Aktualisiert 23.01.2015 14:26

Grosse Veränderungen

So sehen die Jobs der Zukunft aus

Zunehmend erledigen Maschinen die Aufgaben von Menschen. Welche Jobs gehen und welche kommen, verrät Futurist Gerd Leonhard.

von
Santina Russo
Die Arbeitswelt wird eine andere sein.

Die Arbeitswelt wird eine andere sein.

Herr Leonhard, welche Jobs gibt es in zehn Jahren nicht mehr?

Vor allem Berufe mit sich wiederholenden Arbeitsschritten werden dramatisch abnehmen: Kassierer beispielsweise werden durch Self-Checkouts ersetzt, Busfahrerinnen und Müllmänner durch selbststeuernde Fahrzeuge und Maschinen. Verschwinden werden zudem Jobs, in denen es immer um klare Fakten geht, wie etwa einfache Buchhaltung. Auch viele Aufgaben eines Kundendienst-Mitarbeiters oder eines Anwalts kann schon bald eine künstliche Intelligenz mit Spracherkennung erledigen – und zwar schneller und günstiger als ein Mensch.

Was können Menschen denn überhaupt noch besser als Maschinen?

Unersetzbar ist der Mensch überall dort, wo es darum geht, zwischen den Zeilen zu lesen, etwas einzuschätzen, zu verhandeln oder subtile Fragen zu stellen. Also Tätigkeiten, bei denen Einfallsreichtum und emotionale Intelligenz wichtig sind. Deshalb wird es immer Therapeuten oder Köche geben. In Zukunft entstehen aber auch ganz neuartige Berufe.

Was raten Sie jungen Leuten, die heute vor der Berufswahl stehen?

Sichere Werte sind Berufe, die mit Technologie zu tun haben und solche, bei denen soziale und kreative Fähigkeiten wichtig sind. Meine eigenen Kinder ermutige ich aber, keinen bestehenden Beruf zu ergreifen, sondern ihren eigenen Job zu erfinden.

Wie sich Zukunftsforscher solche Jobs vorstellen, zeigen folgende Beispiele:

Fortpflanzungs-Ethiker

Sex – die gute alte Art, Kinder zu zeugen wird sicherlich nicht aussterben. Doch zunehmend werden die Methoden der Fortpflanzungs-Medizin vielfältiger: Von In-vitro-Befruchtung über das Einfrieren von Eizellen und Leihmutterschaft bis zum genetischen Design.

Mit diesen neuen Möglichkeiten sind viele ethische Fragen verbunden. Wo sollten die Menschen den technologischen Möglichkeiten Grenzen setzen? Was ist erlaubt, was nicht? Hilfe bieten hier Fortpflanzungs-Ethiker, die nicht nur auf die Technologien, sondern auch auf die ethischen Belange spezialisiert sind. Sie stehen der Gesellschaft, aber auch einzelnen Menschen mit Kinderwunsch beratend zur Seite.

Offline-Therapeut

Wie alle Dinge, die man im Übermass macht oder konsumiert, kann auch ein Zuviel an Push-Nachrichten, Social-Media und Vernetzung schaden. Das Verführerische am ständigen Online-Sein: Jedes Like führt zu einer Ausschüttung von Glückshormonen.

Deshalb wird die ständige Erreichbarkeit und das Nichts-verpassen-wollen schon heute für viele zur Sucht. Künftig wird sich das Problem verschärfen. Hilfe bieten dann spezialisierte Offline-Therapeuten, welche Betroffenen zeigen, wie sie eine Balance zwischen Online- und Offline-Leben finden.

Daten-Architekt

Bereits heute steigt die Menge an gesammelten Daten rasant an. In Zukunft aber wird sie regelrecht explodieren: Daten von Millionen von Geräten, Menschen und Unternehmen werden immer schneller generiert.

Gefragt sind deshalb Daten-Architekten, die neue Wege finden, aus der Masse von Zahlen einen Sinn herauszufiltern. Sie strukturieren die Daten und knüpfen neue Verbindungen. Und sie entwickeln Mittel, um Zusammenhänge und Erkenntnisse auf neue Arten sichtbar zu machen.

Digitaler Gesundheits-Manager

Schon bald werden Sensoren in Kleidern und Accessoires Daten sammeln und dabei helfen, die Gesundheit des Menschen zu überwachen: Blutwerte, Stresslevel, Intensität der körperlichen Bewegung und vieles mehr. Dazu kommen genetische Informationen.

Aufgrund dieser Daten werden diverse Behandlungsentscheide wohl nicht mehr von einem ausgebildeten Mediziner gefällt werden müssen. Das Wissen einer weniger qualifizierten Person – von einer Art digitalem Gesundheits-Manager – kann dann oft reichen, um einfache Diagnosen zu stellen oder Medikamente zu verschreiben. Dadurch wird ein grosser Teil der heutigen Arbeitszeit der Hausärzte frei. Dafür verschieben sich deren Aufgaben in die menschlichen Bereiche: Sie können sich mehr auf die Gespräche mit ihren Patienten und auf deren psychisches Wohlbefinden konzentrieren.

Welchen Jobs gehört Ihrer Meinung nach die Zukunft? Verraten Sie es uns in den Talkbacks.

Jobs vergehen, Jobs entstehen

Schon zu früheren Zeiten hat der technologische Fortschritt Berufe zum Aussterben gebracht. Bestes Beispiel: Die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert. Damals ermöglichte die Erfindung der Dampfmaschine, viele Prozesse bei der Fertigung von Produkten zu automatisieren. Dadurch verschwanden viele – zuvor sehr wichtige – handwerkliche Berufe wie etwa Radmacher oder Fassbinder. Andere Berufsleute wie Schneider benötigte man nur noch in geringerer Zahl. Dafür entstanden neue Aufgaben, beispielsweise für Ingenieure und in der Verwaltung.

Gerd Leonhard ist Zukunftsberater und CEO der Firma «The Futures Agency», die Unternehmen aufzeigt, wie sie sich für die Zukunft rüsten können.

«Wissen»

in 20 Minuten wird unterstützt durch die GEBERT RÜF STIFTUNG und die Stiftung Mercator Schweiz.

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