Aktualisiert 16.10.2019 14:21

Politik im FussballSo sehen Türken in der Schweiz den Militärgruss

Übers Salutieren der türkischen Nationalmannschaft wird auch hierzulande rege diskutiert. Einige Türken vermuten Zwang hinter der Geste, andere freuen sich darüber.

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juu/tha/rol
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Salutieren erneut: Die türkischen Nationalspieler stellen sich nach dem Tor zum 1:1 gegen Frankreich an der Eckfahne auf, um die Soldaten in Syrien zu unterstützen.

Salutieren erneut: Die türkischen Nationalspieler stellen sich nach dem Tor zum 1:1 gegen Frankreich an der Eckfahne auf, um die Soldaten in Syrien zu unterstützen.

Reuters/Benoit Tessier
Nach dem Spiel wiederholen sie die Geste, die sie schon beim Heimspiel gegen Albanien gezeigt hatten, vor den mitgereisten Fans. Nur der Held des Abends nicht: Torschütze Kaan Ayhan. Der Spieler mit der Nummer 22 drehte sich ab.

Nach dem Spiel wiederholen sie die Geste, die sie schon beim Heimspiel gegen Albanien gezeigt hatten, vor den mitgereisten Fans. Nur der Held des Abends nicht: Torschütze Kaan Ayhan. Der Spieler mit der Nummer 22 drehte sich ab.

Reuters/Charles Platiau
Ayhan ist in Deutschland aufgewachsen und spielt bei Fortuna Düsseldorf. Auch sein Teamkollege Kenan Karaman verzichtete auf die Geste.

Ayhan ist in Deutschland aufgewachsen und spielt bei Fortuna Düsseldorf. Auch sein Teamkollege Kenan Karaman verzichtete auf die Geste.

Reuters/Benoit Tessier

Um Solidarität gegenüber den türkischen Truppen zu zeigen, die eine militärische Operation in Kurdengebieten in Syrien durchführen, salutierten mehrere Spieler der türkischen Nationalmannschaft am Montagabend während des Matchs gegen Frankreich. Bereits beim Spiel gegen Albanien erhoben sie die Hand zur Geste. Nun wurden die Spieler international für ihr Verhalten kritisiert. Einige fordern gar den Ausschluss der Türkei aus der EM-Quali – eine entsprechende Forderung an die Uefa wurde bereits gestellt.

Auch in der Schweiz lebende Türken stehen dem militärischen Gruss mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die Zürcher Verkäuferin G. T.* sagt etwa: «Ich fand es lieb gemeint, dass die Spieler salutiert haben. Wenn sie deswegen ausgeschlossen werden würden, fände ich das sehr schade.» Die 36-Jährige unterstützt die militärische Offensive in Syrien. «Als die Syrer in unser Land kamen, haben sie es zerstört. Nun machen wir dasselbe und mein Mitleid hält sich in Grenzen», so T.

Ähnlich sieht es auch der 18-jährige Onur Ilhan aus Dietikon: «Ich finde es gut, dass die Spieler salutiert haben. Die Welt soll sehen, dass sie sich für ihr Land einsetzen und die Soldaten unterstützen.» Laut ihm ist die Offensive Erdogans eine Kampfansage gegen «Terrorismus und die Kurdische Arbeiterpartei PKK». «Die Geste ist ein positives Zeichen, aber die Medien machen daraus etwas Negatives», findet der Detailhandel-Lehrling. In seinen Augen sei es daher falsch, wenn man die Türkei von der EM ausschliessen würde. Eine Geldstrafe sei aber angemessen. Dennoch glaubt der 18-Jährige: «Die Spieler werden trotzdem in den folgenden Matches weiter salutieren.»

«Ein Ausschluss wäre noch fast zu milde»

Vor allem die Kurden verurteilen die Ereignisse auf dem Spielfeld scharf: «Das ist total unangebracht. Politik gehört zu den Politikern ins Parlament und nicht auf den Sportplatz», sagt etwa der Unternehmer C. Y.* Der 36-Jährige hofft, dass das Verhalten der Nati-Spieler eine Strafe nach sich zieht. «Aus meiner Sicht ist ein Ausschluss fast noch zu milde», so Y. Zudem frage er sich, was die türkische Nationalmannschaft überhaupt an einer Europameisterschaft zu suchen habe.

