Gut, gefährlich oder Humbug?: So sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel
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Gut, gefährlich oder Humbug?So sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel

Vitamine, Ballaststoffe, Spurenelemente – in Zeiten von Corona boomen sie wie noch nie. Den Herstellern bescheren sie Milliardenumsätze. Doch wie gut sind sie für die, die sie einnehmen?

von
Fee Anabelle Riebeling
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In der Absicht, das Immunsystem zu stärken, greifen viele Personen zu Nahrungsergänzungsmitteln. Aus Expertinnen- und Expertensicht ist das in der Regel aber gar nicht nötig.

In der Absicht, das Immunsystem zu stärken, greifen viele Personen zu Nahrungsergänzungsmitteln. Aus Expertinnen- und Expertensicht ist das in der Regel aber gar nicht nötig.

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«Eine gesunde, erwachsene Person, die sich abwechslungsreich und ausgewogen ernährt und die Empfehlungen der Schweizerischen Nahrungsmittelpyramide beachtet, benötigt in der Regel keine Nahrungsergänzungsmittel», sagt Eva van Beek, Sprecherin beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.

«Eine gesunde, erwachsene Person, die sich abwechslungsreich und ausgewogen ernährt und die Empfehlungen der Schweizerischen Nahrungsmittelpyramide beachtet, benötigt in der Regel keine Nahrungsergänzungsmittel», sagt Eva van Beek, Sprecherin beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.

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Schlimmer noch: Eine eigenständige Einnahme solcher Präparate kann schnell zu einer Überdosierung führen. Das kann der Gesundheit schaden. 

Schlimmer noch: Eine eigenständige Einnahme solcher Präparate kann schnell zu einer Überdosierung führen. Das kann der Gesundheit schaden.

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Darum gehts

  • Viele Menschen nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein, um sich vor Krankheiten zu schützen.

  • Doch in der Regel bringt das nichts, in einigen Fällen bewirken sie sogar das Gegenteil.

  • Fallstricke gibt es bei den zu den Lebensmitteln zählenden Präparaten einige.

  • Auch zu den Auswirkungen einer hohen Vitamin-D-Einnahme gibt es Neuigkeiten.

Nahrungsergänzungsmittel sollen unser Immunsystem stärken und unsere Organe fit machen. Das zumindest suggerieren die Hersteller. Und sie verdienen gut damit, denn viele Menschen greifen zu.

In einer Schweizer Ernährungserhebung aus dem Jahr 2015 gab knapp die Hälfte der 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, ihre Ernährung mit Vitamin- und Mineralstoffpräparaten zu ergänzen. Während der Pandemie dürften noch mehr Personen supplementieren – im guten Glauben daran, dass Vitamin-, Ballaststoff- und Spurenelement-Präparate und allen voran Vitamin-D helfen.

Für gesunde Menschen überflüssig

Doch so ist es leider nicht, sagen Experten. Supplemente brächten für die meisten Menschen nichts und kosteten bloss unnötig Geld. «Eine gesunde, erwachsene Person, die sich abwechslungsreich und ausgewogen ernährt und die Empfehlungen der Schweizerischen Nahrungsmittelpyramide beachtet, benötigt in der Regel keine Nahrungsergänzungsmittel», sagt Eva van Beek, Sprecherin beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.

Nimmt eine Person ohne Mangel «zusätzlich zur normalen Ernährung mehrere und/oder hochdosierte Präparate ein, steigt das Risiko für eine Überversorgung mit den betreffenden Stoffen, so van Beek. Das kann der Gesundheit schaden. Angereicherte Lebensmittel, sogenanntes Functional Food, verstärkten die Gefahr noch. Diese ist vor allem bei fettlöslichen Nährstoffen gross. Denn während der Körper wasserlösliche Vitamine einfach wieder ausscheidet, speichert er diese.

Wechselwirkungen und Krebspatienten

Entsprechend raten Experten von einer prophylaktischen Einnahme ab. Ob ein Mangel vorliegt, kann nur ein Arzt bestimmen, erklärt die BLV-Sprecherin. Etwa per Blutanalyse. «Für eine bestimmte Zielgruppe – zum Beispiel Schwangere und ältere Personen, kann eine vorübergehende Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittels sinnvoll sein.» Auch die Gabe von Vitamin D ist mitunter hilfreich (siehe Box). Dauerhafte Mängel und Unterversorgung seien durchaus bedenklich. Genau so sieht es auch das deutsche Bundesamt für Risikobewertung BfR.

