Schweizer Nati: So schlecht wie seit 30 Jahren nicht mehr
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Schweizer NatiSo schlecht wie seit 30 Jahren nicht mehr

Die Schweiz ist mit ihrer Spielart kein EM-Kandidat. Will sie das Ziel aber nicht vollends aus den Augen verlieren, muss sie sich gegen Wales steigern.

von
Stefan Wyss

Als die Schweizer Nationalmannschaft am späten Samstagvormittag in Podgorica das Flugzeug bestieg, hatte sie wenigstens diese Gewissheit: Tiefer fallen kann sie nicht mehr. Sie liegt nach der Niederlage gegen die vermeintliche Nummer 5 der Gruppe ohne Punkt am Tabellenende. Die Schweiz ist so schlecht in eine Ausscheidung gestartet wie seit 30 Jahren und den 1:2-Niederlagen gegen Norwegen und England zum Auftakt in die WM-Qualifikation für Spanien 1982 nicht mehr.

Die Schweiz ist in eine Situation geraten, in der sie sich an wenige Strohhalme klammern muss. So glaubt Hitzfeld vor dem Spiel der letzten Chance am Dienstag in Basel gegen Wales noch immer an Platz 2, weil er dafür einen Kampf zwischen der Schweiz, Wales und Bulgarien sieht, «denn Montenegro wird das nicht durchziehen».

Letztlich sind aber alle Spekulationen über die Stärke und Konstanz Montenegros Makulatur, wenn die Schweiz nicht innerhalb von wenigen Tagen in die Spur zurückfindet und gegen Wales die ersten Punkte holt. So wie sich die SFV-Auswahl seit längerer Zeit präsentiert, muss aber bezweifelt werden, dass sie bis zum Ende der EM-Qualifikation überhaupt auf neun Punkte kommt, den aktuellen Stand von Montenegro.

Hitzfeld hatte am späten Freitagabend noch kurz zum Team gesprochen. Er habe mehrmals darauf hingewiesen, dass noch nichts verloren sei, war zu hören. Hitzfeld redete den Auftritt im engen Stadion von Podgorica schön, sah «spielerische Fortschritte und einige Torchancen». Aber auch gegen Montenegro, das erst zum zweiten Mal an einer WM- oder EM-Qualifikation teilnimmt, glückte der Schweiz der Befreiungsschlag nicht.

Dabei ist die Krise der Schweizer keine Momentaufnahme. Der monumentale Fehltritt vor zwei Jahren gegen Luxemburg war im Nachhinein das Produkt eines schwachen Abends und mangelnder Einstellung. Diese Schäden konnte der reich dekorierte Startrainer Hitzfeld rasch beheben. 2010 sind die schlechten Spiele der Schweiz zur Regel geworden.

Absturz mit Ansage

Dass die Leistungskurve diesen negativen Verlauf nehmen würde, zeichnete sich schon in Südafrika ab. Nach dem 0:0 gegen Honduras musste einem bewusst sein, dass die Schweiz in einer EM-Gruppe mit England, Bulgarien, Wales und Montenegro um jeden Punkt, um jedes Tor hart würde ringen müssen.

In der aktuellen Kampagne fehlen sogenannte Punktelieferanten wie zuletzt Moldawien oder Luxemburg. Montenegro (40) und Bulgarien (54) sind im FIFA-Ranking zum Beispiel in der Region von Honduras (52) klassiert. In diese Argumentationskette gehört auch die Auflistung der Mannschaften, gegen welche die Schweiz in den letzten zwölf Monaten ohne Tor blieb: Israel, Norwegen, Costa Rica, Chile, Honduras, Australien und Montenegro. Das sind nicht die Schwergewichte der Branche.

Seit rund einem Jahr und dem 3:0-Pflichtsieg in Luxemburg hat die Schweiz offensiv nie mehr überzeugt. Sie hat in den letzten zwölf Spielen ganze fünf Tore zu Stande gebracht. Der letzte Treffer eines Stürmers liegt noch länger zurück. Alex Frei schoss ihn Anfang September 2009 in Lettland. «Manchmal hat man einen Lauf, dann gehen die Bälle einfach rein. Bei uns ist jetzt das Gegenteil der Fall», so der Captain.

Keine Leidenschaft, kein Feuer

Die Frage steht im Raum, ob das Team und der Trainer genug unternehmen, um das Glück auf ihre Seite zu zwingen. Hitzfeld besetzte nach dem enttäuschenden EM-Start gegen England (1:3) die halbe Mannschaft neu. Teils ungewollt wegen Verletzung (Benaglio) und Sperre (Lichtsteiner), teils aus freien Stücken (Stocker, Shaqiri, Streller für Barnetta, Margairaz, Derdiyok). Das Ergebnis war ernüchternd.

Mangelnden Einsatzwillen konnte der Auswahl zwar nicht vorgeworfen werden, doch zeigt sie keine Leidenschaft, sie entfacht kein Feuer. «Wir sind manchmal zu verbissen. Es fehlt eine gewisse Lockerheit und Schlitzohrigkeit», hatte Frei schon vor dem Spiel erkannt.

Auch die jungen Valentin Stocker und Xherdan Shaqiri, deren Einsatz von Fans und Medien vor der Reise nach Montenegro gefordert wurde, konnten dem Team nicht helfen. Sie mussten erfahren, dass Spiele in einer EM-Qualifikation schwierig sind. Das Niveau in Podgorica war nicht hoch, doch es wurde um jeden Meter gekämpft, die Intensität in solchen Spielen übersteigt nicht selten das Mass einer Partie auf Klubebene, auch in der Champions League. Der Formstand im Verein ist oft nicht ins Nationalteam zu transportieren. Daher griff auch die Massnahme einer Basler Blockbildung (Frei, Streller, Stocker, Shaqiri) nicht.

Vorerst nur kleine Korrekturen

Grossen Spielraum zur Korrektur hat Hitzfeld vorerst nicht. Er kann in den vier Tagen bis zum Spiel gegen Wales taktisch wenig ändern. Er kann zwar wieder auf Tranquillo Barnetta und Eren Derdiyok setzen. Aber das System umkrempeln, und beispielsweise den 'Volkswillen' mit einer Nomination Hakan Yakins als offensiven Mittelfeldspieler befriedigen, bringt in der kurzen Zeit nichts. Das hätte zur Folge, dass die anderen Positionen im Mittelfeld und auf den Abwehrseiten anders interpretiert werden müssten. Die Verunsicherung der Mannschaft würde damit wohl noch grösser.

Für den weiteren Verlauf der EM-Qualifikation wird sich Hitzfeld aber unabhängig vom Ausgang des Spiels gegen Wales einen System-Wechsel überlegen müssen. Mit ihrem klassischen 4-4-2 ist die Schweiz längst an Grenzen gestossen. Die Mannschaft wird sich so immer schwer tun, Tore zu schiessen. Streller, Frei und Derdiyok sind valable Stürmer, wenn sie, wie im Verein, Teil eines funktionierenden Gefüges sind. Sie haben aber nicht die Klasse, eine Partie im Alleingang zu entscheiden. Sie haben nicht die Qualität eines Mirko Vucinic, der einen bescheidenen Auftritt des Kollektivs in einen 1:0-Sieg verwandeln kann. Darum ist Montenegro auf dem Weg in die EM-Barrage und die Schweiz am Nullpunkt angelangt.

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