«An dem Angriff nach Syrien gibt es überhaupt nichts Lobenswertes. Stattdessen sterben unzählige Unschuldige», sagt ein Mann, der anonym bleiben möchte. Er vermutet, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan mit der Militäraktion verlorene Wählerstimmen zurückholen will. Aufgrund der aktuellen politischen Lage in der Türkei findet er, dass die Spieler nicht bestraft werden sollten: «Erdogan hat sehr viel Macht. Würden die Fussballer das Salutieren verweigern, würde er ihnen das Spielen verbieten.»

«Heimat, Ausland, Klubs: Die Spieler stehen von allen Seiten unter Druck»

Herr Ramm*, der wiederholte Militärgruss der türkischen Fussballer stösst auf heftige Kritik. Wie schätzen Sie die Geste ein?

Ich halte es generell für problematisch, wenn Nationalismus auf den Sport übergreift und aktiv zur Schau gestellt wird – er hat dort nichts zu suchen. Die politische Geste der Spieler gründet auf der aufgeheizten Stimmung in der Türkei: Ich sehe den Militärgruss aber nicht nicht in jedem Fall als Kriegspropaganda, sondern eher als Loyalitätsbekundung.

Sie haben Verständnis für das Verhalten der Spieler?

Zumindest lässt es sich erklären. Die Spieler stehen von mehreren Seiten unter Druck. Die Türkei steht isoliert da, diverse Länder verurteilen den Militäreinsatz in Nordsyrien. Der Grossteil der türkischen Bevölkerung steht jedoch dahinter, und der Nationalismus vereint sie. Das fördert eine imaginäre kollektive Identität, daraus ergibt sich eine «Wir gegen alle»-Haltung. Dazu kommt wohl ein Gruppendruck innerhalb der Mannschaft, sich öffentlich für das Vorgehen des Heimatlands stark zu machen.

Und dazu kommt der Druck aus der Heimat. Wurden die Spieler auch von der Regierung angehalten, sich öffentlich zu bekunden?

Das glaube ich nicht. Aber es ist ein massiver gesellschaftlicher und sozialer Druck, der auf die Spieler einwirkt. Die Bevölkerung erwartet von ihnen, dass sie sich einreihen und den Militäreinsatz unterstützen. Dazu muss man wissen, dass das Militär in der Türkei höchst angesehen ist – es ist jene Institution, der ein Grossteil der Bevölkerung am meisten vertraut.

Druck kommt auch von den Arbeitgebern der Spieler. Cenk Sahin wurde vom FC St.Pauli ausgeschlossen, die Düsseldorfer Spieler Kaan Ayhan und Kenan Karaman verweigerten beim Spiel gegen Frankreich den Militärgruss …

Das macht die Situation noch komplizierter für die Spieler. Sie wollen sich weder gegen ihre Geldgeber noch ihre Heimatbevölkerung stellen. Ich denke, viele wollen sich gar nicht politisch positionieren, sondern am liebsten einfach Fussball spielen.

Was hat die öffentliche Bekundung der Fussballstars für Folgen?

Wenn sich Aushängeschilder der beliebten Sportart so exponieren, fühlen sich die Anhänger des Militäreinsatzes noch mehr bestärkt. Die Konsequenz für die Gegner ist, dass sie kaum mehr gehört werden im Land – und sich nicht mehr an die Öffentlichkeit wagen. Einigen Oppositionellen, die ihre Stimmen gegen den Militäreinsatz erhoben haben, drohen in der Türkei bereits Strafen.

Christoph Ramm ist Türkei-Experte und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamwissenschaft der Universität Bern.

Wann sanktioniert die Uefa?

Die Uefa hat aufgrund der Vorfälle ein Verfahren gegen den türkischen Fussballverband eingeleitet. Die zuständige Kammer der Uefa soll am Donnerstag tagen. Es ist allerdings unklar, ob bereits dann allfällige Sanktionen gefällt werden. Offen bleibt auch, ob der gesamte Verband oder einzelne Spieler bestraft werden. Klar ist, die Uefa verbietet politische Äusserungen und Gesten auf dem Spielfeld. Bei solchen Fällen hat sie in Vergangenheit hart durchgegriffen.

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