Zu spät reagiert?: So schlecht ist die Corona-Lage in der Schweiz im Europa-Vergleich

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Zu spät reagiert?So schlecht ist die Corona-Lage in der Schweiz im Europa-Vergleich

Seit Anfang Oktober schiesst die Schweiz in Europas Corona-Statistiken nach oben. Bereits verzeichnet die Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Fälle als Spanien.

von
Daniel Waldmeier
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Nach dem Lockdown im Frühjahr hat die Schweiz die Corona-Massnahmen weitgehend gelockert. 

Nach dem Lockdown im Frühjahr hat die Schweiz die Corona-Massnahmen weitgehend gelockert.

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Anders als das für die liberale Strategie gegen das Virus bekannte Schweden erlaubte der Bundesrat auch wieder Grossveranstaltungen. 

Anders als das für die liberale Strategie gegen das Virus bekannte Schweden erlaubte der Bundesrat auch wieder Grossveranstaltungen.

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Für Matthias Egger, ehemaliger Leiter der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, hat die Schweiz den Bogen damit überspannt. 

Für Matthias Egger, ehemaliger Leiter der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, hat die Schweiz den Bogen damit überspannt.

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Darum gehts

  • In der Schweiz kommt die zweite Corona-Welle schneller als in den meisten anderen Ländern in Europa. Inzwischen verzeichnen wir pro Kopf mehr Fälle als Spanien oder Grossbritannien.

  • Epidemiologen erklären dies damit, dass die Massnahmen zu den lockersten überhaupt gehörten.

  • Der oberste Gesundheitsdirektor weist den Vorwurf zurück, zu spät zu reagieren.

«Vor drei Wochen hatten wir eine der besten Situationen von ganz Europa. Heute haben wir eine der schlimmsten», sagte Gesundheitsminister Alain Berset diese Woche. Und er warnte, dass auch auf den Intensivstationen eine Überlastung drohe, könne man das exponentielle Wachstum der Fälle nicht bremsen.

Tatsächlich war die Welt bis Ende September noch in Ordnung: Während man in Madrid oder Grossbritannien bereits wieder über Lockdowns diskutierte, gingen die Fälle hierzulande gar etwas zurück. Drei Wochen später hat die Schweiz Spanien und Grossbritannien bereits überholt und wird auch an Frankreich vorbeiziehen. Die Fälle nehmen so schnell zu wie in Tschechien und Belgien, die derzeit in der EU am stärksten betroffen sind. Die Grafik zeigt die Fälle pro 100’000 Einwohner in 14 Tagen in der Schweiz, ihren Nachbarländern sowie den am stärksten betroffenen EU-Staaten Niederlande, Belgien und Tschechien.

Positivitätsrate explodiert

Der Kontrollverlust der Schweiz zeigt sich auch mit Blick auf die sogenannte Positivitätsrate – sie setzt die positiven Tests ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Tests. Die Rate stieg in der Schweiz von rund 4 Prozent im September auf 15,5 Prozent in Kalenderwoche 42, den letzten verfügbaren Zahlen des European Centre for Disease Prevention and Control. Demnach liegen nur noch die Niederlande und Tschechien vor der Schweiz. Ab einer Positivitätsrate von 5 Prozent wird laut WHO zu wenig getestet, oder die Epidemie ist ausser Kontrolle.

Zu spät reagiert?

Die Schweiz hat im Unterschied zu vielen anderen Ländern – darunter auch Schweden – selbst Grossveranstaltungen wieder erlaubt. Für Epidemiologe Matthias Egger hat die Schweiz die Chance verspielt, die zweite Welle abzuwenden. Leider seien die Corona-Massnahmen Ende Juni auf einen Schlag gelockert worden, ohne dass im Juli, August oder September wieder neue Massnahmen eingeführt worden wären, schreibt er auf Twitter.

Er verweist darauf, dass die wissenschaftliche Taskforce des Bundes schon im Juli Massnahmen forderte, weil die Zahl der Covid-19-Infektionen alarmierend schnell gestiegen sei. «Auf diese Weise wurde die Gelegenheit traurigerweise verpasst, zu verhindern, was im Oktober folgte», sagt Egger.

«Man hätte die Massnahme verbrannt»

Die Politik weist den Vorwurf zurück, zu spät reagiert zu haben. «Wir hatten über den Sommer hinweg eine kontrollierte Situation», sagte Lukas Engelberger, Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz. Die Kurve sei linear und einigermassen flach gewesen. «Als die Fallzahlen an einigen Orten stiegen, haben die betroffenen Kantone Massnahmen ergriffen.»

Der Basler Gesundheitsdirektor ist überzeugt, dass Massnahmen im Sommer in der Bevölkerung nicht auf Akzeptanz gestossen wären: «Hätte der Kanton Uri, der von der ersten Welle kaum betroffen war, im Juli eine Maskentragpflicht in den Läden angeordnet, wäre das nicht verstanden worden. Man hätte die Massnahme einfach verbrannt.»

Die nachfolgende Karte zeigt, welche Länder in Europa derzeit pro Kopf am meisten Infektionen verzeichnen.

Corona-Infos

  • Wie entwickeln sich die Corona-Fälle in der Schweiz und in Europa? Wie siehts in meinem Kanton aus? Den Überblick über die wichtigsten Zahlen gibts hier.

  • Für Rückkehrer aus welchen Staaten und Gebieten gilt eine Quarantänepflicht in der Schweiz? Die aktuelle Quarantäne-Liste gibts hier.

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