage ich, obwohl ich Handballfan bin. Aber der Präsident des internationalen Handballverbandes ist Ägypter und die Weltmeisterschaft mit 32 Teams findet in Ägypten statt. Daher ist das keine Überraschung. Mit der ganzen Fliegerei zur WM und Reiserei innerhalb Ägyptens ist das heikel, ja ein unnötiges Risiko!

ex baller

14.01.2021, 01:23

zuerst müssen alle oder die meisten negativ getestet sein sonst gibts keine WM! denke wird schwirig bei den falsch positiven test beim PCR Test, wirds schwirig das alle negativ sind! trotzdem würde ich mich freuen auf die Schweiz!

AndyHR

13.01.2021, 23:56

Fussball EM 1992.. Dänemark das Jokerteam.. der Rest ist Geschichte.. warum nicht auch an der Handball WM? Hopp Schwiiz!