Graubünden top, GDK Flop – So schneiden die Kantone im Pandemie-Management ab
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Graubünden top, GDK FlopSo schneiden die Kantone im Pandemie-Management ab

Die Denkfabrik Avenir Suisse fasst in einem Bericht zusammen, wie die Schweiz die Corona-Krise bislang gemeistert hat. Fazit: Die Behörden hätten zwar vieles richtig gemacht, sollten aber proaktiver werden und mehr koordinieren. Besonderes Lob erhält eine Randregion.

von
Patrick McEvily
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Bund und Kantone sollten künftig an ihrer Aufgabenteilung in einer Pandemie arbeiten, findet Avenir Suisse.

Bund und Kantone sollten künftig an ihrer Aufgabenteilung in einer Pandemie arbeiten, findet Avenir Suisse.

imago images/Geisser
Die Expertinnen und Experten des Bundes haben analysiert, wie die Schweizer Kantone die Pandemie bislang gemanagt haben.

Die Expertinnen und Experten des Bundes haben analysiert, wie die Schweizer Kantone die Pandemie bislang gemanagt haben.

20min/Simon Glauser
Wenig überraschend bemängeln sie das Impftempo. Hier hätten sich unterschiedliche Geschwindigkeiten bemerkbar gemacht. Nur die wenigsten Kantone hätten sich dabei hervorgetan. 

Wenig überraschend bemängeln sie das Impftempo. Hier hätten sich unterschiedliche Geschwindigkeiten bemerkbar gemacht. Nur die wenigsten Kantone hätten sich dabei hervorgetan.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

Der Think Tank Avenir Suisse hat sich den Leistungsausweis der Behörden während der Corona-Pandemie angeschaut. Dass die Schweiz es bislang durch die Pandemie geschafft hat, ohne dass die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen ist, sei positiv zu werten. Allerdings haben die Expertinnen und Experten auch Kritik anzubringen. Ein Dorn im Auge ist ihnen vor allem die fehlende Koordination zwischen den Kantonen. Nur wenige hätten sich mit besonderem Einsatz hervorgetan und oder sich gegenseitig «best practices» abgeschaut. Insgesamt sei so «ein Bild des Zögerns und Zauderns» der Verantwortlichen entstanden.

Verständnis zeigen die Verfasserinnen und Verfasser der Studie dafür, dass die Entscheidungsträger in den letzten knapp zwei Jahren oft unter grossem Zeitdruck arbeiten mussten. Schon oft hätten sie denken können, die Pandemie sei zu Ende, nur um dann mit neuen Entwicklungen konfrontiert zu werden. Insgesamt habe sich gezeigt, dass die Schweiz sich wohl zu sehr in Sicherheit gewähnt habe. In mehreren zentralen Bereichen der Pandemiebekämpfung wie dem flächendeckenden Testen und Contact Tracing sowie der Impfkampagne hätten sich Schwächen im föderalen System gezeigt.

Lob für Bündner, Tessiner und Zuger

Die Autorinnen und Autoren von Avenir Suisse halten fest, dass die Kantone beim Impftempo im laufenden Jahr sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten an den Tag legten. Die aktuellen Diskussionen rund um den Booster würden hier die früheren Entwicklungen spiegeln. Auch der Informationsarbeit rund um die Impfung stellen sie kein gutes Zeugnis aus: Diese sei vernachlässigt worden. Sehr mager sei die Bilanz zudem beim Contact Tracing. Auch beim Testen seien grosse kantonale Unterschiede festzustellen. Grundsätzlich lasse sich jedoch sagen: Wer mehr getestet habe, sei besser durch die Pandemie gekommen.

Wirklich funktioniert habe dies eigentlich nur im Kanton Graubünden. Der Bergkanton sei den Entwicklungen stets voraus gewesen und habe im kantonalen Vergleich «überdurchschnittlich» abgeschlossen. Auch die Härtefallgelder sowie die Impfkampagne seien gut gemanagt worden. Dass die Entscheidungsträger in Chur schon früh auf das repetitive Testen an Schulen und in Betrieben sowie ein breitflächiges Monitoring setzten, habe sich ausgezahlt. Als möglichen Grund für das gute Abschneiden des Tourismuskantons nennen die Autorinnen und Autoren die Erfahrungen des Kantons mit dem WEF oder Naturkatastrophen wie dem Bergsturz in Bondo 2017.

Auch der Kanton Tessin erhält Lob für seine Bemühungen. Vor allem das Management der Intensivbetten während der Frühphase der Pandemie, die den Kanton härter traf als andere Landesregionen, sei positiv zu bewerten. Auch beim Impfen sei der Südkanton im Vergleich spitze gewesen. Die Nähe zu Italien habe im Tessin wohl zu einem höheren Bewusstsein für die Gefahren der Pandemie als anderswo geführt.

Auch ein Innerschweizer Kanton erhält Lob für sein Pandemie-Management: In Zug sei vor allem das Contact Tracing hervorzuheben, so die Autorinnen und Autoren.

Klare Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen gefordert

Bei den Härtefallgeldern habe die behördliche Grosszügigkeit Sinn gemacht. Allerdings bemängeln die Wirtschaftsfachleute, dass ein Grossteil der gesprochenen Gelder nicht an Bedingungen geknüpft und à fonds perdu ausbezahlt worden seien. Ausserdem seien vielerorts die Kapazitäten auf den Intensivstationen ungenügend. Es sei zwar in den meisten Spitälern zu keinem «Verdrängungseffekt» gekommen, wonach Eingriffe aufgrund zu vieler Corona-Patienten und -Patientinnen verschoben werden mussten. In einigen Kantonen habe jedoch während der zweiten Pandemiewelle im vergangenen Herbst kurzfristig eine «stille» Triage stattgefunden.

Der viel kritisierte Schweizer Föderalismus kommt in der Studie nicht ganz so schlecht weg, wie man aufgrund der teils heftig geführten Diskussionen in den vergangenen Monaten hätte erwarten können. Allerdings wollen die Autoren und Autorinnen, dass dieser entflochten wird: Die Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen soll besser geklärt werden. Dabei verkneifen sich die Autorinnen und Autoren einen Seitenhieb an die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) nicht, die sie explizit nennen. In Bereichen wie dem Contact Tracing mache es wohl Sinn, dass der Bund mehr Verantwortung übernehme. Darüber hinaus ruft Avenir Suisse die Kantone dazu auf, ihre Kapazitäten zu stärken. Mehrere Regierungen seien schon vorbildhaft vorausgegangen und hätten eine externe Aufarbeitung ihres bisherigen Pandemie-Managements angekündigt.

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