Kriminalität: So sind sie also, die Finanzgauner
Aktualisiert

KriminalitätSo sind sie also, die Finanzgauner

Ein typischer Wirtschaftsdelinquent ist männlich, 36- bis 45-jährig und seit mehr als 10 Jahren in der gleichen Firma tätig. Das trifft zumindest teilweise auch auf die grossen Fische zu.

von
sas/sda
Prototyp des Wirtschaftsverbrechers: Heinrich Kieber (links) und Hervé Falciani

Prototyp des Wirtschaftsverbrechers: Heinrich Kieber (links) und Hervé Falciani

Er war einer der grossen seines Fachs: der Datendieb Hervé Falciani. Der Franzose, der als Informatiker bei der britischen Bank HSBC in Genf arbeitete, hatte Kundendaten gestohlen und sie vermutlich gegen Millionenbeträge den Steuerbehörden angeboten.

Mit seinem Vergehen passt der heute 38-jährige Falciani genau ins Profil des typischen Wirtschaftsbetrügers. Laut einer internationalen Studie des Beratungsunternehmens KPMG ist der durchschnittliche Wirtschaftsdelinquent 36 bis 45 Jahre alt und männlich.

Um ein Durchschnittsprofil eines Wirtschaftsbetrügers zu ermitteln, liess KPMG in 69 Ländern 348 Fälle von Wirtschaftsbetrug untersuchen. Neben den Täterangaben beleuchtete KPMG auch die Motive. Bei Hervé Falciani war es angeblich der Kampf für Steuergerechtigkeit. Der Informatiker sah sich als selbstloser, moderner Robin Hood – und nicht als Datendieb.

Täter sind stark extrovertiert

Laut der KPMG-Studie werden die meisten Betrugsdelikte von Männern begangen, die in einer Finanzfunktion oder im finanznahen Bereich tätig sind. Wer wirtschaftskriminelle Handlungen begehe, sei stark karriere- und erfolgsorientiert, entscheidungsfreudig und sozial hervorragend in das Unternehmen eingebettet, sagte Alexander Schuchter, Mitautor der Studie. Überdies sei der typische Betrüger extrovertiert.

Letzteres trifft auf einen weiteren bekannten Datendieb zu, den Liechtensteiner Heinrich Kieber. «Er hat die Gabe, extrem schnell und extrem viel zu reden.», sagt ein Bekannter über den Ex-LGT-Angestellten im Dokumentarfilm «Heinrich Kieber Datendieb». 2008 wurde Kieber plötzlich weltbekannt, als er als Informant des deutschen Nachrichtendienst identifiziert wurde. Mit seinem Datendiebstahl und dem Verkauf an die deutschen Behörden hatte Kieber den Ruf der Steueroase Liechtenstein zerstört und die Affäre um den damaligen Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel losgetreten.

Mehr kriminelle Chefs

Anders als im Fall Kieber, der ein Angestellter der unteren Ebene war und eigentlich den Auftrag hatte, Daten zu digitalisieren, wandern wirtschaftskriminelle Handlungen in der Unternehmenshierarchie immer weiter nach oben. Der Täteranteil in der obersten Führungsebene hat laut Anne van Heerden von KPMG seit 2007 deutlich zugenommen. Gemäss Studie wird über ein Drittel aller Betrugsdelikte von Angestellten begangen, die seit mehr als 10 Jahren im Unternehmen arbeiten. Erklärbar sei dies mit dem steigenden Vertrauen, der Zunahme des Handlungsspielraums, aber auch mit nachlässigen Kontrollen.

Laut der KPMG-Studie sind Betrugsfälle grundsätzlich in jedem Unternehmen möglich. Besonders gefährdet seien Firmen, in denen mit grossen Geldbeträgen gearbeitet werde. Zwar haben weder Falciani noch Kieber direkt mit Geld gearbeitet, hingegen mit Daten von reichen Kunden. Diese liessen sich dank kooperativer Steuerbehörden in grosse Geldbeträge verwandeln.

KPMG-Forensiker Anne van Heerden über die Gründe für Wirtschaftsdelikte

Wirtschaftsdelikte in der Schweiz

In der Schweiz waren im vergangenen Jahr 52 Unternehmen Opfer von Wirtschaftskriminalität. Durch betrügerische Aktivitäten ihrer Mitarbeiter wurden die betroffenen Firmen um 365 Millionen Franken geprellt. Die aufgedeckten Wirtschaftsdelikte sind laut KPMG nur die Spitze des Eisbergs. Viele betroffene Firmen seien vor allem daran interessiert, ihr Geld zurückzubekommen. Durch Vereinbarungen mit kriminellen Mitarbeitern werde in solchen Fällen das Problem möglichst kostengünstig und diskret erledigt.

Warnsignale

Die KPMG sieht mögliche Warnsignale, die auf einen Betrug hindeuten könnten:

Verweigerung von Ferien

Auffällige Verhaltensänderungen

Aussergewöhnliche Grosszügigkeit

Spezielles Interesse für spezifische Unternehmensabläufe

Spielsucht

Exzessiver Lebensstil

Fehlende Dokumente

Deine Meinung