Nach Unfall in Stresa - So sicher sind Schweizer Seilbahnen
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Nach Unfall in StresaSo sicher sind Schweizer Seilbahnen

Am Sonntag kamen bei einem Seilbahnunfall im italienischen Stresa 14 Menschen ums Leben. Daten des Bundes zeigen nun, dass menschliches Fehlverhalten zu Unfällen bei Schweizer Seilbahnen führt.

von
Reto Heimann

Darum gehts

  • Das Bundesamt für Verkehr führt eine Statistik, in der auch Unfälle an Schweizer Seilbahnen dokumentiert werden.

  • In den letzten zehn Jahren gab es 272 Verletzte und 14 Tote.

  • Der Chef der Schweizer Seilbahnen legt die Hand ins Feuer für seine Anlagen.

Am vergangenen Sonntag stürzte in Stresa am Lago Maggiore eine Seilbahn ab und riss 14 Menschen mit in den Tod. Nur ein fünfjähriger Junge überlebte – schwer verletzt und schwer traumatisiert. Nach derzeitigen Erkenntnissen führten zwei Sachen zum Absturz: Erstens riss aus noch ungeklärten Gründen das Zugseil. Zweitens manipulierten die Techniker der Seilbahn die Anlage offenbar so, dass die für einen solch schweren Zwischenfall vorgesehenen Fangbremsen den Dienst versagten.

Wie sicher sind Schweizer Seilbahnen? Die Zeitungen von Tamedia sind an bisher unveröffentlichte Daten zu Zwischenfällen bei Schweizer Seilbahnen gelangt. Die Betreiber sind verpflichtet, Unfälle und Störungen dem Bundesamt für Verkehr (BAV) zu melden. Dieses erstellt daraus dann die Nationale Ereignisdatenbank.

Hauptfehlerquelle Mensch

In den letzten zehn Jahren meldeten die Seilbahn-Betreiber 666 Ereignisse. In 118 Fällen handelte es sich dabei um Zwischenfälle, die von der Natur – zum Beispiel durch Wind oder Sturm – verursacht worden waren. In weiteren 187 Fällen versagte die Technik: Dabei spielten auch defekte Seile oder Bremsen eine Rolle.

Der Hauptgrund für Unfälle bei Schweizer Bergbahnen ist aber der Mensch. 174 Mal war in den letzten zehn Jahren der Fehler bei den Reisenden zu suchen, in 143 Fällen war das Bahnpersonal, in 37 Fällen Drittpersonen schuld wie zum Beispiel Gleitschirmpiloten, die mit der Seilbahn-Anlage kollidierten.

Unfälle nehmen zu

Aber wie viele Menschen werden bei solchen Zwischenfällen verletzt? Auch darüber gibt die Statistik des BAV Auskunft. In den letzten zehn Jahren wurden 272 Verletzungen rapportiert, wobei sich 181 Menschen leicht und 77 schwer verletzten. Die meisten Verletzungen haben ihren Ursprung in menschlichem Fehlverhalten. Häufig geschehen sie dann, wenn Gäste und Angestellte nicht richtig ein- oder aussteigen und stürzen.

Insgesamt 14 Menschen starben in den letzten zehn Jahren bei Schweizer Seilbahnen – zuletzt 2020, als am Fronalpstock ein Sessel zu Boden stürzte. ««Sessel von Seil gerissen nach Kollision mit Windenseil von Pistenmaschine», heisst es dazu in der BAV-Statistik. In der Statistik werden auch Todesfälle erfasst, die mit der Seilbahn an sich nicht viel zu tun haben. So starb 2010 ein Mann in einer Seilbahn – wegen eines medizinischen Problems.

«So etwas kann in der Schweiz nicht passieren»

Das BAV schreibt im Sicherheitsbericht 2021, dass Unfälle im schweizerischen Verkehr 2020 zurückgingen – mit Ausnahme der Seilbahnen. Dort sei «ein Anstieg der Unfälle aufgrund der Bedienfehler des Personals verzeichnet worden, der aber im Bereich der statistischen Schwankungsbreite liegt.» Zur Einordnung: Die insgesamt 272 Verletzten und 14 Toten kamen auf 330 Millionen zurückgelegte Personenkilometer. Die Gefahr, in einer Gondel verletzt zu werden oder gar zu sterben, ist also äusserst gering.

Das sieht auch Berno Stoffel, Direktor von Seilbahnen Schweiz so. Unfälle wie derjenige in Stresa beunruhige und verunsichere die Menschen. Aber: « Ich lege meine Hand ins Feuer, dass so etwas bei uns nicht passieren kann», so Stoffel.

Weitere spannende Facts zu Sicherheit auf Schweizer Seilbahnen findest du in der Bildstrecke.

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Immer wieder entsteht an Schweizer Seilbahnen auch Sachschaden.

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So kostete ein Motorenschaden bei der Standseilbahn in Siders VS 2011 eine halbe Million Franken. Im Bild: Gondeln der Niederhorn-Seilbahn vor Eiger, Mönch und Jungfrau.

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Insgesamt ist der Schaden von Seilbahnen mit 4,3 Millionen Franken in den letzten zehn Jahren bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden aber gering.

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