30.01.2017 14:35

7 Fragen, 7 AntwortenSo schöpfen die Banken Geld aus dem Nichts

Nicht nur die Nationalbank, auch jede Geschäftsbank schafft Geld aus dem Nichts. Die Vollgeld-Initiative heizt die Diskussion darüber an. Die wichtigsten Antworten.

von
Isabel Strassheim

Professor Mathias Binswanger erklärt im Video die Geldschöpfung (Quelle: Mathias Binswanger).

Eine besondere Funktion der Banken gerät in den Fokus – die Geldschöpfung. Denn die Vollgeld-Initiative fordert, dass Geschäftsbanken wie UBS, CS oder Raiffeisen nicht mehr selbst Geld schaffen dürfen. Wie tun sie das überhaupt? Die wichtigsten Antworten.

Kommt das Geld nicht allein von der Notenbank?

Nur die Scheine und Münzen. Über 90 Prozent unseres Geldes existiert jedoch nicht als Bargeld, sondern nur als Zahl oder Buchgeld, das den Stand unseres Bankkontos anzeigt. Und dieses kommt von den Geschäftsbanken.

Wie können die Geschäftsbanken Geld schöpfen?

«Ganz einfach: Bei der Vergabe eines neuen Kredits gibt die Bank typischerweise kein physisches Geld in Form von Banknoten aus», erklärt die Schweizerische Nationalbank auf ihrer Bildungs-Website Iconomix. Die Bank schreibe dem Kreditnehmer den Kreditbetrag auf seinem Bankkonto ganz einfach in Form von Buchgeld gut: «In diesem Moment wird neues Geld geschaffen», so die SNB. Der Kredit geht dann in den gesamten Geldkreislauf ein, denn er wird ja für eine bestimmte Anschaffung ausgegeben.

Sind Banken nicht nur Vermittler und geben das Geld von Sparern als Kredit an Dritte weiter?

Diese Theorie ist zwar unter Ökonomen weitverbreitet, sie ist laut SNB aber «falsch – oder zumindest unvollständig». Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger erklärt: «Die Geschäftsbanken sind zunächst völlig frei bei der Geldschöpfung.» Es brauche keine Spargelder, die die Bank als Kredit weiterreichen könne. Der Autor des Buches «Geld aus dem Nichts» erläutert weiter, auch die Mindestreserve begrenze die Geldschöpfung nur bedingt: «Nur jeweils einmal im Monat müssen die Banken schauen, ob sie die Mindestreserve-Vorschrift von 2,5 Prozent auf sämtliche der Sichtguthaben ihrer Kunden erfüllen.» Falls dies nicht der Fall sein sollte, können sie sich bei der Zentralbank weitere Reserven beschaffen.

Verdienen die Banken am Kreditzins ihres aus dem Nichts geschöpften Geldes?

«Es ist eine schöne Möglichkeit, Geld zu verdienen», sagt Binswanger. Aber: Die Kreditvergabe sei für die Banken auch mit Kosten verbunden. Sie müssen die Kreditwürdigkeit klären und haben eine Reihe von administrativen Ausgaben.

Ist die Rolle der Geschäftsbanken bei der Geldschöpfung überhaupt klar?

Erst nach der Finanzkrise 2008 ging ein Ruck durch die Wirtschaftswissenschaften. Ökonomen des IWF nahmen das Geldsystem neu unter die Lupe und veröffentlichten Studien mit dem Titel «Die Wahrheit über Banken» IWF. Auch die SNB weist wie andere Nationalbanken inzwischen darauf hin, dass die Rolle der Banken in den meisten Lehrbüchern wie auch in den bis 2008 gebräuchlichen Standardmodellen der Konjunkturforschung falsch dargestellt wurde.

Birgt die Banken-Geldschöpfung Risiken?

Die weitgehend unbegrenzte Geldschöpfung durch die Banken könne gefährlich werden, so der Internationale Währungsfonds (IWF). Denn die Geldvermehrung könne zu Wirtschaftsblasen und -krisen führen. Manuel Ammann von der Universität St. Gallen weist jedoch darauf hin, dass Geschäftsbanken nicht unendlich Geld schöpfen können. «Das geht nicht ad infinitum, denn verschiedene Mechanismen wirken limitierend.» Etwa könnten die Eigenkapitalvorschriften dem einen Riegel vorschieben: «Die Banken können ihre Bilanz durch Kredite nicht über die Massen aufblähen.»

Wieso will die Vollgeld-Initiative die Geldschöpfung durch die Banken abschaffen?

Die Initiative will, dass die SNB die volle Kontrolle über die Geldmenge hat und nicht nur das Bargeld, sondern auch das elektronische Buchgeld herstellt. «Dadurch werden Immobilienblasen oder Finanzkrisen verhindert», sagt Kampagnensprecher Raffael Wüthrich. Und das Geld auf den Bankkonten wäre genauso sicher wie im Tresor, auch in einer Bankenkrise. «Das bedeutet, die Steuerzahler müssen nie mehr Banken retten.»

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Der Bundesrat warnt auch vor den Risiken, wenn die Schweiz im Alleingang eine weitgehend unerprobte Umgestaltung des Geld- und Währungssystems wagen würde. Es sei mit Verwerfungen im Finanzsektor und negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen zu rechnen: Ueli Maurer (r.) und Serge Gaillard, der Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, zur Vollgeld-Initiative in Bern.

Der Bundesrat warnt auch vor den Risiken, wenn die Schweiz im Alleingang eine weitgehend unerprobte Umgestaltung des Geld- und Währungssystems wagen würde. Es sei mit Verwerfungen im Finanzsektor und negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen zu rechnen: Ueli Maurer (r.) und Serge Gaillard, der Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, zur Vollgeld-Initiative in Bern.

Keystone/Anthony Anex
Unser Geld beziehen wir meistens aus dem Bancomaten. Doch wer schöpft es?

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Keystone/Christian Beutler
Der UBS-Hauptsitz am Zürcher Paradplatz glänzt bald wieder weihnachtlich. Die Grossbank schöpft genauso wie andere Geschäftsbanken Geld aus dem Nichts.

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Keystone/Anthony Anex

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