Vitamin D schützt vor Atemwegsinfekten

In einer jüngst im Fachjournal «The Lancet Diabetes and Endocrinology» veröffentlichten Studie über Vitamin-D-Supplementierung, in welche die Daten aus Untersuchungen aus aller Welt eingeflossen sind, kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass das Hormon das Risiko von akuten Atemwegsinfekten deutlich senken kann. Dies allerdings nicht, wenn es in Form sogenannter Bolusgaben verabreicht wird, also hohen Dosen innerhalb eines kurzen Zeitraums, um schnell auf das Niveau der Effektivdosis zu kommen. Dann bringt Vitamin D keinen Vorteil. Anders ist es jedoch, wenn das Hormon täglich in Dosen von 400 bis 1000 IE eingenommen wird. Dann vermindert sich das Risiko von akuten Atemwegsinfekten um 30 Prozent. Die Menge entspricht in etwa «der Dosierung von 600 bis 800 IE pro Tag, die heute bereits vom Bundesamt für Gesundheit als volksgesundheitliche Präventionsmassnahme für die Knochengesundheit bei Erwachsenen empfohlen wird», so Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Unispital Zürich sowie Chefärztin der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid und Triemli. Für diese Dosierung brauche es bei jungen und älteren Erwachsenen keine vorherige Blutspiegelmessung von Vitamin D, «weil diese Dosierung belegtermassen in über 97 Prozent der Fälle den Vitamin D Mangel behebt und auch Menschen ohne Vitamin D Mangel nicht gefährdet.»

Wichtig ist die Konsultation eines Arztes auch, weil es zu Wechselwirkungen mit Medikamenten und Verfälschungen von Labortests kommen kann, wie Verbraucherzentrale.de schreibt. Besondere Vorsicht ist auch bei Krebspatienten geboten. So können etwa Vitamin B6 und B12 sowie Folsäure das Tumor-Wachstum beschleunigen.

Juristisch gesehen sind es Lebensmittel

Obwohl Nahrungsergänzungsmittel in Form von Tabletten, Dragees oder als Pulver angeboten werden, sind sie juristisch keine Heil-, sondern Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die normale Ernährung «mit Vitaminen, Mineralstoffen oder anderen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung» zu ergänzen, so van Beek. Deshalb müssen sie auch nicht aufwändig geprüft oder zugelassen werden. Verantwortlich ist allein der Hersteller. «Es gilt die Pflicht zur Selbstkontrolle.» Die Hersteller, Importeure und Inverkehrbringer seien verpflichtet, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten.

Besondere Vorsicht sei bei jenen Nahrungsergänzunsmitteln geboten, welche auf ausländischen Internetseiten oder Internetseiten ohne vollständige Adresse angeboten oder mit übertriebenen Versprechen à la «Wundermittel» beworben werden.

Dass die Präparate trotz allem so reissenden Absatz finden, ist laut Fachpersonen wie Stefan Gölder, Leiter des Ernährungsteams am Klinikum Augsburg, auch dem Placebo-Effekt geschuldet. Insbesondere dann, wenn die Kapseln von einem Apotheker oder Arzt empfohlen würden – Menschen, denen Patienten vertrauen, zitiert ihn Augsburger-Allgemeine.de: «Hier ist er wieder: der Unterschied zwischen der tatsächlichen, objektiven Wirkung und der psychischen, subjektiven. Das Ergebnis kann in beiden Fällen das gleiche sein, muss es aber nicht.»

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Deine Meinung

431 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

P.Pan

10.04.2021, 16:03

Nahrungsergänzung ist gut - für der Anbieter/Hersteller. Iss einen Apfel am Tag und gut isrs.

Nur nicht zu trocken -

10.04.2021, 07:11

Nahrungsergänzungsmittel sind bei ausgewogenem Essen unnötig, wie nasses Brot. Und dafür ist jeder selbst verantwortlich.

Alles Esser

09.04.2021, 13:02

Gesunde Ernährung reicht aus. Bin pensioniert und nehme gar nichts zusätzlich und bin gesund, eine Kollegin gleich alt nimmt seit Jahren dieser Ergänzung Schrott und sie jammert immer dass sie kaputt sei . Ich dagegen bin fit Gott sei Dank