Aktualisiert 22.02.2010 16:31

Linux

So sollte man surfen

Der Name des Nokia N900 verweist bereits auf seinen stolzen Preis. Dafür bekommt man das exotische Betriebssystem Maemo 5 und kann sich dank Firefox Mobile so komfortabel durchs Netz bewegen wie mit keinem anderen Smartphone. Ob sich die Anschaffung lohnt, hat 20 Minuten Online ausprobiert.

von
Henning Steier
Nokia N900: Erstes Smartphone mit Maemo 5.

Nokia N900: Erstes Smartphone mit Maemo 5.

Bereits auf der Nokia World im vergangenen Herbst in Stuttgart stellte der Weltmarktführer sein erstes Smartphone auf Linux-Basis vor. Das N900 kommt mit Maemo 5 zum Kunden, bietet 32 Gigabyte Speicher, HSPDA-Support mit bis zu 10 MBit/s und HSUPA bis zu 2 MBit/s. Ausserdem stecken eine 5-Megapixel-Kamera und ein mit 800 x 480 auflösender 3,5-Zoll-Touchscreen im Gehäuse, welches 111 x 60 x 18 Millimeter misst und 180 Gramm wiegt. Insgesamt ist das Gerät also vergleichweise dick und schwer. Zwar bietet es eine herausziehbare QWERTZ-Tastatur. Das Display lässt sich allerdings nicht schräg stellen, so dass man beispielsweise wie beim N97 das Gefühl hätte, vor einem Miniatur-Rechner zu sitzen. Dafür sind die Druckpunkte der Tasten angenehm und die Keys selbst lassen sich auch mit grösseren Fingern problemlos treffen. Unschön ist, dass zwischen ihnen Ritzen sind, in denen sich leicht Schmutzpartikel sammeln können, die sich kaum entfernen lassen.

Im Unterschied zum iPhone ist das N900 multitaskingfähig, kann also mehrere Anwendungen im Hintergrund laufen lassen, während man beispielsweise im Netz surft. Mittlerweile gibt es zahlreiche Geräte wie das HD2 von HTC oder Toshibas TG-01, die 1-Gigahertz-CPUs an Bord haben. Im Inneren des N900 werkelt zwar ein 600-Megahertz-Prozessor - doch das Smartphone braucht sich in punkto Arbeitsgeschwindigkeit nicht zu verstecken. Die Fotofunktion liefert nur bei Tageslicht brauchbare Bilder. Das gilt auch für die Videos, welche die Kamera mit bis zu 800 x 480 Pixeln und 25 Bildern pro Sekunde aufnimmt. Pluspunkte gab es hingegen für die guten Kontrastwerte des Displays und die überdurchschnittliche Sprachqualität. Minuspunkte fallen wegen des resistiven Touchscreens an, der verhältnismässig starken Fingerdruck benötigt, um zu reagieren.

Flash und Multitasking

Mit kurzen Ladezeiten konnte der vorinstallierte Browser überzeugen. Wegen der Unterstützung von Adobe Flash und AJAX kann man Videos und Spiele so nutzen, als sässe man am Rechner. Multitouch wird leider nicht unterstützt: Wer in Websites hineinzoomen möchte, kann dies entweder per Doppelklick oder Drehen des Fingers tun. Letztgenannte Variante hatte im Test mit zehn aufgerufenen Seiten aber in fünf Fällen mit Aussetzern zu kämpfen. Wartezeiten wegen Denkpausen sollten die meisten Nutzer eines N900 hingegen kaum erleben, denn das User Interface ist, von den oben links und rechts versteckten Menüfunktionen abgesehen, äusserst einfach gehalten und dürfte daher für die meisten leicht verständlich sein. So lassen sich die vier Homescreens anpassen und zum Beispiel mit Widgets und Favoriten versehen. Schwieriger hingegen dürfte hingegen die Nutzung des N900 mit Mac OS X oder als Spielekonsole sein. Wie die beiden obigen Videos zeigen, braucht es dazu einiges Know-How. Trotzdem ist das N900 wegen des quelloffenen Betriebssystems und der damit verbundenen Anpassungsmöglichkeiten bei Geeks äusserst beliebt. Nicht nur Technik-Experten dürften sich allerdings über die mit knapp drei Stunden äusserst kurze Maximalsprechzeit ärgern. Das N900 muss viel zu schnell wieder an die Steckdose.

Ausbaufähiges Angebot

Wer ein App-Angebot wie in Apples App Store, Googles Android Market oder Nokias Ovi Store sucht, wird mit dem N900 allerdings nicht auf seine Kosten kommen. Zwar hat die Linux-Gemeinde schon etwa 100 Tools für das Maemo bereit gestellt, die sich über den Programm-Manager auch leicht finden lassen. Bis die eingeschränkte Auswahl, die aber immerhin schon Standard-Programme wie RSS- und eBook-Reader sowie einfache Spiele enthält, ausgebaut wird, dürfte es noch dauern, denn Linux-Handys sind Nischenprodukte. Dafür gibt es aber bereits den Firefox für Maemo. Ausser auf dem N900 läuft der populäre Open-Source-Browser bislang nur noch auf dem N810.

Wichtigster Vorteil des Firefox Mobile gegenüber bekannten Mobil-Browsern wie Opera mini oder Safari sind Add-ons. Vor allem die Erweiterung Weave Sync erwies sich im Test als überaus nützlich. Denn dank ihr kann man unter anderem Lesezeichen, Chronik und Einstellungen zwischen Smartphone und Heim-PC abgleichen. Allerdings musste im Test erst einmal eine Hürde genommen werden. Im Gegensatz zur Anleitung der Mozilla Foundation muss der Shortcut des Browsers nach dem Herunterladen manuell zu einem Homescreen hinzufügen. Grundsätzlich überzeugt die mobile Version des Feuerfuchses mit bereits von der Desktop-Variante bekannten Funktionen wie der Awesome Bar: Wenn man ein paar Buchstaben eingibt, durchsucht der Browser Chronik und Lesezeichen. Das spart viel Zeit beim Surfen. Praktisch ist auch der Download-Manager, welcher einem hilft, heruntergeladene Dateien leichter wiederzufinden. Dies ist nämlich auf vielen Smartphones nicht so einfach.

Fazit

Das Nokia N900 ist ein Smartphone, das auf den ersten Blick nichts über seine Geräteklasse Herausragendes zu bieten hat. Aber weil die meisten Nutzer ihr Smartphone zum Surfen benutzen und es den Firefox Mobile bislang nur für Maemo gibt, sammelt das Gerät in diesem Bereich Pluspunkte, die es zu einer echten Alternative zur Konkurrenz von Apple, HTC und Co machen. Man probiere nur einmal, mit dem Firefox und einer entsprechenden Erweiterung ein Video herunterzuladen - kein Problem, mit anderen Geräten kaum machbar.

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