Protokoll des Attentats: So spielte sich das Drama auf Utøya ab
Aktualisiert

Protokoll des AttentatsSo spielte sich das Drama auf Utøya ab

Ein Mann, zwei Waffen und über 80 Tote: Überlebende schildern, was auf der Insel Utøya Minute für Minute geschah.

Als der blonde Mann in der Polizeiuniform zu schiessen anfing, konnten viele der Jugendlichen auf der norwegischen Insel Utøya zunächst gar nicht glauben, dass das, was sie sahen, real war. Als ihnen dann aber klar wurde, dass wirklich Blut aus den Schusswunden der ersten Opfer floss, rannten sie um ihr Leben. Einige versuchten, sich auf der winzigen Insel zu verstecken, andere sprangen ins kalte Wasser, um ans rettende Ufer zu schwimmen. Eine Übersicht der Ereignisse vom Freitag aus der Sicht der Überlebenden:

Gegen 15.30 Uhr: Die etwa 600 Jugendlichen auf Utøya hören am dritten Tag ihres Feriencamps erste Nachrichten von dem Anschlag in der etwa 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Oslo.

Gegen 16.30 Uhr: Die Jugendlichen empfangen auf ihren Smartphones Bilder des Anschlags in Oslo. Das Ausmass der Katastrophe wird ihnen bewusst, viele versammeln sich in einem Gebäude und diskutieren darüber. «Wir trösteten uns damit, dass wir auf unserer Insel wenigstens in Sicherheit seien», schreibt eine Camp-Teilnehmerin am nächsten Tag in ihrem Blog.

Täter trug die Waffen sichtbar

Gegen 17 Uhr: Ein Mann in Polizeiuniform erreicht mit einem kleinen Boot die Insel. Er trägt sichtbar zwei Waffen, was in Norwegen ungewöhnlich ist. Zunächst erklärt er, er sei zum Schutze der Jugendlichen gekommen, plötzlich beginnt er dann aber zu schiessen.

17.10 Uhr: Jugendliche, die sich in der Mitte der Insel versammelt haben, hören vom Ufer kommende Panik-Geräusche. Zunächst vermuten sie, es handle sich um explodierende Ballons. Als ihnen klar wird, dass geschossen, wird, bricht Chaos aus. Mehrere Jugendliche rufen eine Notrufnummer an. Dort wird ihnen jedoch erklärte, sie sollten die Leitung nicht blockieren, falls ihr Anruf nicht mit dem Anschlag in Oslo zu tun habe.

17.15 Uhr: Laut Augenzeugen erreicht der Täter das Gelände, auf dem die Zelte stehen, geht diese systematisch ab und schiesst aus kurzer Distanz auf jeden, den er dort vorfindet.

Offizieller Notruf um 17.27 Uhr

17.20 Uhr: Eine Gruppe versteckt sich in einer dunklen Ecke in einem der wenigen Gebäude auf der Insel.

17.25 Uhr: Als die Schüsse näher kommen, fliehen die Jugendlichen durch ein Fenster. Einige von ihnen schreiben Textnachrichten an ihre Eltern.

17.27 Uhr wird von der norwegischen Polizei offiziell als Zeitpunkt des ersten Notrufs angegeben.

Polizei kommt über Land

17.30 Uhr: Die Jugendlichen fliehen in Richtung der Ufer, einige springen ins kalte Wasser, um sich schwimmend in Sicherheit zu bringen. Der Täter schiesst auf alles, was sich bewegt. Ein Mädchen berichtet, wie sie auf dem Körper einer toten Kameradin liegt und dabei versucht, sich möglichst still zu verhalten.

17.38 Uhr: Eine Sondereinheit der Polizei bricht von Oslo nach Utøya auf. Die Einsatzleitung entscheidet, über Land zu fahren, da ein Helikopter offenbar nicht unmittelbar einsatzbereit ist.

Polizei hat kein Boot

17.45 Uhr: Der Besitzer eines gegenüber der Insel gelegenen Campingplatzes hört eigenen Angaben zufolge seit mehr als einer halben Stunde Schüsse. Doch erst jetzt wird ihm klar, dass sich auf der Insel etwas Schreckliches abspielen muss. Erste Überlebende erreichen schwimmend das etwa 800 Meter von Utøya entfernte Ufer. Sie berichten, dass andere noch im Wasser angeschossen wurden und vermutlich ertrinken würden. Der Besitzer des Campingplatzes und einige Urlauber fahren mit mehreren kleinen Booten in Richtung der Insel, um Überlebende zu retten.

17.52 Uhr: Erste Polizisten erreichen das Gebiet, da sie aber kein eigenes Boot haben, müssen sie zunächst warten.

18.00 Uhr: Vier Jugendliche, die offenbar noch nicht wissen, dass der Polizist auf der Insel in Wahrheit keiner ist, rennen ihm Schutz suchend entgegen. Alle vier werden erschossen. Andere sehen dies aus ihren Verstecken, ohne eingreifen zu können.

«Ich wusste nicht, wem ich noch trauen konnte»

18.09 Uhr: Die Sondereinheit der Polizei aus Oslo erreicht das Gebiet gegenüber der Insel Utøya.

18.25 Uhr: Die Polizei erreicht die Insel. Zunächst weiss sie nicht, wie viele Attentäter sich dort befinden. Viele der Jugendlichen bleiben aus Angst zunächst weiter in ihren Verstecken. Nach wenigen Minuten wird der 32-Jährige Täter gestellt - laut Polizeiprotokoll um 18.27 Uhr, früheren Angaben zufolge gegen 18.35 Uhr. Der Mann ergibt sich und wird festgenommen. Die kleinen Boote, die zur Rettung der Jugendlichen losgefahren waren, sind teilweise zu voll, um weitere Menschen aufzunehmen.

19 Uhr: Noch immer werden Überlebende aus dem Wasser gerettet. Auf der Insel wagen es einige der Jugendlichen noch immer nicht, aus ihren Verstecken hervorzukommen. «Ich wusste nicht, ob ich ihnen trauen konnte», sagt eine der Überlebenden. «Ich wusste nicht, wem ich überhaupt noch trauen konnte.» (dapd)

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